Die gleichen Funktionäre, die vor knapp zehn Jahren die US-Regierung unter dem damaligen Präsidenten Bill Clinton an den Verhandlungstisch zwangen, wollen heute neue Gespräche mit Washington erpressen. Damals stand die koreanische Halbinsel am Rande eines Krieges. Für die nordkoreanische Atompolitik ist noch immer Kang Sok Ju verantwortlich, der sich erst nach bedrohlichem Säbelrasseln 1994 auf ein Rahmenabkommen mit den USA einließ. Gegen massive Wirtschaftshilfe durch die USA sagte Pjöngjang die Einstellung seines Atomprogramms zu. Im vergangenen Oktober überraschte Atomchef Kang die USA, als er gegenüber dem US-Sondergesandten James Kelly einräumte, er habe entgegen aller Abkommen weiter heimlich an angereichertem Uran forschen lassen. Er will den Deal jetzt neu verhandeln, um mit weiteren Finanzspritzen und internationaler Hilfe das Überleben seiner bankrotten Regierung zu sichern.
Schritt für Schritt erhöhte Pjöngjang den Druck: Überwachungskameras der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA wurden entfernt, neue Brennstäbe in den 1994 versiegelten Reaktor Yongbyon gebracht. Als die USA schließlich aus Protest ihre Öllieferungen stoppten, verkündete Nordkorea ganz offiziell die Wiederaufnahme seines Nuklearprogramms. "Die Ausweisung der Kontrolleure war der vorhersehbare nächste Schritt", sagt der Politikwissenschaftler Yu Suk Ryul vom Institut für Außenpolitik und Nationale Sicherheit in Seoul.
Während die Sicherheits- und Politikberater von US-Präsident George W. Bush bislang nur wenig Erfahrung mit Nordkorea sammeln konnten, sind den Herrschern in Pjöngjang ihre Kontrahenten aus vergangenen Konflikten vertraut. "Die Nordkoreaner wissen genau, wie weit sie gehen können", ist Sicherheitsexperte Yu überzeugt. Bush, der in den eigenen Reihen und international gegen den Widerstand gegen einen Irak-Krieg kämpfen muss, verfüge dagegen über wenige Alternativen. Weltweit bestehe ein Konsens, den Konflikt mit Nordkorea auf friedlichem Weg beizulegen, sagt Yu.
Der Regierung von Machthaber Kim Jong Il stehen aber "noch viele Schritte offen, Washington an den Verhandlungstisch zu zwingen", sagt auch der Politologe Kim Syng Ho von der Universität Yonsei. Als nächstes erwartet er die Drohung mit dem Rückzug vom Vertrag gegen die Verbreitung von Kernwaffen, die Inbetriebnahme einer Aufbereitungsanlage für atomwaffenfähiges Plutonium und die Drohung mit der Anlieferung von verbrauchten Brennstäben dorthin. "Das ist ein Spiel mit dem kalkulierten Risiko, aber sie können es spielen", sagt der Politikexperte Kim. Er und seine Kollegen gehen davon aus, dass Nordkorea eine letzte Grenze nicht überschreiten wird: die tatsächliche Herstellung von waffenfähigem Plutonium.