"Wir kämpfen nicht für Linke oder Rechte, sondern für uns: für Frauen, für Menschen!" Die zierliche Manuela Gretkowska ist an diesem Warschauer Winterabend ganz in ihrem Element. "Es kann doch nicht sein, dass wir Steuern zahlen, genauso wie die Männer, und trotzdem haben wir weniger zu sagen. Männer können doch nicht über unsere Zukunft, unsere Arbeit und unsere Gesundheit entscheiden." Die Zuhörer, die sich in den engen Raum gedrängt haben, nicken. Auch die wenigen anwesenden Männer. "Wir haben Ehefrauen, Mütter oder Töchter. Es geht uns also auch an", meint einer von ihnen. "Wir brauchen eine Frauenpartei", erklärt Gretkowska bestimmt. "Sonst interessieren unsere Probleme keinen."
Die 43-Jährige läuft hektisch auf und ab, während immer mehr Menschen in den Saal strömen. Über 100 sitzen schon drin und neue kommen ständig hinzu - freie Stühle gibt es keine mehr.

Zusammenstoß mit Kaczynski
Bekannt wurde die streitbare Schriftstellerin, die mehrere Jahre in Frankreich und Schweden lebte, vor einem Jahr auch durch einen Zusammenstoß mit dem polnischen Präsidenten Lech Kaczynski. In einem Artikel über den Aufstieg der Kaczynski-Zwillinge in der Zeitschrift "Sukces" waren Gretkowska unbestreitbare Recherchefehler unterlaufen. Dies führte postwendend zu einer "Empfehlung" der Präsidialkanzlei, die Journalistin zu entlassen. Die Redaktion zeigte sich mit ihrer Kollegin gegen diese staatliche Einmischung solidarisch, Gretkowska verfasste ein Antwortschreiben, das in die April-Ausgabe von "Sukces" aufgenommen wurde. Doch dann bekam der Verleger kalte Füße, trommelte drei Tage lang Verlagsmitarbeiter zusammen und ließ mit Teppichmessern die Seiten mit dem Artikel aus allen 90 000 Exemplaren der Zeitschrift entfernen. Die denkwürdige Ausgabe ist in Polen zum Sammlerstück und Gretkowska berühmt geworden.
Dennoch: Als sie im Oktober 2006 ihr Manifest zur Gründung einer Frauenpartei in Polen publizierte, wurde sie von vielen Seiten belächelt. "Kluge, intelligente und energische polnische Frauen ersetzen hinterwäldlerische, schwachköpfige und unfähige Politiker", kündigte Gretkowska an. Als Feministin will sie nicht bezeichnet werden. Es gehe um Grundrechte.
1000 Unterschriften von Sympathisanten sind in Polen zur Parteigründung erforderlich. "Sie schaffen es nie", behauptete damals der Politologe Marek Migalski. Nach zehn Auftritten Gretkowskas in zehn polnischen Großstädten hatten sich bereits bis Weihnachten 4000 Unterstützerinnen in Listen eingetragen. Im Februar 2007 wurde die Partei registriert. Nach aktuellem Stand gibt es bereits 500 lokale Vertretungen in allen 24 Regionen Polens. Das ist bemerkenswert in einem Land, das von Politikverdrossenheit zeitweise gelähmt zu sein schien: An den Parlamentswahlen 2005 nahm nicht einmal jeder zweite Wahlberechtigte teil. Umgekehrt ist Polens Parteiensystem geradezu dafür berühmt, dass neue Parteien gleichsam aus dem Nichts in die Höhe schießen, die Kaczynski-Zwillinge haben es gerade vorgemacht. So könnte die Frauenpartei tatsächlich zu einem für die Warschauer Regierung, aber auch für die liberale Opposition von der Bürgerplattform (PO) unangenehmen Machtfaktor werden. Die Frauenpartei hat in Polen sogleich prominente Unterstützer gefunden. Zu Ihnen gehören die Schauspielerlegende Krystyna Janda und der Fernsehstar Justyna Pochanke.
Die Partei setzt Themen auf die Agenda, die in Polen ignoriert, unter den Teppich gekehrt oder aus religiösen Gründen für unantastbar erklärt werden. Gefordert wird beispielsweise das Recht auf kostenlose Verhütungsmittel und das Recht auf Abtreibung. Auch die Vergaben von Mini-Darlehen an arbeitslose Frauen in ländlichen Gebieten nach dem Modell des letztjährigen Friedensnobelpreisträgers Mohammad Yunus regt die Partei an.
Ende Januar debattierte das Warschauer Parlament über Familienpolitik. Für den Abgeordneten Marian Pilka, von der regierenden Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), ist der Begriff "Familie" dabei klar - vier Kinder, ein verdienender Vater und die Mutter zu Hause am Herd. Frauen dürften sich auch beruflich selbstwirklichen. Aber erst, wenn die Kinder großgezogen seien, räumte er ein. Selbst die parteilose Anna Sobec ka, eine von 91 Abgeordneten im 460 Plätze großen Parlament, argumentiert: "Wir wollen ja, dass die Familie moralisch gesund ist." Dies sei eben nicht möglich, wenn die Mutter arbeite.

Kritik von Feministin
Auch von der politischen Linken kommt Kritik an der Frauenpartei. Für Malgorzata Tarasiewicz, Feministin aus Krakow (Krakau), ist sie in den Forderungen noch zu unklar, zu wenig revolutionär. Gretkowska selbst wolle sich von ihrem christlichen Glauben nicht abgrenzen.
Die Frauenpartei habe nichts gegen Hausfrauen, wenn diese freiwillig zu Hause blieben, betont Parteigründerin Gretkowska und rechnet vor, dass in den USA bis zu 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes von Frauen zu Hause erarbeitet werde. Die Männer müssten diese Arbeit aber schätzen lernen. Daher solle die Hälfte der Sozialbeiträge des Ehemannes auf das Konto der Frau gehen, damit diese auch im Alter versichert sei. Derzeit bleiben in Polen 55 Prozent der erwachsenen Frauen zu Hause, rund sechs Millionen Menschen, die später auf ihre Männer oder Sozialhilfe angewiesen sein werden. Gretkowska hält die Frauenpartei auch für Männer offen. Einige seien schon dabei, sagt sie. Doch die Zahl der Plätze bleibe auf zehn Prozent beschränkt.
Die Frauen können Einfluss auf der lokalen Ebene gewinnen, glaubt Witold Osiatynski, Menschenrechtler und Unterstützer von Gretkowska. "Klar, die Partei wird nie regieren. Gerade deshalb aber wird sie um Rechte kämpfen und nicht um Posten. Dadurch können die Frauen vielleicht das retten, was in den letzten Jahren von uns Männer in Polen zerstört wurde." Nach einer aktuellen Umfrage der Tageszeitung "Dziennik" stehen aber die Chancen für die Frauen, an die Macht zu kommen, gar nicht einmal schlecht. Demnach wäre 58 Prozent der Polinnen bereit, der Partei ihre Stimme zu geben. (n-ost)