Die US-Ratingagenturen sahen früh schwarz. Erst wenige Monate war die rechtsnationale PiS-Regierung in Warschau im Amt, da senkten die Bonitätsprüfer von Standard & Poor‘s Anfang 2016 den Daumen. Sie stuften den Ausblick für die Kreditwürdigkeit des ostmitteleuropäischen Wirtschaftswunderlandes von stabil auf negativ herab. Moody's folgte im Mai. Der Kurs der Landeswährung Zloty brach daraufhin ein.

Rund ein Jahr später hat sich nicht nur der Zloty erholt. Polen ist auch viel gerühmtes Partnerland bei der Hannover Messe, die am kommenden Montag ihre Tore öffnet. Und nicht zuletzt kommt die Weltbank in ihrem Frühjahrsbericht zu einem deutlich anderen Schluss als die US-Kreditprüfer: "Polen hat eine außergewöhnliche ökonomische Erfolgsstory geschrieben und sich innerhalb von Rekordzeit von einem Land mit mittlerem zu einem Land mit hohem Einkommen emporgearbeitet", urteilen die Weltbanker und heben den Daumen.

Die Zahlen sprechen für sich. Das polnische Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg seit dem Fall des Kommunismus von 66 auf 477 Milliarden Dollar - und dies trotz des Totalzusammenbruches der volkseigenen Industrie. Nach extrem schmerzhaften marktwirtschaftlichen Radikalreformen in den 90er-Jahren kam Polen noch vor der Jahrtausendwende wieder auf die Beine. Befeuert durch den EU-Beitritt 2004, begann schließlich eine Phase des Dauerwachstums, die bis in die Gegenwart anhält. 2016 notierten die Statistiker ein BIP-Plus von 2,8 Prozent, nach 3,6 Prozent im Jahr zuvor. Die Arbeitslosenquote liegt mit gut sechs Prozent auf einem Rekordtief im postkommunistischen Polen.

Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass die Begeisterung bei den Messemachern in Hannover spürbar über den branchenüblichen Zweckoptimismus hinausgeht.

Vor Beginn der weltweit wichtigsten Industriemesse rühmen die Fachleute nicht nur den Wachstums-, sondern vor allem auch den Innovationsstandort Polen. Das Land sei "längst mehr als nur die verlängerte Werkbank" des Westens. Neben "attraktiven Arbeitskosten" sei die Qualität der Zulieferer ebenso bemerkenswert wie der hohe Ausbildungsstandard.

Nicht zuletzt profitiert Polen auch von seiner Nähe zur ökonomischen Weltmacht Deutschland und von seiner eigenen, deutlich verbesserten Infrastruktur. Die Länge des Autobahnnetzes vervierfachte sich nach dem EU-Beitritt von 750 auf mehr als 3000 Kilometer. Wo einst Schlangen von Lkws über Schlaglöcher und Spurrinnen abgelegener Landstraßen krochen, rollt der Gütertransport inzwischen reibungslos von Paris, Frankfurt oder Rotterdam nach Warschau, Danzig oder ins schlesische Industrierevier - und umgekehrt.

Ohne Brüsseler Strukturhilfen wäre all das unmöglich gewesen. Bis 2020 fließen nach dem EU-Haushaltsplan weitere 82 Milliarden Euro nach Warschau. Spätestens an diesem Punkt kommt aber wieder die polnische Politik ins Spiel, deren Pläne die US-Ratingagenturen vor Jahresfrist so nachhaltig verstört haben. Die rechtsnationale PiS des bekennenden EU-Skeptikers Jaroslaw Kaczynski kann nach triumphalen Wahlsiegen 2015 in Warschau "durchregieren". Die Partei setzt von jeher auf eine paternalistische Wirtschafts- und Sozialpolitik. In gewissem Sinn nahm Kaczynski das Trump-Prinzip "America first" vorweg.

"Polen zuerst" richtet sich gegen den Einfluss westlicher, insbesondere deutscher Investoren in zentralen Wirtschaftsbereichen, etwa bei den Banken, aber auch im Handel, der Industrie und den Medien. In der praktischen Politik ist die PiS bei der geplanten Renationalisierung allerdings noch nicht sehr weit gekommen. Stattdessen führte die Kaczynski-Partei erstmals in der polnischen Geschichte ein Kindergeld ein. Zuletzt lancierte die PiS Pläne für den Bau eines nationalen Super-Flughafens zwischen Warschau und der alten Industriemetropole Lodz - auch in mitteleuropäischer Konkurrenz zum Berliner Pannenflughafen BER.

"Wer soll das bezahlen?", fragen nicht nur Oppositionspolitiker in Warschau, sondern vor allem die Kreditprüfer der Ratingagenturen. Selbst bei der sonst so optimistischen Weltbank gibt es beim Blick in Polens Zukunft durchaus Bedenken.

Die Gesellschaft altere überdurchschnittlich schnell, heißt es im jüngsten Länderbericht. Der Staat benötige deshalb neue finanzielle Reserven, zumal die EU-Hilfen dank des polnischen Booms mittelfristig geringer ausfallen dürften. Verschärft werden diese Zweifel noch durch das Rechtsstaatsverfahren, das die Brüsseler Kommission gegen Polen eingeleitet hat.

Die PiS hatte nach Regierungsantritt das Verfassungsgericht entmachtet und die Staatsmedien der Regierung unterstellt. In der EU gibt es seither immer wieder Forderungen, Polen zu sanktionieren und in der Haushaltsplanung künftig schlechterzustellen. Justizkommissarin Vera Jourova schlug sogar vor, die Auszahlung von EU-Hilfen an die Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien zu koppeln.

Unter dem Strich gibt es also ähnlich viele Gründe für Optimismus wie für Pessimismus. Der Daumen über Polen muss wohl vorerst in der Schwebe bleiben. Seitwärtsbewegung heißt so etwas an den Börsen.