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| 18:33 Uhr

Bundesrechnungshof
Nutzen von Zahnspangen umstritten

Zahnspangen in Regenbogenfarben werden an der Berliner Charité, Campus Benjamin Franklin für Zahn- Mund- und Kieferheilkunde, präsentiert. Der Bundesrechnungshof hat jedoch erhebliche Zweifel an der Notwendigkeit vieler Behandlungen.
Zahnspangen in Regenbogenfarben werden an der Berliner Charité, Campus Benjamin Franklin für Zahn- Mund- und Kieferheilkunde, präsentiert. Der Bundesrechnungshof hat jedoch erhebliche Zweifel an der Notwendigkeit vieler Behandlungen. FOTO: Stephanie Pilick / dpa
Berlin. Bundesrechnungshof sieht Geldverschwendung – das Gesundheitsministerium widerspricht. Von Stefan Vetter

Gefühlt trägt heute fast jeder Teenager eine Zahnspange. Der Bundesrechnungshof hat jedoch erhebliche Zweifel an der Notwendigkeit vieler Behandlungen. Krankenkassen und Gesundheitsministerium widersprechen.

Gut eine Milliarde Euro geben die Kassen pro Jahr für kieferorthopädische Behandlungen aus. Ist da Geldverschwendung im Spiel? Der Bundesrechnungshof  hegt offenbar genau diesen Verdacht. „In anderen Leistungsbereichen der gesetzlichen Krankenversicherung muss der Nutzen einer Therapie wissenschaftlich bestätigt sein“, wurde Rechnungshof-Präsident Kay Scheller am Montag in Medienberichten zitiert. Bei kieferorthopädischen Behandlungen hätten die Kassen und das Bundesgesundheitsministerium aber keine entsprechend fundierten Erkenntnisse, monierte Scheller.

Schaut man sich die Ausgaben der Kassen genauer an, ergibt sich ein differenziertes Bild. Zwar lagen die Kosten für kieferorthopädische Behandlungen im Jahr 2015 mit 1,02♦Milliarden Euro auf fast dem gleichen Niveau  wie im Jahr 2001. Die Zahl der jährlichen Fälle hat sich in diesem Zeitraum aber auf  rund 618♦000 glatt halbiert.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Für einen Behandlungsfall müssen die Kassen heute im Schnitt doppelt so viel Geld ausgeben wie noch zur Jahrtausendwende.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) führt diese Entwicklung  auf allgemeine Kostensteigerungen sowie auf schwierigere Fälle zurück, die aufwendiger und teurer seien.

Nach dem Gesetz haben minderjährige Kassenpatienten  Anspruch auf eine Zahnspange, wenn eine Kiefer- oder Zahnfehlstellung vorliegt, die das Kauen, Beißen, Sprechen oder Atmen erheblich beeinträchtigt oder zu beeinträchtigen droht. Um das Ausmaß der Behandlungsbedürftigkeit besser zu erfassen, wurden im Jahr 2002 fünf Bedarfsgrade eingeführt. Mittels dieses Systems ist nach Auskunft des Gesundheitsministeriums eine „objektive Aussage“ möglich, ob die Kassen für eine Zahnspange am Ende aufkommen oder nicht.

Auch beim GKV-Spitzenverband kann man die Vorwürfe des Bundesrechnungshofs deshalb nicht nachvollziehen „Die Kostenübernahme durch die Kassen erfolgt nur ab dem  Behandlungsbedarfsgrad drei und nur bei Patienten zwischen zehn und 18 Jahren zu einhundert Prozent“, stellte eine Sprecherin auf Anfrage klar.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach teilt dagegen die Kritik der Rechnungsprüfer. „Das Grundproblem ist, dass die Krankenkassen zu viel Geld für junge und gesunde Mitglieder ausgeben und tendenziell zu wenig für chronisch kranke ältere Menschen.“

Die Zahnspangen seien dafür ein klassisches Beispiel, so Lauterbach gegenüber unserer Redaktion. „Es gibt keine Studien, die außer bei starken Fehlstellungen zeigen, dass Zahnspangen sich medizinisch positiv auswirken.“ Trotzdem werde hier durch die Krankenkassen  großzügiger verfahren, um gut verdienende Eltern und später auch deren arbeitende Kinder an sich zu binden, als bei älteren Menschen mit Gebiss-Problemen. „Ein schlechtes Gebiss bei Senioren erhöht aber sogar die Wahrscheinlichkeit von Demenz, wie wissenschaftliche Untersuchungen belegen“, erklärte Lauterbach. Als Konsequenz müssten die Aufsichtsbehörden von Bund und Ländern das Verhalten der Kassen stärker unter die Lupe nehmen. „Ist die Bewilligungspraxis korrekt oder steht dahinter nur der Wettbewerbsaspekt, darum geht es“. Gleichzeitig, so Lauterbach, müsse der kasseninterne Finanzausgleich so ausgestaltet werden, dass sich chronisch Kranke für die Kassen mehr lohnten.

Das Gesundheitsministerium indes will an den geltenden Leistungsansprüchen festhalten. „Andernfalls wäre der Zugang zu kieferorthopädischen Leistungen stark vom Einkommen der Versicherten beziehungsweise ihrer Sorgeberechtigten abhängig“, hieß es im  Ressort von Jens Spahn (CDU).