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| 18:34 Uhr

Energiewende
Argumente und Fakten für eine sachliche Debatte

Mitautor der BTU-Studie: Professor Harald Schwarz.
Mitautor der BTU-Studie: Professor Harald Schwarz. FOTO: Wendler / LR
Cottbus. BTU-Professor Schwarz zur sicheren Energieversorgung. Von Christian Taubert

Die BTU Cottbus-Senftenberg hat Anfang April eine Studie vorgelegt. Danach halten die Wissenschaftler die Braunkohle zur stabilen Energieerzeugung in Deutschland mittelfristig für unverzichtbar. Erneuerbare Energien könnten keine stabile und sichere Stromversorgung gewährleisten. Professor Harald Schwarz, Lehrstuhlinhaber Energieverteilung und Hochspannungstechnik, erläutert für die RUNDSCHAU Hintergründe und Fakten der Studie:

Gesicherte Leistung: Hierunter versteht man die Leistung, die zu 100-prozentiger Sicherheit zu jedem Zeitpunkt aus einer Erzeugungsanlage abgerufen werden kann. Bei Wind und Fotovoltaik ist die gesicherte Leistung de facto null. Selbst wenn der Bund bei Wind offshore (also vor der Küste) von zehn Prozent gesicherter Leistung ausgeht. Daraus folgt, dass es niemals eine gesicherte Stromversorgung nur auf Basis von Wind und Fotovoltaik geben wird. Es werden immer „stützende Elemente“ benötigt. Dass können entweder Speicher oder konventionelle Kraftwerke sein.

Speicher: Da in den zurückliegenden 100 Jahren die Stromerzeugung immer minutengenau an die Stromnachfrage angepasst wurde, gibt es weltweit nur sehr geringe Speicherkapazitäten im Strombereich. Die gesamtdeutsche Speicherkapazität beträgt etwa 40 Gigawattstunden (GWh), bei einer höchsten Stromabnahme in Deutschland von etwa 80 Gigawatt (GW). Die weltweit größte Batterie hat zurzeit eine Leistung von 120 Megawattstunden (MWh). Zum Vergleich: Ein GW entspricht 1000 MW. Der Weg zu mehr Speichern wird mehrere Jahrzehnte dauern. Somit wird Deutschland über viele Jahrzehnte eine konventionelle Erzeugung brauchen, die die unzuverlässigen EEG-Quellen aus Wind und Sonne so ergänzen, dass die Stromabnahme wieder minutengenau erfolgen kann. Was Gaskraftwerke betrifft: Da die bisherigen Anlagen nicht für Tage und Wochen geeignet sind, muss neu gebaut werden. Gaskraftwerke haben zwar einen etwas besseren Wirkungsgrad als Kohlekraftwerke, aber auch diese erzeugen Kohlendioxid.

Mindestleistung: Die Mindestleistung für die Kraftwerkserzeugung richtet sich nach der höchsten Stromabnahme in Deutschland. Das sind etwa 80 GW. In allen Szenarien setzt man auf diesen Block konventioneller Erzeugung (existierende Kernkraft beziehungsweise Kohle oder eben neue Gaskraftwerke) einen riesigen Block aus Wind und Fotovoltaik oben drauf, teilweise bis 180 GW, die immer dann einspeisen, wenn sie gerade verfügbar sind. Daraus ist ersichtlich, dass über viele Jahrzehnte entweder die bisherigen konventionellen Kraftwerke weiter genutzt oder neue Gaskraftwerke gebaut werden müssen. Einhergehend mit der Frage, wie sicher ist die Gasversorgung vor dem Hintergrund, dass es Jahre gab, in denen kein russisches Gas über die Ukraine in Deutschland ankam.

Was machen die anderen: Deutschland hat heute einen Anteil von etwa 33 Prozent regenerativen Stroms im Strommix, fast ausschließlich aus Wind und Fotovoltaik. China hat einen Anteil von 26 bis 27 Prozent, davon aber zwei Drittel aus Wasserkraft. Der aktuelle Weltrekord für eine regenerative Vollversorgung liegt in der Qinhai-Province in China. Diese ist deutlich größer als Deutschland, hat aber nur sechs Millionen Einwohner. Der Kraftwerksmix dort besteht aus 75 Prozent Wasserkraftwerken und 25 Prozent ungesicherter erneuerbarer Energie. Mit dieser Mischung ist es bislang gelungen, eine regenerative Vollversorgung zu realisieren.

Kommentar von Prof. Schwarz: Von einigen völlig Unbelehrbaren kommt immer wieder das Argument, dass wir in Zeiten der Not Strom aus dem Ausland bekommen können. Auch das wurde schon lange und mehrfach untersucht und widerlegt. Es ist nachgewiesen, dass etwa zur gleichen Zeit, wenn Deutschland die Höchstlast benötigt, auch die Höchstlast in Polen und Frankreich auftritt. Damit haben alle Kraftwerkskapazitäten auch dort zu tun, den jeweils nationalen Strombedarf zu decken.