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100 unspektakuläre Tage

War irgendwie schon immer da: Frank-Walter Steinmeier.
War irgendwie schon immer da: Frank-Walter Steinmeier. FOTO: dpa
Berlin. Seine neue Rolle bietet ihm eine neue Annehmlichkeit: Er muss nicht mehr rastlos durch die Weltgeschichte hetzen, morgens Moskau, mittags Kiew und vielleicht abends noch Paris. Im Schloss Bellevue ist das Diktat des Terminkalenders weit weniger hart als im Auswärtigen Amt. Hagen Strauß

Auch hat Frank-Walter Steinmeier auf seinen Reisen mehr Zeit für Begegnungen. Am Montag ist er 100 Tage Bundespräsident.

Er hat Pflichtbesuche absolviert, Deutschland erkundet, Gesetze unterschrieben, um Altkanzler Helmut Kohl getrauert. In der öffentlichen Wahrnehmung waren es 100 unspektakuläre Tage.

Er, der Mann der Großen Koalition, der frühere Genosse, dessen Parteimitgliedschaft ruht, er, der einst SPD-Kanzlerkandidat und beliebter Außenminister war, hat sich in den ersten Wochen selbst als Lernender gesehen. Themen und Themenbreite seien im neuen Amt viel größer als in der Außenpolitik, bilanzierte Steinmeier kürzlich in einem Interview mit der "FAZ". "Aber all das ist willkommen, und ich genieße es, wieder mehr in den längeren Linien von Politik zu denken." Jeder Tag sei überdies eine Annäherung an das Amt gewesen. Steinmeiers persönliches Fazit: "Ich bin jetzt da. Gut angekommen."

100 Tage sind die Schonfrist, die man jedem im neuen Amt gönnt. Das ist ein ungeschriebenes politisches Gesetz, weshalb sich im Berliner Politikbetrieb auch niemand von Rang finden lässt, der Steinmeiers erste Monate in Bellevue bewerten will. So viel ist freilich klar: Er hat versucht, erste Akzente zu setzen. Schon mit seiner Rede nach seiner Vereidigung im März, als er den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan aufforderte, den Journalisten Deniz Yücel endlich freizulassen. Gefruchtet hat der Appell zwar nicht, aber das war ungewöhnlich eindeutig für ein Staatsoberhaupt.

Dann reiste er in alter Tradition nach Paris, anschließend aber gleich zum Europäischen Parlament nach Straßburg - ein klares Zeichen wollte er damit gegen die grassierende Europaskepsis setzen. Steinmeier flog nach Griechenland, wieder ein Signal, denn kein anderer Partner ist so krisengeschüttelt wie Athen. Bei seiner Israel-Visite war er schließlich bemüht, den Eklat um die Ausladung seines Amtsnachfolgers, Außenminister Sigmar Gabriel (SPD), durch den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu nicht weiter eskalieren zu lassen.

Falsch gemacht hat er in den vergangenen drei Monaten wahrlich nichts. Aber auch nicht über Gebühr von sich reden gemacht. Reisen nach Russland zu Putin und in die USA zu Trump stehen dem Vernehmen nach noch nicht an. Steinmeier wird sie aber nicht vermeiden können - und auch nicht wollen.

Denn er ist keiner, der sich scheut, unangenehme Dinge beim Namen zu nennen. Auch nicht bei Gesprächen mit Kanzlerin Angela Merkel oder den Vorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien, die es bereits gegeben hat. Wenn sich Steinmeier einmischt, muss es auch einen Anlass geben, darauf legt man im Schloss offenkundig Wert.

Das Problem des 61-Jährigen in den ersten 100 Tagen ist freilich folgendes: Sollte ihn überhaupt der Reiz des Neuen in Bellevue umgeben haben, so wie seinerzeit seinen Vorgänger Joachim Gauck, dann ist dieser Reiz sehr schnell verflogen. Steinmeier war immer da. Als Parteipolitiker, als Außenminister, jetzt als Bundespräsident. Das macht es scheinbar schwierig, Interesse an ihm zu wecken.

Als allerdings kürzlich bekannt wurde, dass es Streit mit der Personalvertretung des Präsidialamtes wegen angeblicher Besetzung von Stellen mit Vertrauten und dem neuen Facebook-Auftritt Steinmeiers gebe, war das anders. Ärger sorgt halt immer für Schlagzeilen.

Für Steinmeier gilt es nun, sich stärker ins öffentliche Bild zu rücken. Wie er sich das vorstellt, deutete er schon an. Er sei in den ersten Wochen viel unterwegs gewesen in den Bundesländern, in Schulen, Universitäten, bei Ehrenamtlichen und Bürgermeistern. "Das will ich beibehalten." Nah am Menschen will er also sein. Vor allem wird Steinmeier den Kontakt zur Jugend suchen. Er wolle im Gespräch bleiben mit den Engagierten, "aber auch mit den Zweifelnden". Und davon gibt es bekanntlich inzwischen viele.

Diese Menschen will der Präsident wieder für die Demokratie begeistern. Eine schwierige, aber nicht unlösbare Aufgabe für den Rest seiner Amtszeit.