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Streit um Wasser in Afrika
Wird der Nil zur Mutter aller Konflikte?

Die Baustelle des großen äthiopischen Damms (Archivbild).
Die Baustelle des großen äthiopischen Damms (Archivbild). FOTO: dpa
Addis Abeba . Ein Staudamm in Äthiopien bedroht die Wasserversorgung in Ägypten. Überall in der Region spitzt sich der Streit ums Wasser zu. Thomas Seibert

Baukräne, Massen von Beton und fast 10.000 Arbeiter: Am Blauen Nil im Westen Äthiopiens entsteht ein gigantischer Staudamm, der nach seiner Fertigstellung eine Hauptrolle bei der Modernisierung des ostafrikanischen Landes spielen soll, zugleich aber das 1500 Kilometer entfernte Ägypten das Schlimmste befürchten lässt. Der Damm werde die Wasserversorgung der 100 Millionen Ägypter gefährden, sagt Kairo. Gespräche zwischen Ägypten, Äthiopien und dem Sudan über eine faire Nutzung des Nilwassers endeten Anfang April ohne Ergebnis. Der Streit wirft ein Schlaglicht auf den chronischen Wassermangel, der sich schon bald noch einmal erheblich verschärfen könnte.

Größter Damm in Afrika

Der "Große Damm der Äthiopischen Wiedergeburt" ist zu etwa zwei Dritteln fertiggestellt und soll in den kommenden Jahren den Blauen Nil zu einem See von fast 1900 Quadratkilometer Fläche aufstauen, um Elektrizität zu erzeugen. Das ohne internationale Geldgeber finanzierte Fünf-Milliarden-Dollar-Projekt wird der größte Damm in ganz Afrika sein und 6500 Megawatt Strom erzeugen können.

Äthiopien erhalte mit dem Damm die Gelegenheit zur wirtschaftlichen Entwicklung, sagt Wasser- und Energieminister Seleshi Bekele. Derzeit hat nur jeder vierte Äthiopier Zugang zu elektrischer Energie - der neue Riesendamm soll das ändern. Eine Regulierung der Wassermenge, die über den 2011 begonnenen Damm weiter fließt, sei aber nicht geplant, beteuert Minister Bekele. Der stromabwärts gelegene Nachbar Sudan begrüßt das Projekt auch ausdrücklich, weil die Nil-Hochwasser durch den Damm gebändigt werden dürften. Zudem will der Sudan den Äthiopiern überschüssige Strommengen aus dem Wasserkraftwerk abkaufen.

Lauter Protest aus Ägypten

Doch die Ägypter protestieren energisch. Für sie ist der Blaue Nil, der sich in Sudans Hauptstadt Khartum mit dem Weißen Nil vereinigt, der wichtigste Wasserlieferant: rund 60 Prozent des Nilwassers in Ägypten stammt aus dem Blauen Nil. Schon jetzt sagt die Uno den Ägyptern für das kommende Jahrzehnt erhebliche Probleme bei der Trinkwasserversorgung voraus - und mit dem äthiopischen Riesendamm werde sicherlich alles noch schlimmer, prognostiziert die Regierung in Kairo.

Streit gibt es vor allem um die Zeitspanne, die es dauern wird, bis sich der äthiopische Stausee gefüllt hat. Die Experten von der Geologischen Gesellschaft der USA schätzen, dass die in Ägypten ankommende Wassermenge des Nils während dieser Auffüllperiode um 25 Prozent zurückgehen könnte.

Wenn Äthiopien den See innerhalb von drei Jahren füllt, um möglichst rasch mit der Stromgewinnung beginnen zu können, wird in Ägypten rund die Hälfte des Ackerlands verdorren, heißt es in einer Studie der Universität Kairo. Sollte es sechs Jahre dauern, beträgt der Verlust demnach immer noch 17 Prozent: Die Ägypter befürchten, dass der Damm ihnen buchstäblich den Wasserhahn zudreht.

Keine Lösungen in Verhandlungen

An den bisherigen Vereinbarungen zur Aufteilung der Wassermenge aus den Jahren 1929 und 1959 war Äthiopien nicht beteiligt. Nun soll wegen des Staudammbaus ein neues Vertragswerk ausgehandelt werden. Doch unlängst endete in Khartum die erste Verhandlungsrunde seit zwei Jahren ohne erkennbare Fortschritte. Im Mai soll es einen neuen Anlauf geben, doch derzeit zeichnet sich keine Lösung ab, die sowohl Äthiopien als auch Ägypten zufriedenstellen könnte.

Dass Kairo selbst mit dem 1971 fertiggestellten Assuan-Damm mit schlechtem Beispiel vorangegangen ist, macht die Sache nicht einfacher. Der Assuan-Damm hält wichtige Nährstoffe im Nilwasser zurück - ein Trend, der sich durch den neuen Damm in Äthiopien noch verstärken könnte.

Der Nil liefert fast das gesamte Trinkwasser in Ägypten, jede Verringerung der Wassermenge ist für das Land eine potenzielle Katastrophe. Bei dem Treffen in Khartum nannte Ägyptens Bewässerungsminister Mohamed Abdel Aty die Zukunft des Nilwassers eine Frage der nationalen Sicherheit für sein Land. Selbst wenn die in Ägypten ankommende Menge nur um zwei Prozent sinken sollte, würde das dem Minister zufolge in seinem Land eine Million Arbeitsplätze in der Landwirtschaft kosten. Vor fünf Jahren hatte Kairo den Äthiopiern wegen des Dammprojekts sogar mit Krieg gedroht.

Ägypten drohte bereits mit Krieg

Schnelles Bevölkerungswachstum, intensive Landwirtschaft und der Klimawandel beschwören in Ägypten und anderen Nahost-Ländern die Gefahr einer Wasserkrise herauf. Der Nahe Osten sei Heimat von sechs Prozent der Weltbevölkerung, besitze aber nur ein Prozent der Frischwasservorräte, sagt Nahost-Experte Paul Salem vom Middle East Institute in Washington. Außerdem stamme das meiste Oberflächenwasser von außerhalb der Region: Der Nil kommt aus Ostafrika, Euphrat und Tigris entspringen in der Türkei.

Das Ergebnis sind Knappheit und Abhängigkeiten. Ähnlich wie im Streit zwischen Ägypten und Äthiopien werfen die Nachbarn der Türkei den Behörden in Ankara hin und wieder vor, mit Hilfe eines Netzwerks aus Staudämmen in Anatolien die Durchflussmengen von Euphrat und Tigris auch aus politischen Gründen zu reduzieren. Der iranische Vize-Außenminister Abbas Araghchi stufte künftige Kriege um Wasservorräte als "wahrscheinlich" ein.

Ob die Meerwasser-Entsalzung die Antwort auf die Probleme sein kann, ist ungewiss. Derzeit ist die Technologie für Länder wie Ägypten viel zu teuer, um eine Alternative zum Nilwasser bilden zu können. Nach Angaben der Hilfsorganisation The Water Project befinden sich 70 Prozent aller Entsalzungsanlagen der Welt jetzt schon im Nahen Osten. Doch Experten verweisen darauf, dass beim Entsalzungsprozess wichtige Mineralien verlorengehen. Zudem erhöht der hohe Energie-Einsatz beim Entsalzen die Wasserpreise. Engere Kooperation zwischen den betroffenen Ländern und ein sparsamerer Umgang mit Wasser, etwa durch effizientere Bewässerungstechniken, bieten auf lange Sicht bessere Chancen. Doch davon ist die Region noch weit entfernt.