"Wenn wir in Brüssel in der ersten Liga mitspielen wollen, brauchen wir den Euro", lautete eine oft wiederholte Kernthese des Ministerpräsidenten. Plötzlich soll alles anders sein.

Seit Tagen rätseln die Kommentatoren in Warschau über die Hintergründe des Kurswechsels. Tusk selbst verschanzt sich hinter rechtlichen und parteipolitischen Argumenten. "Wir können der Euro-Zone nicht beitreten, ohne die Verfassung zu ändern. Dafür haben wir nicht die Mehrheit", erklärte er der Zeitung "Gazeta Wyborcza".

Richtig ist, dass die Verfassung der Nationalbank die Zuständigkeit für die polnische Währung zuweist. Soll die Europäische Zen tralbank diese Rolle übernehmen, muss das Gesetz geändert werden. Dafür fehlt Tusks rechtsliberaler Regierungskoalition die nötige Zweidrittelmehrheit.

Die Verantwortung für die Euro-Blockade weist Tusk deshalb der größten Oppositionspartei zu, der nationalkonservativen PIS von Jaroslaw Kaczynski. Der euro skeptische Populist fordert ein Referendum über den Beitritt zur Währungsunion. Das allerdings ist nicht neu. Der Frontverlauf in der Debatte ist unverändert. Tusks rasante Rolle rückwärts beim unpopulären Euro-Thema ist vermutlich reiner Machttaktik geschuldet. Der Premier ringt um seine politische Zukunft.

Begonnen hatte alles im Winter mit einem Streit über weltanschauliche Fragen in der Bürgerplattform (PO), deren Vorsitzender Tusk ist. Der starke wertkonservative Flügel der rechtsliberalen Partei widersetzte sich Plänen zur Einführung der Homo-Ehe, die der Premier unterstützte. Wortführer der Nein-Sager ist der ehemalige Justizminister Jaroslaw Gowin, den Tusk im Frühjahr aus dem Kabinett warf.

Nun revanchiert sich Gowin, indem er bei der bevorstehenden Neuwahl des PO-Chefs gegen Tusk antritt. Es ist unwahrscheinlich, dass Gowin gewinnt. Dennoch zeigen jüngste Umfragen, wie dramatisch Tusk an Zustimmung eingebüßt hat. Erstmals seit Jahren führt Kaczynskis PIS mit rund 30 Prozent über einen längeren Zeitraum vor der PO, die nur noch 23 Prozent erreicht. Die Parlamentswahl im Herbst 2011 hatte Tusk mit 39,2 Prozent gewonnen und anschließend mutige Reformen in Angriff genommen. Die PO setzte die Rente mit 67 Jahren durch und betrieb eine strikte Sparpolitik. In der konservativen Europäischen Volkspartei wurde Tusk bereits als Spitzenkandidat für die Europawahl 2014 und als Nachfolger von Kommissionschef Jose Manuel Barroso gehandelt.

Doch die Erfolgsserie ist beendet. Tusk wirkt wie gelähmt. Die Angst regiert mit, und dies nicht nur bei der Euro-Absage. Im Streit um die Homo-Ehe mahnte Tusk Schwule und Lesben zur Zurückhaltung, "um nicht Wasser auf die Mühlen der Konservativen zu leiten". Es ist dem Premier nicht gelungen, eine Aufbruchstimmung zu erzeugen, wie sie für die Euro-Einführung nötig wäre. Zwei Drittel der Polen sind gegen einen Beitritt zur Währungsunion. 2009 war noch gut die Hälfte der Bürger dafür.

In dieser Situation beherrscht Kaczynski die politische Bühne. Einige Kommentatoren handeln den 64-Jährigen bereits als "Parallel-Premier". Tusk erklärte kürzlich: "Die PIS ist von den Dämonen der Vergangenheit und der Furcht vor der Zukunft beherrscht." Anschließend erteilte er der schnellen Euro-Einführung ängstlich eine Absag e.