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Nato vs. Russland
2018 rollen wieder US-Panzer nach Osten

 Mit dem Zug nach Polen: Im Januar sind Fahrzeuge einer amerikanischen Panzerbrigade durch die Lausitz gerollt. Militärzüge mit den Panzern wurden in Cottbus und auf dem Bahnhof in Guben (Spree-Neiße) gesichtet.
Mit dem Zug nach Polen: Im Januar sind Fahrzeuge einer amerikanischen Panzerbrigade durch die Lausitz gerollt. Militärzüge mit den Panzern wurden in Cottbus und auf dem Bahnhof in Guben (Spree-Neiße) gesichtet. FOTO: Norman Neubauer
Poznan/Cottbus/Rukla. Mit ihrer Operation „Atlantic Resolve“ haben die USA 2017 die Politiknachrichten bestimmt. Aus Angst vor russischer Aggression hatten osteuropäische Staaten um mehr Truppen gebeten. Die sind seit Januar vor Ort – und sollen auch 2018 bleiben. Von Bodo Baumert

Diese Bilder haben im Januar für Aufsehen gesorgt: US-Panzer rollen per Zug durch die Lausitz. Ihr Ziel: Polen, das Baltikum und Südosteuropa. 4000 Soldaten mit ihren schweren Waffen haben die USA 2017 nach Osteuropa verlegt, die größte Aufstockung in der Region seit dem Ende des Kalten Krieges. „Die vorgerückte Präsenz der US-Truppen in Osteuropa erhöht die Fähigkeit der Nato, auf jede Art von Krise in Europa zu reagieren“, erklärte Brent M. Williams, Presseoffizier der Operation „Atlantic Resolve“ (Atlantische Entschlossenheit), gegenüber der RUNDSCHAU

Diese Entschlossenheit wollen die USA auch in Zukunft zeigen. Im Herbst wurde das US-Truppenkontingent, das jeweils für neun Monate nach Osteuropa abkommandiert wird, erstmals ausgetauscht. „Heel-to-toe“, Ferse an Zeh, nennen die Amerikaner diese Form der Dauerpräsenz, die sie aufgrund der Bitten ihrer Natopartner gestartet haben. So sei sichergestellt, dass die Alarmbereitschaft jederzeit gegeben sei, erklärt Elke Herberger, Sprecherin der US-Streitkräfte in Europa, auf Nachfrage. Eine Kommando-Einheit in Poznan, eine Panzerbrigade, eine Hubschrauber-Einheit (Air cavalry) und Logistiker gehören zum Aufgebot. 5000 Soldaten insgesamt.

Eine Ende der Operation ist nicht in Sicht. „Es ist davon auszugehen, dass die jetzt eingesetzten Truppen 2018 durch neue ersetzt werden“, bestätigt Elke Herberger. Einen genauen Termin gibt es noch nicht. Auch, welche Truppen als nächstes nach Europa abkommandiert werden, sei noch nicht bekannt gegeben worden, so Herberger. Die Präsenz im Rahmen von „Atlantic Resolve“ sei aber „greifbarer Ausdruck der US-Bereitschaft seine Verbündeten zu stärken und zu schützen“.

Das passt ins Gesamtbild. Derzeit ist die Lage zwischen den USA und Russland ohnehin angespannt. „Wir werden niemals die Besetzung und versuchte Annexion der Krim akzeptieren“, unterstrich US-Außenminister Rex Tillerson erst Anfang Dezember bei einem OSZE-Treffen. „Wir können Meinungsverschiedenheiten haben, aber wenn ein Land in ein anderes einfällt, ist es schwierig, wieder aufeinander zuzugehen.“ Der russische Außenminister Sergej Lawrow beschuldigte den Westen im Gegenzug, durch die „rücksichtslose Expansion“ der Nato die Sicherheitsarchitektur im euro-atlantischen Raum zu untergraben.

Diese Spannungen wurden auch im Sommer und Herbst deutlich, als zunächst die Nato, dann Russland zu Großmanövern in unmittelbarer Nähe der Grenzen ansetzten. Im Juli führte zunächst die Nato mit „Saber Guardian 17“ ein Manöver mit 25 000 Teilnehmern aus 23 Nato-Staaten durch. Ungarn, Rumänien und Bulgarien dienten als Schauplatz für die Großübung, bei der es darum ging, eine Bedrohung aus dem Osten abzuwehren. Im September legte Russland mit „Zapad“ (Westen) nach. Offiziell übten 12 700 Soldaten aus Russland und Weißrussland für den Ernstfall eines Angriffs aus Westen. Damit blieb die Zahl der teilnehmenden Soldaten unter der Größe, ab der nach dem Wiener Dokument über vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen von 2011 ausländische Beobachter über einen längeren Zeitraum zugelassen hätten werden müssen. Beobachter gingen aber von wesentlich mehr Teilnehmern aus. Deutschlands Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sprach im Vorfeld von etwa 100 000 Soldaten.

