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| 15:10 Uhr

Gutachten der Wirtschaftsweisen
Boomphase mit wachsenden Tücken

Bundeskanzlerin Angela Merkel (l-r, CDU), Lars Feld, Professor für Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomie an der Albert Ludwig-Universität Freiburg und Christoph Schmidt, Präsident des Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, kommen  zur Übergabe des Jahresgutachtens 2017/18 des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (l-r, CDU), Lars Feld, Professor für Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomie an der Albert Ludwig-Universität Freiburg und Christoph Schmidt, Präsident des Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, kommen zur Übergabe des Jahresgutachtens 2017/18 des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. FOTO: Silas Stein / dpa
Berlin. Die Wirtschaft läuft bestens – fast schon zu gut. In ihrem am Mittwoch veröffentlichten Jahresgutachten sprechen die fünf Wirtschaftsweisen bereits von einer „Überauslastung“ der Kapazitäten in Deutschland. Nachfolgend die wichtigsten Punkte des Gutachtens im Überblick: Von Stefan Vetter

Wie lautet die Wachstumsprognose?

„In Deutschland hat der bereits fortgeschrittene, kräftige Aufschwung nochmals an Dynamik gewonnen“, heißt es in der Expertise. Einen entscheidenden Anteil habe die konjunkturelle Erholung im Euro-Raum. Gemessen an seinen früheren Prognosen hat das Forschergremium den Zuwachs beim Bruttosozialprodukt deshalb für 2017 deutlich nach oben korrigiert – von 1,4 Prozent auf 2,0 Prozent. Im kommenden Jahr soll sich der Aufschwung mit einem Plus von gar 2,2 Prozent fortsetzen. Die Bundesregierung hatte das Wachstum in ihrer Herbstprojektion für 2018 mit 1,9 Prozent etwas zurückhaltender bewertet.

Was ist für den Arbeitsmarkt zu erwarten?

Auch der brummt kräftig. Im Jahresdurchschnitt rechnen die Ökonomen mit 44,3 Millionen Beschäftigten. Das wären 660.000 mehr als im vergangenen Jahr. Und 2018 könnten noch einmal gut 500.000 hinzukommen. Gleichzeitig liegt die Arbeitslosigkeit in diesem Jahr mit durchschnittlich unter 2,6 Millionen auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. „Es wird für Unternehmen immer schwieriger, neue Arbeitskräfte zu finden, um die hohe Güter- und Dienstleistungsnachfrage zu bedienen“, heißt es dazu im Gutachten. „Nach und nach“ komme die deutsche Wirtschaft in eine „Boomphase“.

Was bedeutet eine „Überauslastung“?

Zunächst einmal ist das positiv: Denn um die gewachsene Nachfrage zu befriedigen, haben Unternehmen damit begonnen, wieder stärker in die Erweiterung ihrer Kapazitäten zu investieren. Das betrifft zum Beispiel die Bau-, aber auch die Forschungsinvestitionen. Deshalb warnen die Wirtschaftsweisen auch vor einem Ausbau der steuerlichen Forschungsförderung, weil dies nur unnötige Mitnahmeeffekte bei den Unternehmen mit sich brächte. Eine „Überauslastung“ kann nach Meinung der Experten aber auch zum Problem werden. Und zwar dann, wenn es sich um verfehlte Investitionen handelt. So war zum Beispiel der Bauboom in den USA und anderen Ländern ein wesentlicher Auslöser für den Ausbruch der internationalen Finanzkrise im Jahr 2008.

Was empfehlen die Experten der Politik?

Im Gutachten wird für eine „Neujustierung der Wirtschaftspolitik“ und für „wachstumsfreundliche Reformen“ geworben. Dazu zählen die Experten den Abbau des Solidaritätszuschlags und der sogenannten kalten Progression, damit Lohnzuwächse nicht zu einem großen Teil gleich wieder durch steuerliche Mehrbelastungen aufgezehrt werden. Die konkreten Spielräume dafür dürften an diesem Donnerstag mit der Bekanntgabe der aktuellen Steuerschätzung klarer werden. Außerdem mahnen die Ökonomen eine härtere Gangart in der Klimapolitik an.

Wer sind eigentlich die Wirtschaftsweisen?

Offiziell handelt es sich um den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Er wurde 1963 geschaffen, um mit regelmäßigen Gutachten die Politik zu beraten. Die fünf Mitglieder werden auf Vorschlag der Bundesregierung vom Bundespräsidenten für eine Dauer von fünf Jahren berufen. Vorsitzender ist seit 2013 der Ökonom Christoph Schmidt. Dem Gremium gehören außerdem Peter Bofinger, Lars Feld, Isabel Schnabel und Volker Wieland an.