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| 08:48 Uhr

Kanzlerin zu Besuch bei Donald Trump
Dunkle Wolken über Merkels Sehnsuchtsland

Washington. Angela Merkel ist im Weißen Haus eingetroffen. Ihr stehen voraussichtlich schwierige Gespräche mit US-Präsident Trump bevor - auch wenn er vorher noch versichert hat, dass er sich auf die Kanzlerin freue. Kristina Dunz, Washington

Die Kanzlerin nennt sich eine überzeugte Transatlantikerin. Mit US-Präsident Trump kommt sie aber nicht klar. Zu unberechenbar. Sogar beim Händeschütteln. Die Begrüßung am Freitag jedenfalls fiel freundlich aus.

Es gibt ein einzelnes Wort, das für Angela Merkel und Donald Trump ganz unabhängig vom Ausgang zum Symbol geworden ist: Handschlag. Bei ihrem ersten Treffen im Oval Office im vorigen Jahr hatte der US-Präsident der Kanzlerin nicht die Hand gereicht. Weder physisch noch politisch. Die Fotografen riefen erfolglos zum üblichen Handschlag für die Bilder auf, Trump blickte stur geradeaus. Merkel, auch hier nicht sicher, ob der Präsident wusste, um was es geht, flüsterte ihm noch zu. "Handshake?" Aber Trump, für Körpersprache bekannt, rührte sich nicht. Später erklärte er, er habe Merkel ja schon vorher zur Begrüßung die Hand gegeben. So zeigt das Bild Merkel und Trump nebeneinander, nicht miteinander.

Am Freitag, beim zweiten Treffen der beiden im Oval Office, kommt es zu diesem Händedruck. Physisch, nicht politisch. Da nützt es auch wenig, dass Trump sagt, Merkel und er hätten ein großartiges Verhältnis, und zwar seit Anfang an. Manche hätten das nicht verstanden, aber sie beide hätten es verstanden. Zur Begrüßung am Weißen Haus empfängt er - womöglich noch unter dem Eindruck des Staatsbesuches von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron - Merkel sogar mit Küsschen links und Küsschen rechts. Merkel sei eine außergewöhnliche Frau, sagt er. Diese nimmt es einigermaßen regungslos zur Kenntnis.

Sie will den Antrittsbesuch nach ihrer vierten Wahl zur Kanzlerin schnell hinter sich bringen. Trump auch. Ein 20-minütiges Vieraugengespräch und anschließend 95 Minuten Arbeitsmittagessen sollen reichen.

Trump twittert, es gebe so viel zu besprechen und: "so wenig Zeit!" Der mögliche weltweite Handelskrieg, ausgelöst durch US-Strafzölle auf Stahl und Aluminium. Trumps Drohung mit einem Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran. Die Erwartung an zusätzliche Milliarden Euro für die deutsche Verteidigungspolitik. Trumps Kritik an der geplanten Ostsee-Pipeline von Russland nach Deutschland unter Wegfall der Ukraine als Transitland, was die Ukraine wirtschaftlich schwächen und die deutsche Energieversorgung von Moskau noch abhängiger machen könnte. Trump stört es aber vor allem, dass Deutschland derart große Gas-Geschäfte mit Russland macht. Er möchte lieber Gas aus dem großen Reservoir der USA exportieren. Amerika zuerst. Explosive Gemengelage.

Die Kanzlerin telefonierte vor ihrem Besuch mit Macron über das gemeinsame Vorgehen. Macron war kurz vor ihr da - drei ganze Tage. Aber außer prägnanten Bildern hat das Treffen nicht viel Neues bewirkt. Während die beiden Männer aber fürstlich dinierten, ging Merkel nach der Landung erst einmal in einen Burger-Laden. Cheeseburger unter 15 Dollar. Auch ein Statement. Brasilianische Touristinnen erkennen die deutsche Regierungschefin und kreischen "Oh mein Gott". Merkel setzt sich zu ihnen. Ein Handy-Video von der Szene ist schnell gemacht.

Merkel war nach ihrer Wiederwahl zur Regierungschefin schon zu den EU-Partnern Frankreich und Polen gereist. Bevor sie sich im Sommer gen Osten nach China und Russland aufmacht, wollte sie erst nach Westen. Dorthin, wo einst ihr Sehnsuchtsland lag. Schon in der DDR, hinter Mauer und Nato-Draht, träumte Merkel von Amerika. Das Land der Freiheit. Seit Trump US-Präsident ist, hat sich das deutsch-amerikanische Verhältnis aber drastisch verschlechtert. Mögen die Vereinigten Staaten noch Sehnsuchtsort für Merkel sein - die neue Regierung kann es kaum sein. Schon am Tag nach Trumps Wahl hatte sie ihn an die westlichen Werte wie Freiheit, Demokratie, Rechtstaatlichkeit erinnert, weil sein aggressiver und polarisierender Wahlkampf nicht viel Gutes versprach.

Vor knapp einem Jahr hatte Merkel nach dem enttäuschenden G7-Gipfel im deutschen Wahlkampf dann in einem Bierzelt gesagt: "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück weit vorbei, das habe ich in den letzten Tagen erlebt." Mit den anderen meinte sie die USA. Vorbei die Zeiten mit Trumps Vorgänger Barack Obama, zu dem sie nach einigen Jahren eine enge und vertrauensvolle Beziehung entwickelt hatte.

Ihre Bierzelt-Rede schlug mit Wucht in Amerika ein. Merkel verweigerte "ihren" USA die frühere Gefolgschaft. Die als überzeugte und leidenschaftliche bekannte Transatlantikerin vermittelte den Eindruck, dass sie Washington den Führungsanspruch in der Welt nicht mehr zutraue, weil Kompromissbereitschaft, Interessenausgleich und Souveränität fehlen. Sie mahnte: "Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen."

Das hat die EU allerdings bis heute nicht getan. Schuld daran ist auch die lange Regierungsbildung in Deutschland und ebenso langer Stillstand bei den von Frankreichs jungem Präsidenten Emmanuel Macron geforderten Reformen in Europa. Wer genau soll denn das Schicksal Europas in die Hand nehmen und wie?

Eine Steuer für jeden Mercedes-Benz

Merkel will das multilaterale System verteidigen. Trump will möglichst alles aufkündigen, was Obama eingeleitet hat. Trump kann Merkel schon deshalb nicht so gut leiden, weil sie sich eben mit Obama so gut verstanden hat. Sie ist Teil eines alten, bei Trump verhassten Systems. Macron ist neu auf der Weltbühne und hat es schon deshalb leichter bei Trump hat als sie. Die große Frage ist nun, ob Trump es mit seinem Handelsstreit schafft, einen Keil zwischen Merkel und Macron zu treiben und Europa zu spalten.

Merkel hat mal nachgelesen, was Trump früher so gesagt hat. Sie hat ein Interview im Playboy 1990 gefunden: "Unser Land braucht ein größeres Ego, weil unsere sogenannten Alliierten uns schwer betrügen", sagte er damals. Darunter auch Deutschland, das mit Subventionen die Industrie päppele. Auf die Frage nach seiner ersten Amtshandlung, wenn er einmal US-Präsident wäre, antwortete er: "Ich würde eine Steuer auf jeden Mercedes-Benz erheben, der in dieses Land rollt." 1990. Im Jahr 2018 ist der Handelsstreit mit Deutschland und Europa da.

Das Wetter ist ziemlich scheußlich an diesem Tag. Es stürmt und regnet. Ein bisschen sinnbildlich für die düstere Stimmung zwischen Washington und Berlin. Darin wird sich zwischen Merkel und Trump auch wohl nicht mehr viel ändern. Hand drauf.