Von einer Entspannung, auf die das deutsche Auswärtige Amt mehrfach gedrängt hatte, ist weiterhin keine Spur. Die US-Truppen würden ihre Trainingseinheiten mit den Nato-Partnern Schulter an Schulter fortsetzen, bestätigt Armee-Sprecherin Elke Herberger. Erst Anfang Dezember hatte es wieder eine Übung in Lettland gegeben, bei der die rasche Verlegung einer Panzereinheit von Polen ins Baltikum trainiert wurde. Diese Region ist den US-Strategen ein besonderer Dorn im Auge. „Suwalki-Lücke“ nennen sie den schmalen Landkorridor zwischen Weißrussland und der russischen Exklave Kaliningrad. Würden russische Truppen diesen Korridor besetzen, wären die Nato-Länder Estland. Lettland und Litauen vom Rest des Bündnisses abgetrennt. Eine Versorgung per Schiff wäre angesichts russischer Raketen in Kaliningrad ebenfalls gefährlich. Russland könnte das Gleiche über seine von der Nato umschlossene Exklave sagen.

Die US-Armee zeigte sich mit dem Ergebnis der Übung in Lettland zufrieden. Nato und EU drängen allerdings darauf, die Bedingungen für den Truppentransport vor allem in Osteuropa weiter zu verbessern. Die Nato plant ein zusätzliches Hauptquartier, um Truppentransporte besser zu koordinieren. Die EU fordert Mitgliedsstaaten auf, in die nötige Infrastruktur zu investieren. Auch daran entzünden sich gegenseitige Vorhaltungen zwischen Ost und West. Während die Nato ihr Aufmarschgebiet verbessern will, um gegen drohende Aggressionen wie in der Ukraine oder Georgien gewappnet zu sein, beklagt Russland die stetige Ausweitung der Nato-Präsenz.

Die US-Einheiten im Rahmen von „Atlantic Resolve“ sind Teil dieses kritisierten Szenarios. Offiziell sind sie nirgendwo stationiert sondern befinden sich während ihrer neun Monate in Dauerbewegung. Auch durch die Lausitz führen dabei immer wieder Transportrouten für einzelne Truppenteile, da auch Übungsplätze in Deutschland involviert sind. „Die eingesetzten Truppen bewegen sich kontinuierlich in Europa, um an Übungen mit unseren Partnern teilzunehmen“, so Presseoffizier Brent M. Williams.

Im Januar, als die Panzer erstmals durch die Lausitz nach Polen verlegt wurden, war der Aufschrei bei Kritikern noch groß. "Es hilft uns auf Dauer nicht weiter, wenn Panzer auf beiden Seiten der Grenzen auf- und abfahren", beklagte etwa Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Seitdem hat sich die Aufregung weitgehend gelegt. Im Herbst, als wieder Panzer per Zug vom Bremerhaven nach Polen geschafft wurden, blieben öffentliche Proteste aus. Auch Transporte durch Sachsen in Richtung Bayern verliefen weitgehend unbeobachtet.

Und was kommt 2018? Die US-Einheiten werden ihre Übungen fortsetzen. „Die Manöver finden in verschiedenen Größenordnungen und Staffelungen statt, abhängig von den jeweiligen Trainingsobjekten und Übungsplätzen“ erklärt Elke Herberger. Nach Abschluss ihrer Rotation in Europa gehörten die Einheiten „zu den besttrainierten der US-Armee“, so Sprecherin Herberger. Einen genauen Zeitplan für 2018 gebe es noch nicht. Symbolische Großübungen wie die in diesem Sommer wird es garantiert wieder geben. Schließlich sind auch auf russischer Seite markige Kommentare und Demonstrationen zu erwarten. Im März will sich Präsident Wladimir Putin zur Wiederwahl stellen. Der Termin ist nicht zufällig auf den vierten Jahrestag der Annexion der Krim gelegt.