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| 19:19 Uhr

Politik
Blutbad auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt

Der Weihnachtsmarkt am Fuße des Straßburger Münsters blieb am Mittwoch geschlossen. Polizisten patrouillierten zwischen den geschlossenen Ständen.
Der Weihnachtsmarkt am Fuße des Straßburger Münsters blieb am Mittwoch geschlossen. Polizisten patrouillierten zwischen den geschlossenen Ständen. FOTO: dpa / Sebastian Gollnow
Paris. Der flüchtige Täter schoss wahllos auf Passanten, tötete zwei Menschen und verletzte 13 weitere zum Teil lebensgefährlich. Von Peter Heusch

Mitten in der Adventszeit ist der Terror nach Frankreich zurückgekehrt. Gleich drei Mal eröffnete gegen 20 Uhr am Dienstagabend ein 29-jähriger Franzose in unmittelbarer Nähe des berühmten Straßburger Weihnachtsmarkts mit einem Revolver das Feuer und schoss wahllos auf Passanten. Er tötete zwei Menschen und verletzte 13 weitere, von denen gestern noch fünf in Lebensgefahr schwebten und ein sechster von den Ärzten als klinisch tot erklärt wurde.

Obwohl die Behörden umgehend Terroralarm auslösten und das Zentrum der elsässischen Metropole innerhalb weniger Minuten abgeriegelt wurde, gelang dem Täter die Flucht. „Ich habe noch nie eine solche Angst gehabt“, erzählt Cédric. Der Student, der gemeinsam mit drei Freunden den Weihnachtsmarkt besucht hatte, befand sich unweit der zentralen Einkaufsstraße Rue des Grandes Arcades, als die ersten Schüsse fielen und eine Panik auslösten.

„Überall fingen die Leute an zu laufen, um sich in Sicherheit zu bringen“, beschreibt Cédric die Szene. „Auch wir sind losgerannt und haben uns in ein Bistro geflüchtet. Als ein Kellner hinter uns die Tür verriegelte, hörte er erneut mehrere Schüsse. Da wurden die Einwohner und Touristen von der Straßburger Polizeipräfektur bereits über Rundfunk, Facebook und Twitter aufgefordert, Schutz zu suchen, auf keinen Fall ihre Häuser, Hotels, Restaurants oder Cafés zu verlassen und sich zu verbarrikadieren.

Der Besitzer des Bistros, in dem Cédric gestrandet war, scheuchte sogar alle Anwesenden in das Untergeschoss der Gaststätte und löschte das Licht. „Wir saßen vier Stunden im Dunkeln, während draußen die Sirenen der Polizei- und Krankenwagen heulten. Dann hämmerte ein Polizist oben an die Tür und rief uns zu, dass wir herauskommen können“, schildert Cédric „den schlimmsten Abend meines Lebens“.

Tatsächlich kamen die französischen Behörden erst kurz nach Mitternacht zu der Gewissheit, dass sich der Todesschütze nicht mehr in der Straßburger Innenstadt aufhielt. Zwei Mal waren zuvor patrouillierende Soldaten bei dem Versuch gescheitert, den Mann zu stellen. In beiden Fällen kam es zu Schusswechseln, bei denen nicht nur zwei Soldaten, sondern auch der Täter am Arm verletzt wurden. Wenige Minuten nach dem zweiten Zusammenstoß stoppte er mit vorgehaltener Waffe einen Taxifahrer, den er zwang, ihn in das Straßburger Wohnviertel Neudorf zu fahren.

Polizisten und Soldaten wussten sehr schnell, mit wem sie es zu tun hatten. Anhand von Videoaufnahmen der Überwachungskameras konnte der Angreifer beinahe umgehend identifiziert werden. Es handelt sich um den aus Straßburg stammenden und wegen Einbruchs sowie bewaffnetem Raubüberfall vorbestraften Chérif C. Der als kaltblütiger Gewalttäter geltende C. verbüßte schon als 22-jähriger eine zweijährige Haftstrafe in seiner Heimat. 2016 wurde er dann in Deutschland wegen schweren Diebstahls festgenommen und vom Amtsgericht Singen zu zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt.

