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Woran es bei den Jamaika-Sondierungen hauptsächlich hakt.
Knirschen im Verhandlungsgetriebe

Berlin . In der Nacht von Donnerstag auf Freitag hat es heftig im Verhandlungsgetriebe von Union, FDP und Grünen geknirscht. Nachfolgend die wichtigsten Streitpunkte, ohne deren Lösung ein Jamaika-Bündnis nicht zustande kommen kann. Von Stefan Vetter

FLUCHT & ASYL: CDU und CSU beharren auf einer Obergrenze von 200 000 Menschen, die jährlich nach Deutschland kommen dürfen. Die FDP dagegen favorisiert einen Richtwert, der zwischen 150 000 und 250 000 Menschen pro Jahr liegen soll. Die Grünen sehen in solchen Zahlen reine Willkür und halten es mit einem früheren Bekenntnis von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), wonach das Recht auf Asyl mit einer Obergrenze unvereinbar sei. Ein weiteres zentrales Problem ist der Familiennachzug. Die Union will den bis März 2018 befristeten Stopp des Zuzugs der engsten Angehörigen von Flüchtlingen mit subsidärem, also eingeschränktem Schutz verlängern. Die Grünen lehnen das ab.

STEUERN & SOLI: Von der Hoffnung auf eine umfassende Steuerreform hat sich die FDP wegen des Widerstands von Union und Grünen bereits verbschiedet. Liberale Kernforderung bleibt aber der Abbau des Solidaritätszuschlags, der dem Bund etwa 18 Milliarden Euro pro Jahr in die Kasse spült. Die FDP ist für einen schrittweises Auslaufen des Solis bis zum Ende der Wahlperiode im Jahr 2021. Union und Grünen dagegen können sich bis dahin nur einen Abbau um acht bis zwölf Milliarden Euro vorstellen, was den Liberalen zu wenig ist.

KLIMA & KOHLE: Alle Beteiligten bekennen sich zu den nationalen und internationalen Klimaschutz-Zielen. Aber die Maßnahmen sind umstritten. Die Grünen wollen bis zu 20 Kohlekraftwerke stilllegen. Zuletzt hatte die Kanzlerin eine Reduzierung der Kohlestromproduktion um sieben Gigawatt angeboten, statt acht bis zehn Gigawatt, wie es den Grünen vorschwebte. Das scheint für die Öko-Partei annehmbar zu sein, wenn sich die Union im Gegenzug bei der Flüchtlingsfrage bewegt.

VERKEHR & WOHNEN: Die Grünen setzen voll auf Elektroautos, die FDP will sich nicht auf eine bestimmte Antriebsart festlegen, um die Klimaschutzziele im Verkehrsbereich zu erreichen. Mittlerweile sind die Grünen allerdings bereit, das Aus für den fossilen Verbrennungsmotor auch nach 2030 zu akzeptieren. Strittig ist auch die Grünen-Forderung nach einem wirksamen Nachrüstungsprogramm für Diesel-Fahrzeuge. Außerdem pochen die Grünen auf eine „Weiterführung und Verbesserung“ der Mitpreisbremse, um Wohnen bezahlbar zu halten. Union und FDP dagegen plädieren für deren „Abschaffung“.

BÜRGER & STAAT: FDP und Grüne lehnen die anlasslose Speicherung von Daten der Bürger ab, weil sie darin einen „nicht zu rechtfertigenden Eingriff in die Grundrechte“ sehen. Dagegen sieht die Union in der so genannten Vorratsdatenspeicherung ein „notwendiges Instrument zur Verhinderung von Terroranschlägen und schwerster Kriminalität“.

EUROPA & AUSSENPOLITIK: Die FDP hält nichts von einem europäischen Stabilitätsmechanismus, der Krisen in einzelnen Staaten auch mit Finanztransfers bekämpfen kann. Dagegen halten Union und Grüne eine solche „Abfederung“ von Wirtschaftsschocks für notwendig. Ein weiterer Streitpunkt ist der Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Die Grünen stellen ihn infrage, Union und FDP wollen daran nicht rütteln.