| 18:17 Uhr

Zur Person
„Auf Moskau zugehen“ . . . Fritz Pleitgen wird 80

ARCHIV - 20.02.2018, Nordrhein-Westfalen, Köln: Fritz Pleitgen, Journalist und ehemaliger Intendant des Westdeutschen Rundfunks, spricht bei einem Interview.   (zu dpa: "Fritz Pleitgen wäre am liebsten wieder in Moskau") Foto: Oliver Berg/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
ARCHIV - 20.02.2018, Nordrhein-Westfalen, Köln: Fritz Pleitgen, Journalist und ehemaliger Intendant des Westdeutschen Rundfunks, spricht bei einem Interview. (zu dpa: "Fritz Pleitgen wäre am liebsten wieder in Moskau") Foto: Oliver Berg/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ FOTO: Oliver Berg / dpa
F ritz Pleitgen (Foto: )  braucht keine Klingel, denn bevor man gedrückt hat, schlägt der 50-Kilo-Hund an. Man hört lautes Gebell, dann eine Frauenstimme, dann nichts mehr. Einige Zeit später öffnet sich die Tür, und Pleitgen steht da mit Handy am Ohr. Wie sich herausstellt, ist ihm beim Schreiben einer Rede der Computer abgestürzt. Jetzt braucht er Hilfe. dpa

Er scheint aber nicht unerfreut über die Unterbrechung. In seinem Arbeitszimmer liegen überall ausgedruckte Seiten. Noch eben kurz ein weißes Hemd und ein Sakko fürs Foto, dann ist er fertig und beginnt zu erzählen. Seine Stimme hört sich noch immer genauso an wie damals, tief in den 70er-Jahren, als er sich mit Pelzkappe auf dem Kopf aus Moskau meldete.

Während er spricht, sitzt er vor einem Bücherregal, dessen Inhalt von seinem Reporterleben zeugt. Die Bücher beschäftigen sich vorzugsweise mit Russland und den USA. Dazwischen das Handbuch „Gartenteiche“. Auf Repräsentation ist diese Bücherwand nicht ausgerichtet, so wie das unauffällige Eigenheim in Bergisch Gladbach bei Köln überhaupt recht bescheiden wirkt. Zumindest in Anbetracht der Tatsache, dass Pleitgen nach seiner Korrespondententätigkeit noch Hörfunkdirektor und zwei Mal Intendant seines Haussenders WDR war.

Pleitgen wird am heutigen Mittwoch 80. Er sieht jünger aus und bewegt noch überhaupt nicht wie ein alter Mann. Aber hundertprozentig fit ist er nicht mehr. Den Plan, seine Memoiren zu schreiben, musste er wegen einer Herzmuskelentzündung aufgeben. Über seinen Geburtstag hat er zum allerersten Mal in seinem Leben einen Erholungsurlaub geplant. Er fliegt in den Oman.

Im Urlaub muss er noch ein paar Bücher lesen, die er zu Weihnachten geschenkt bekommen hat. Auch da geht es wieder entweder um Russland oder um Heinrich Böll. Mit Böll verband ihn die Freundschaft zu dem russischen Dissidenten Lew Kopelew (1912-1997). Heute ist sein Sohn Frederik Pleitgen ebenfalls Moskau-Korrespondent – für CNN. „Drolligerweise wohnt er im selben Haus wie wir damals.“

„Wir haben ein gutes kollegiales Verhältnis“, sagt er über sich und seinen Sohn. „Jeder respektiert die Position des Anderen. Er ist CNN und ich öffentlich-rechtlich. Er ist ein viel besserer Livereporter als ich es je war, dafür verstehe ich mehr vom Filmemachen.“

Leider ist nach Pleitgens Ansicht das Verhältnis zu Russland schlechter und gefährlicher als zu seiner Zeit als Korrespondent: „Nur wer beschränkt ist, sieht die Schuld allein bei den Russen. Dass Polen und Balten den Schutz von Nato und EU suchten, ist auf Grund der geschichtlichen Erfahrungen verständlich. Aber auch Russland hat geschichtliche Erfahrungen gemacht. Im Wortsinn verheerende mit dem Westen! Brandt, Schmidt oder Kohl wären mit dem Verhältnis zu Russland nicht so sorglos vorgegangen wie ihre Nachfahren. Alle drei konnten sich in die Lage der Gegenseite versetzen. Wir wären nicht erfreut, wenn russische Truppen in Jütland oder Mexiko auftauchten wie unsere im Baltikum oder die amerikanischen in Polen.“ Was sollte der Westen tun? „Die Idee der Charta von Paris aus dem Jahr 1990 – gleiche Sicherheit für alle – könnte die Basis für eine ehrliche Partnerschaft sein. Der Westen muss auf Moskau zugehen. Ziel muss sein, das baldige Ende des Krieges in der Ostukraine herbeizuführen und ein gleichberechtigtes Verhältnis mit Russland herzustellen.“

⇥Christoph Driessen.