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| 09:22 Uhr

Sozialwissenschaftlerin Katja Salomo im Interview
„Frauen kommen seltener zurück“

 Wenn es schwieriger für die Männer wird, eine Frau zu finden, dann verstärkt das Radikalisierungsprozesse.
Wenn es schwieriger für die Männer wird, eine Frau zu finden, dann verstärkt das Radikalisierungsprozesse. FOTO: dpa / Robert Rutkowski
Cottbus. Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Katja Salomo sieht Abwanderung und Männerüberschuss als Gefahr für die Demokratie. Wo die genauen Ursachen liegen, erklärt sie im Interview mit der LAUSITZER RUNDSCHAU. Von Christine Keilholz

Frauen halten auf dem Land die Gesellschaft zusammen, wo sie fehlen, radikalisieren sich die frustrierten Männer und wählen eher Rechtspopulisten (RUNDSCHAU berichtete). Wir sprachen mit der Berliner Sozialwissenschaftlerin Katja Salomo.

Frau Salomo, was bedeutet es für eine Region, wenn mehr Frauen weggehen als Männer?

Salomo  Frauenmangel in einer Region heißt erstmal, dass Männer unzufrieden sind, weil sie keine Frauen finden. Aber es geht noch weiter. Frauen investieren mehr in den sozialen Zusammenhalt. Nicht nur in der Familie, auch in der Nachbarschaft und in Vereinen sind Frauen viel engagierter als Männer. Dieser Beitrag fehlt dann, wenn mehr Frauen die Region verlassen. Das heißt, der soziale Zusammenhalt vor Ort dürfte darunter leiden, dass Frauen in einer bestimmten Altersgruppe nicht da sind.

Wie wirkt sich das aus?

Salomo Da kommen dann noch andere Faktoren dazu, wie hohe Abwanderung und damit hohe Alterung der Gesellschaft. Auf lange Sicht hat der Wegzug von Frauen einen Effekt auf die Mentalität der Menschen, die am Ort bleiben. Sie fühlen sich benachteiligt und haben Angst, auf die Verliererseite zu geraten. Das führt zu Abstiegsängsten und Verunsicherung, denn diese Prozesse haben sich über lange Zeit entwickelt und werden auch immer schlimmer. Aufgrund der Unsicherheit und gefühlten Benachteiligung sind die Menschen in bestimmten Regionen zum Beispiel weniger gewillt, Neuankömmlinge zu akzeptieren.

Warum ziehen die Frauen aus Ostdeutschland weg?

Salomo Der Osten hat sich zwar schon zu einer Dienstleistungsgesellschaft gewandelt, hängt aber noch weit hinter dem Westen zurück. Es gelingt Frauen besser, sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden, weil von Frauen generell immer noch erwartet wird, sich anzupassen. Frauen arbeiten häufiger in Dienstleistungsberufen, dadurch ist der ostdeutsche Arbeitsmarkt für Frauen weniger interessant als für Männer, die vor Ort gut unterkommen.

Sind Frauen beweglicher als Männer?

Salomo Frauen ziehen nicht nur häufiger weg, sie kommen auch seltener zurück. Es ist nicht untypisch, dass junge Leute für die Ausbildung mal woanders hingehen – und dann wiederkommen. Frauen tun das seltener, weil sie leichter familiär Fuß fassen in Westdeutschland. Das heißt: Sie heiraten häufiger westdeutsche Männer. Umgekehrt haben ostdeusche Männer nicht die gleichen Chancen auf dem westdeutschen Heiratsmarkt. Das wirkt sich auch wieder auf das ungünstige Statusempfinden der Männer aus.

  Unsere Gesprächspartnerin Katja Salomo   Foto: Wissenschaftszentrum Berlin
Unsere Gesprächspartnerin Katja Salomo Foto: Wissenschaftszentrum Berlin FOTO: privat

Warum radikalisieren sich Männer, wenn Frauen fehlen?

Salomo Aus den Aussteigerprogrammen für Rechtsextremisten wissen wir, dass einer der häufigsten Ausstiegsgründe für Männer aus der rechtsextremen Szene der Wunsch ist, eine Familie zu gründen. Wenn es schwieriger für sie wird, eine Frau zu finden, dann verstärkt das Radikalisierungsprozesse.

Ist das ein typisch ostdeutsches Problem?

Salomo Es wäre interessant, ob diese Prozesse auf eine mildere Art auch in Westdeutschland ablaufen. Da fehlen uns die Umfragedaten. Über den Osten wissen wir besser Bescheid. Es gibt große Umfragen wie den Thüringen-Monitor, der uns Antworten zu den Einstellungen der Menschen über viele Jahre hinweg liefert. Solche regionalen Umfragen gibt es in keinem westdeutschen Bundesland.

Warum ist der Osten bei solchen Erscheinungen interessanter für die Forschung als der Westen?

Salomo Es gibt ein großes Interesse an der politischen Kultur in Ostdeutschland, sodass die Forschung dort intensiver hinschaut. Es gab ja auch viele Vorkommnisse, die das verstärkt haben. Westdeutsche Bundesländer sehen sich da anscheinend weniger in der Zugpflicht, deshalb wurde dort so gut wie nicht darüber geforscht.

Engagieren sich Ostfrauen anders oder mehr in ihrer Nachbarschaft als Westfrauen?

Salomo Das sind sicher keine Unterschiede in der Mentalität, eher in den Bedingungen vor Ort. In den westdeutschen Städten haben wir einen Frauenüberschuss. Dort landen also die Frauen, die im Osten auf dem Land fehlen. Wie sich Frauenüberschuss sozial auswirkt, zeigen Studien aus den USA. Von dort weiß man, dass Männerüberhang generell mit Radikalisierung, Gewalt und Kriminalität in Verbindung steht. Umgekehrt ist aber ein Frauenüberschuss gut für eine lokale Gesellschaft. Das führt zu mehr Zusammenhalt, Stabilität und Zufriedenheit.

Männerüberschuss ist also auch ein politisches Risiko?

Salomo Männer, die keine Frauen finden, fühlen sich abgewertet von der Gesellschaft und wollen das irgendwie ausgleichen. Das führt nicht selten dazu, dass man andere soziale Gruppen abwertet, die man irgendwie noch als tiefer stehend empfindet. Das hat mit dem Selbstwertgefühl zu tun. Es kann auch daran liegen, dass ostdeutsche Frauen für westdeutsche Männer attraktiver sind als ostdeutsche Männer für westdeutsche Frauen. In Regionen, die durch Abwanderung geprägt sind, macht sich oft Fremdenfeindlichkeit breit. Das ist fatal, denn Zuwanderung ist etwas, das diese Regionen brauchen.

Mehr Informationen zum Thema:

Thüringen-Monitor der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung