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| 08:59 Uhr

An Nahles scheiden sich die Genossen

Die SPD-Spitze versammelt sich hinter Andrea Nahles als wahrscheinlich erster Parteichefin. Führende Mitglieder wie Vize Natascha Kohnen loben die Frau aus der Eifel. Der Kabarettist Jens Singer hält hingegen gar nichts von ihr. Er trat jüngst ihretwegen aus der SPD aus und spricht von vielen Gleichgesinnten. Jan Drebes fasst die Stimmen zusammen.

Schon am Wahlabend Ende September wurde allen in der SPD klar, dass Andrea Nahles künftig eine wichtigere Rolle in der Partei spielen würde. Sie stand in der ersten Reihe neben Martin Schulz und klatschte, als der gerade gescheiterte Kanzlerkandidat vor jubelnden Genossen verkündete, dass man nun in die Opposition gehen werde. Einen Tag später schlug Schulz die bisherige Ministerin offiziell als künftige Fraktionschefin vor. Unabhängig von der großen Wende hin zur erneuten Koalition mit der Union war klar: Die SPD soll jünger und weiblicher werden. Nahles, 47 Jahre alt und seit ihrem 18. Lebensjahr Genossin, passte da gut ins Bild.

Für viele in der Parteiführung wird sie zur richtigen Zeit zur mächtigsten Person in der SPD - vorausgesetzt, die Delegierten wählen wie erwartet sie - und nicht ihre Gegenkandidatin Simone Lange aus Flensburg. SPD-Vizechefin Natascha Kohnen, die den Landesverband Bayern führt, lobt die Frau aus der rheinland-pfälzischen Provinz. "Mit Andrea Nahles stellt sich am kommenden Wochenende erstmalig eine Frau zur Wahl für den Parteivorsitz der SPD. Das wurde auch höchste Zeit!", sagt Kohnen. Nahles kenne die Partei seit Langem in all ihren Verästelungen: als Juso-Chefin, langjähriges Mitglied des Parteivorstands und Generalsekretärin.

Tatsächlich ist die Parteikarriere beachtlich: 1988 trat Nahles in die SPD ein und führte nur fünf Jahre später die Jugendorganisation Jusos in Rheinland-Pfalz. Nach zwei Jahren übernahm sie den Juso-Vorsitz für ganz Deutschland, wurde Mitglied im Parteivorstand und im Jahr 1998 erstmals in den Bundestag gewählt. Sie wurde SPD-Vizechefin, war von 2009 bis 2013 Generalsekretärin und danach bis 2017 Bundesarbeitsministerin. Mit Absicht ist sie jetzt nicht mehr Teil der Regierung. Nahles will außerhalb der Koalition ein Machtzentrum in Partei und Fraktion schaffen, um das Profil der SPD wieder zu schärfen.

"Die Aufgabe, die SPD inhaltlich und organisatorisch neu aufzustellen, ist bei ihr in den besten Händen", sagt Kohnen. Als Arbeitsministerin sei sie nicht nur erfolgreich - die Einführung des Mindestlohns sei vor allem ihrer Hartnäckigkeit zu verdanken gewesen -, sondern auch über die Fraktionsgrenzen hinaus geachtet. "Ich bin sicher: Mit Andrea Nahles wird uns die Herausforderung, verlässlich zu regieren und gleichzeitig als Partei zu neuer Stärke zurückzufinden, gelingen", sagt Kohnen. Sie habe Nahles als "verlässliche, strategisch versierte und humorvolle Bündnispartnerin" kennengelernt, die einen klaren politischen Kompass besitze.

Einige Mitarbeiter begleiten die Tochter eines Maurers seit vielen Jahren, manche bereits seit Juso-Zeiten. Sie gilt als Freundin des offenen Wortes. Zum voraussichtlichen Führungsstil an der Parteispitze sagte Kohnen: "Andrea Nahles wird Teamplay in den Mittelpunkt ihrer Führung stellen, ohne sich vor Verantwortung zu drücken." Das sei richtig, notwendig und vor allem: zeitgemäß, so die bayerische SPD-Chefin.

(RP)