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| 10:00 Uhr

Gott und die Welt
Beweglichkeit steht hoch im Kurs. Zum Hamsterrad werden darf sie aber nicht.

Die mobile Gesellschaft ist ein Schlagwort unserer Zeit, das Vieles, also nichts Genaues bedeutet. Im Zweifelsfall bedeutet es alles, je nach Bedarf: Mal ist es die Beweglichkeit im Denken, mal die Bereitschaft, für den Arbeitsplatz um die halbe Welt zu reisen, mal der Sportsgeist, der die Fitness zum Körperkult erhebt.

Mobilität ist ein Wert an sich geworden; Unbewegliches gilt allenfalls noch als wertvoll, wenn man von der Immobilie in guter Lage spricht. Es ist nie gut, wenn ein Wert quasi zum Selbstläufer wird. Nur mobil zu sein, um wie alle anderen auch mobil zu sein, ist eine insgesamt schale und dürftige Lebensanstrengung. Dann kann die Mobilität schnell zum Hamsterrad werden und zu einer Beweglichkeit degenerieren, die ausschließlich um sich selbst kreist und Fortschritt nur vortäuscht.

Bewegung und Mobilität sind vor allem dann ergiebig und am Ende auch erfüllend, wenn sie mit Veränderungen verbunden sind. Wenn sich etwas im Leben tatsächlich bewegt hat - nicht unbedingt und ausschließlich im Sinne eines zielgerichteten Fortschritts (den wollen alle, und oft sind es vergleichbare Ziele), sondern eher im Sinne einer persönlichen Entwicklung. "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu", hat Wolf Biermann mal gesungen. Daran ist sehr viel richtig. Doch es hört sich problemloser und friedlicher an, als es ist. Jeder kennt Veränderungen, die nicht alles besser gemacht haben. Das muss es aber auch gar nicht. Weil der Ausgang jeder echten Veränderung ungewiss bleiben wird. Wir können uns dies und das prima denken und vorstellen - den neuen Job wie das exotische Urlaubsziel. Es liegt in unserer Natur, dass wir alles Künftige immer nur projizieren können. Zu einer echten Veränderung bedarf es darum Mut sowie der Bereitschaft, sich auf die Welt einzulassen, statt sie nach eigenen Maßgaben verbiegen zu wollen.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

(RP)