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| 18:20 Uhr

Berlin
Burkinis erhitzen die Gemüter

Burkini aus synthetischen Geweben sind eine zulässige Badekleidung.
Burkini aus synthetischen Geweben sind eine zulässige Badekleidung. FOTO: Rolf Haid
Berlin. Ministerin Giffey wirbt für pragmatische Lösungen. Kritiker warnen vor Diskriminierung.

Die Debatte über Burkinis im Schwimmunterricht schlägt neue Wellen. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hält die muslimische Badebekleidung  notfalls für vertretbar. Kritiker warnen dagegen vor einer Zementierung radikal-islamischer Einstellungen.

Auslöser der jüngsten Debatte ist die  Entscheidung eines Gymnasiums im nordrhein-westfälischen Herne. Dort hatte man kürzlich 20 Burkinis angeschafft – damit keine Schülerin mehr eine Ausrede habe, nicht am Unterricht teilzunehmen, wie es von der Schulleitung zur Begründung hieß.

Prompt warnte CDU-Vize Julia Klöckner vor falsch verstandener Toleranz: Die Schule zementiere damit ein „frauendiskriminierendes Rollenverständnis“. Ähnlich sah es am Montag die Frauenrechtlerin Seyran Ates. Familienministerin Giffey indes warb für eine pragmatische Lösung. Sie befürworte das Tragen von Burkinis nicht, stellte die SPD-Politikerin auf Facebook klar. Man müsse aber dafür sorgen, „dass alle Kinder schwimmen lernen, egal welcher Herkunft sie sind und welche Religion sie haben“.

Burkini ist ein Kunstwort aus „Burka“ und „Bikini“. Bis auf das Gesicht bedeckt er nahezu den gesamten Körper und ist weit geschnitten, um weibliche Rundungen zu verbergen. Längst wurde das umstrittene Kleidungsstück auch schon juristisch vermessen. So urteilte das Bundesverwaltungsgericht bereits im Jahr 2003, dass muslimische Mädchen keinen Anspruch auf  Befreiung vom Schwimmunterricht haben, wenn sie einen Burkini tragen können. Um ihre religiösen Gefühle zu wahren, sei ein Ganzkörperbadeanzug als Kompromiss angemessen, meinten die Richter damals. Im vergangenen Jahr hatte der Europäische  Gerichtshof für Menschenrechte diese Sichtweise bestätigt.

Nun herrscht in Deutschland ohnehin Schulpflicht. Wer keinen triftigen Grund hat, sein Kinder vom Unterricht fern zu halten, und sei es auch nur in einem bestimmten Fach, der muss mit einem spürbaren Bußgeld oder sogar mit einer Freiheitsstrafe rechnen. Das Ausmaß der Strafe hängt von den Regelungen in den jeweiligen Bundesländern ab.

In der Praxis läuft die Sache aber anders, wie die grüne Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz  im RUNDSCHAU-Gespräch erläuterte: Die Eltern seien sich der Schulpflicht in Deutschland durchaus bewusst. Um jedoch Geldbußen zu vermeiden, führten sie „andere Gründe ins Feld. Das Kind ist am fraglichen Tag krank, es hat ein ärztliches Attest, und vieles mehr“.  Auch Giffey sieht dieses Problem und zieht daraus den Schluss: Wenn Schulleiter vor Ort eine pragmatische Lösung fänden wie im Fall Herne, sei das zwar nicht optimal. „Aber ich finde nicht, dass sich Bundespolitiker darüber erheben sollten“.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, hat Bedenken: „Integration funktioniert sicher am besten, wenn es keine Extrawürste gibt“, erklärte er auf Anfrage. Die Gefahr, dass sich nicht muslimische Mitschüler über den Burkini lustig machten, sei groß.

Auch könne die Zulassung des Burkinis  den Konflikt in Schulen noch verstärken, „weil manche Eltern dann nach dem Motto ,Wer ist der bessere Muslim?, unter Rechtfertigungszwang stehen, warum sie ihre Kinder nicht im Burkini zum Schwimmunterricht schicken“.

Insofern , so Maidinger, solle jede Schule selbst entscheiden, was in ihrer jeweils konkreten Situation das Richtige ist. „Im Zweifel ist es aber sicher wichtiger, dass auch muslimische Mädchen und Frauen schwimmen lernen“, sagte Meidinger.


Der Burkini
Der Burkini FOTO: LR