2017 ist C. nach Frankreich abgeschoben worden, wo er den Rest seiner Haftstrafe verbüßte und 2018 freikam. Weil er sich im Gefängnis radikalisiert haben soll, wurde er in einer mittlerweile 26 000 Personen umfassenden Sonderkartei potenzieller Gefährder geführt. Erst am frühen Dienstagmorgen sollte er erneut verhaftet werden wegen des Verdachts, jüngst an einem weiteren und äußerst brutalen Raubüberfall beteiligt gewesen zu sein. Doch als die Gendarmen an die Tür seiner Wohnung im Straßburger Neuhof-Viertel klopften, war er ausgeflogen.

Noch in der Nacht auf Mittwoch wurden in ganz Frankreich die höchste Stufe des Terroralarms ausgelöst und 600 Ordnungshüter zusammengezogen, die im Großraum Straßburg nach dem Attentäter fahnden. Laurent Nunez, Staatssekretär im französischen Innenministerium, wollte gestern Mittag jedoch nicht ausschließen, dass sich C. über die nahe und derzeit geschlossene Grenze nach Deutschland abgesetzt haben könnte, wo ebenfalls nach C. gesucht wird.

Am Mittag bestätigte der landesweit für Terrorermittlungen zuständige Pariser Staatsanwalt Rémi Heitz auch, dass es keine Zweifel mehr gebe am „terroristischen Charakter“ der Bluttat. Mehrere Augenzeugen haben berichtet, dass C. jedes Mal, wenn er das Feuer eröffnete, „Allah Akbar“ (Allah ist groß) rief.

Während die Ermittler vier Personen aus seinem engeren Bekanntenkreis zur Einvernahme in Polizeigewahrsam nahmen, berief Staatspräsident Emmanuel Macron eine Krisensitzung des Sicherheitskabinetts ein, um eine Neueinschätzung der aktuellen Bedrohungslage vorzunehmen und gegebenenfalls über zusätzliche Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung zu entscheiden.

Die Sicherheitsmaßnahmen des Straßburger Weihnachtsmarkts freilich sind schon seit Jahren „maximal“ und von Nunez persönlich noch Ende November überprüft worden. Zu ihnen gehören ein Videoüberwachungssystem, ein starkes Aufgebot an schwerbewaffneten Ordnungshütern, die Anwesenheit von Soldaten der in die Abwehr von terroristischen Anschlägen eingebundenen Armee-Mission Sentinelle (Wachtposten), Besucherkontrollen sowie ein allein nächste Anwohner ausnehmendes Fahrverbot.

Natürlich, so der Terrorismus-Experte Jean-Charles Brisard, wisse man, „dass Weihnachtsmärkte ein ideales Anschlagsziel für Islamisten“ seien, weil sie gleichzeitig ein Symbol für das höchste christliche Fest sind und große Menschenmengen anziehen. Für den zu jeder Adventszeit von mehr als zwei Millionen Besuchern gestürmten und weit über Frankreichs Grenzen hinaus bekannten Straßburger Weihnachtsmarkt gilt das erst recht. Schon im Winter 2000 wurde hier ein geplantes Bombenattentat im buchstäblich letzten Moment vereitelt. 48 Stunden, bevor sie zur Tat schreiten wollten, konnten damals dank eines Hinweises des britischen Geheimdiensts vier Mitglieder einer Salafisten-Gruppe in Frankfurt verhaftet und zu langen Haftstrafen verurteilt werden. Seither sollen mindesten zwei weitere geplante Anschläge, deren Vorbereitung unterschiedlich weit gediehen war, durch die französischen Dienste verhindert worden sein.