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| 18:42 Uhr

USA
„Lasst uns die ganze Bande töten“

Bob Woodward  berichtet in seinem Buch  „Angst – Trump im Weißen Haus“ von beängstigenden Zuständen dort.
Bob Woodward berichtet in seinem Buch „Angst – Trump im Weißen Haus“ von beängstigenden Zuständen dort. FOTO: dpa / Cliff Owen
Washington . Der „Watergate“-Enthüller Bob Woodward hat ein Trump-Buch geschrieben, das Washington in Aufregung versetzt. Von Frank Herrmann

Um Schaden zu begrenzen, griffen sie bisweilen zu ungewöhnlichen Mitteln, die Berater des amerikanischen Präsidenten. Gary Cohn etwa, einst Wall-Street-Banker, dann zuständig für die Wirtschaftspolitik des Weißen Hauses, ließ unterschriftsreife Papiere vom Schreibtisch Donald Trumps verschwinden, sodass sie nicht signiert werden konnten. Was beispielsweise das Aus für ein Freihandelsabkommen mit Südkorea verhinderte, einen Vertrag, den der Protektionist Trump aufkündigen wollte, obwohl er den Süden im Atompoker mit Nordkorea als Verbündeten brauchte. Cohn habe die entsprechende Direktive von der Schreibtischplatte genommen, schreibt Bob Woodward, und Trump habe nicht gemerkt, dass etwas fehlte.

Anekdote für Anekdote hat Woodward zusammengetragen, wie das Regieren in Zeiten Donald Trumps funktioniert. Auf 448 Seiten zeichnet er die Skizze einer Machtzentrale, deren impulsiver Chef chaotische Entscheidungen triff, während ihn alarmierte Kabinettsmitglieder irgendwie auszubremsen versuchen. „Fear“, der Titel des Buchs, gründet auf einem Interviewsatz, mit dem der Kandidat Trump im Wahlkampf umriss, wie er politische Macht versteht. „Wahre Macht, ich will das Wort gar nicht benutzen, ist Angst.“

Am Dienstag wird der Wälzer erscheinen, dem Tag hat man entgegengefiebert wie einer wichtigen Abstimmung im Parlament. Nun aber hat die Washington Post die brisantesten Passagen bereits vorab publik gemacht – und die Stadt Washington in helle Aufregung versetzt. Es hagelt Dementis, Trump unterstellt dem legendären Chronisten, sich vor den Karren der Demokraten spannen zu lassen und Zitate erfunden zu haben. Was Woodward mit der Abgeklärtheit eines Altprofis kontert: Er habe auf Band aufgezeichnet, was ihm aktuelle und ehemalige Mitarbeiter der Regierung anvertrauten.

Da ist James Mattis, der Verteidigungsminister, der am Telefon den Auftrag erhält, ein Mordkomplott gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad zu schmieden. „Lasst ihn uns verdammt noch mal töten!“, weist Trump den Ex-General an, nachdem Assads Regime im April 2017 ein weiteres Mal Chemiewaffen eingesetzt hatte. „Lasst uns reingehen. Lasst uns die ganze Bande töten.“ Mattis, so Woodward, habe nicht widersprochen, einem Vertrauten hinterher jedoch zu verstehen gegeben, dass man nichts dergleichen tun werde. „Wir werden sehr viel überlegter vorgehen“, soll er gesagt haben, bevor er das Militär einen begrenzten, eher symbolischen Raketenschlag gegen Syrien planen ließ.

Neun Monate später, der Nationale Sicherheitsrat der USA beriet über die Korea-Strategie, fragte Trump, warum man militärisch überhaupt präsent sei auf der koreanischen Halbinsel, wieso man überhaupt Geld dafür ausgebe. Mattis‘ lakonische Antwort: „Um einen Dritten Weltkrieg zu verhindern.“ Anschließend, schreibt Woodward, habe der Minister im kleinen Kreis über einen Präsidenten geklagt, der von internationaler Politik so viel verstehe wie ein Fünft- oder Sechstklässler.

John Kelly, Trumps zweiter Stabschef, nennt seinen Vorgesetzten, hinter vorgehaltener Hand, versteht sich, einen Idioten. „Es hat keinen Sinn, ihn von etwas zu überzeugen. Er ist mental entgleist. Ich weiß nicht einmal, warum wir alle hier sind.“ Das Weiße Haus, in Kellys Beschreibung ist es Crazytown. Ein Tollhaus.

In Woodwards Erzählung benimmt sich der Hausherr zudem wie ein Tyrann, der ungeniert herzieht über Untergebene, die er für Schwächlinge hält. Seinen Justizminister Jeff Sessions, im Wahlkampf der erste Politiker von Rang, der ihn unterstützte, macht er als beschränkten Südstaatler lächerlich. Sessions, höhnt er, würde nicht mal zum Provinzanwalt in einer  Ein-Mann-Kanzlei in Alabama taugen. Und als sein damaliger Anwalt John Dowd eine halbe Stunde lang mit ihm übt, um ihn auf eine Befragung durch Robert Mueller, den Sonderermittler der Russlandakte, vorzubereiten, wirft der Jurist entnervt das Handtuch. Da sich Trump ständig in Widersprüche verstricke, könne man ihn unmöglich vor Mueller aussagen lassen, schlussfolgert Dowd. Dem Präsidenten würde ein orangefarbener Einteiler drohen – Gefängniskleidung.

Völlig überraschend kommt das alles nicht. Schon Michael Wolff hat in „Fire and Fury“ das Porträt eines Mannes gemalt, der nichts liest und nichts dazulernen will, dafür aber Mitarbeiter gern seine Macht spüren lässt. Aber Woodward ist Woodward,  eine Institution. Anfang der Siebziger deckte er mit Carl Bernstein, seinem Reporterkollegen bei der Washington Post, den Watergate-Skandal auf, der den Präsidenten Richard Nixon schließlich zum Rücktritt zwang. Was er schreibt, beruht auf akribischer Recherche und verlässlichen Quellen. Für sein neuestes Werk hat er sich mit seinen Gesprächspartnern in Privathäusern getroffen, nach eigenen Angaben insgesamt mehrere Hundert Stunden lang.

Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Gary Cohn, auch er inzwischen zurückgetreten, soll Trump mehrfach gefragt haben, worauf seine Ansichten zum Welthandel beruhen. „Ich habe diese Ansichten schon seit dreißig Jahren“, bekam er zur Antwort. Darauf Cohn: „Das heißt aber nicht, dass sie richtig sind“. Er selber sei 15 Jahre lang der Ansicht gewesen, professionell Football spielen zu können – und habe sich eben geirrt.