| 08:08 Uhr

Essay
Cash en de Täsch

Essay Trotz aller Versuche, Scheinen und Münzen die Zukunftsfähigkeit abzusprechen, hängen die Deutschen weiter am Bargeld. Vier von fünf Transaktionen laufen über Kasse oder Portemonnaie. Ein Plädoyer gegen den virtuellen Hype. Georg Winters

Ja, ja, wissen wir schon, kennen wir schon. Gleich werden wieder jene um die Ecke kommen, die immer behaupten, Bargeld begünstige die Schwarzarbeit (einschließlich der illegal beschäftigten Putzfrau übrigens), den Drogenhandel, den Terrorismus. Und allein deshalb sollten Münzen und Scheine so weit wie möglich abgeschafft werden. Und überhaupt: Wer braucht noch Bargeld, wenn man doch fast überall mit Giro- oder Kreditkarte zahlen kann, über Paypal und Paydirekt oder andere moderne Zahlungsmittel?

Sehr viele, lautet die Antwort. Bargeld lacht noch immer. Etwa 80 Prozent aller Einkäufe im deutschen Einzelhandel werden cash bezahlt, der Anteil am Gesamtumsatz macht immer noch die Hälfte aller Erlöse aus. Ende 2017 waren 21,4 Milliarden Euroscheine im Umlauf - über eine Milliarde mehr als ein Jahr zuvor. Und selbst wenn 2018 die Umsatz-Waage erstmals zugunsten der elektronischen Zahlungsmittel ausschlagen sollte - der Tod des Bargeldes, den manche herbeireden wollen, ist weit weg. Die zwei Jahre alte Prognose von Deutsche-Bank-Chef John Cryan, in zehn Jahren gebe es kein Bargeld mehr, erscheint gewagt. "Das Produktionsvolumen bei Bargeld wächst immer noch leicht", sagte jüngst Ralf Wintergerst, Vorstandsvorsitzender des weltweit führenden Banknotendruckers Giesecke & Devrient. Nicht mal in China, wo die Bezahl-App schon fast als heiligste aller Errungenschaften des Finanzsystems gefeiert wird, geht der Bargeldbestand zurück.

Gott sei Dank, möchte man rufen, ohne als Ewiggestriger gelten zu wollen. Natürlich wird niemand den Vormarsch des elektronischen Bezahlens aufhalten. Das wäre in Zeiten, in denen Online-Konten weitgehend der Normalfall geworden sind, Kreditverträge mitunter per App geschlossen werden und das Smartphone bei jüngeren Menschen immer mehr zum Zahlungsmittel wird, blauäugig. Dieser Text soll auch kein Plädoyer sein für "Nur Bares ist Wahres", sondern eines gegen den virtuellen Hype, der das Bargeld prinzipiell als Anachronismus verurteilt. Das ist Unsinn.

Ein paar Einwände: Je weniger Bargeld als Zahlungsmittel zum Einsatz kommt, umso gläserner ist der zahlende Bürger. Jeder mag sorglos sein mit seinen Daten und den Fußabdrücken, die er im weltweiten Datennetz hinterlässt - aber es muss jedem selbst überlassen sein, wie viel er von sich preisgibt, solange er sich an Recht und Gesetz hält. Ein Plädoyer für Bargeld ist gleichzeitig eines für das Recht auf Anonymität und weitestgehenden Datenschutz.

Selbst wenn man die Debatte über mehr Sicherheit für alle auf der einen oder mehr Freiheit für den Einzelnen auf der anderen Seite nicht führen mag - es gibt auch ökonomische Gründe für den Erhalt des Bargeldes. Haushalten zum Beispiel funktioniert deutlich besser, wenn man seinen Bestand im eigenen Portemonnaie oder der Haushaltskasse überprüfen kann, anstatt permanent den Kontostand abrufen zu müssen. Oder erinnern Sie sich noch genau daran, wie viel Sie nach Ihrer letzten Kartenzahlung im Supermarkt noch auf dem Konto hatten? Bargeld diszipliniert beim Einkauf, weil jeder über die Ladentheke oder die Registrierkasse ausgereichte Schein spürbarer Vermögensverlust ist. Kartenzahlung macht weitgehend immun gegen solche Schmerzen - mit gefährlichen Folgen. In den USA sind allein im Oktober des vergangenen Jahres die Kreditkarten-Schulden um 8,3 Milliarden Dollar gestiegen. Wer die wachsende US-Wirtschaft bejubelt, sollte sich vergegenwärtigen, dass Konsum auf Pump dazu maßgeblich beiträgt.

Nächstes Argument: Je mehr das Bargeld abgeschafft wird, umso mehr könnte das Vertrauen in die Geldwirtschaft schwinden. Die Folge könnte eine Flucht von Investoren in Sachwerte sein. In manchen Regionen könnte sich eine Immobilienblase entwickeln oder verstärken, an den Aktienmärkten drohte eine Überbewertung von Papieren mit entsprechendem Crash-Potenzial, der Goldpreis könnte durch die Decke gehen. Wenn dann der Absturz kommt, wird's ganz bitter.

Und am Rande: In Zeiten von Strafzinsen, in denen manche Kontoinhaber dafür zahlen müssen, dass die Bank oder Sparkasse ihr kleines oder großes Vermögen aufbewahrt, ist Bargeld ein Schutz vor Negativzinsen. Zudem: Sollte Ihre Bank pleite gehen (was in Deutschland zugegebenermaßen extrem selten ist) - Bargeld ist sicher. Denn das wird von der Zentralbank ausgegeben, während die Einlagen bei Ihrem Geldinstitut zwar durch alle möglichen Einlagensicherungssysteme abgesichert sein sollen. Aber eine Komplett-Garantie im Insolvenzfall eines einzelnen Geldhauses gibt es nicht. Was nicht heißen soll, dass man sich sein gesamtes Vermögen unters Kopfkissen legen sollte - erst recht nicht, wenn im kommenden Jahr die Zinsen tatsächlich wieder leicht steigen sollten. Aber das Bewusstsein, wie wertvoll Bargeld im Extremfall ist, kann nicht schaden.

Und jetzt? Immer noch der Meinung, Bargeld sollte komplett verschwinden? Nicht mal das eingangs erwähnte Argument, ohne Bargeld gebe es weniger Kriminalität, stimmt in dieser Absolutheit. Natürlich ist die Abschaffung des 500-Euro-Scheins durch die Europäische Zentralbank ein guter Schritt. Aber: Kriminelle wickeln ihre Zahlungen heute vielfach ohne Bargeld über Briefkastenfirmen in irgendwelchen Steueroasen ab, das Darknet bietet Platz für dunkle Geschäfte. Der steile Anstieg des Bitcoin ist nach Einschätzung von Fachleuten auch ein Ergebnis von Kriminalität im Netz, sein zwischenzeitlicher Absturz unter anderem eine Folge der Furcht davor, Bitcoin und Co. könnten staatlich durchaus stärker reguliert werden.

Bargeld hat eine lange Vergangenheit - und hoffentlich noch viel Zukunft.