Dezember 1981 Milizionäre, um Bürgerrechtler und Gewerkschafter abzuholen. Wer - damals noch keine Selbstverständlichkeit in Polen - ein Telefon hatte, hörte nur das Rauschen in der toten Leitung. Die meisten Polen erfuhren erst am folgenden Morgen, dass in ihrem Land offiziell Kriegszustand herrschte. Ständig wiederholten uniformierte Nachrichtensprecher die Kriegsrechtserklärung von General Wojciech Jaruzelski, der nun an der Spitze eines Militärrates das Land beherrschte.
Die lange, kalte Dezembernacht war nur ein Vorgeschmack auf die noch sehr viel längeren Monate des Kriegsrechts. Mit ausländischer Fremdherrschaft hatten die Polen im Laufe ihrer oft tragischen Geschichte reichlich Erfahrung gesammelt. Doch diesmal war es die eigene Armee, die den zaghaften Traum von einer Erneuerung, einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz, zerschlug. Seit der Gründung der Gewerkschaft Solidarnosc (Solidarität) im August 1980 hatten viele Polen gehofft, nun werde alles langsam anders, freier, offener. Jetzt aber flohen Tausende ins Ausland, andere gingen in Polen in den Untergrund oder die "innere Emigration". Gewerkschaftsführer Lech Walesa war nach der Ausrufung des Kriegsrechts ebenso interniert wie die bekanntesten Dissidenten des Landes, kritische Schriftsteller und Journalisten. Die Hoffnung, es werde schon nicht so schlimm werden, trotz Ausgangssperre und Zensur, zerschlug sich spätestens am 16. Dezember, als Beamte der berüchtigten Sondermiliz Zomo einen Streik in den Zechen Wujek und Manifest Lipcowy im oberschlesischen Katowice (Kattowitz) blutig niederschlugen. Neun der streikenden Kumpel wurden von der Miliz erschossen, mehr als 40 verletzt. Sie sollten nicht die letzten Toten des Kriegsrechts bleiben. Unter den rund 100 Menschen, die damals gewaltsam ums Leben kamen, waren auch der von Polizisten zu Tode geprügelte Warschauer Abiturient Grzegorz Przemyk und der von Geheimdienstbeamten entführte und ermordete Priester Jerzy Popieluszko, dessen Seligsprechungsprozess läuft.
Trotz tausender Internierter formierte sich der Widerstand. In der Untergrundpresse zirkulierten Berichte und Literatur aus den Internierungslagern, viele Menschen stellten an jedem 13. des Monats brennende Kerzen in die Fenster, andere gingen auf die Straße. Die Sendezeit der zensierten Nachrichten im staatlichen Fernsehen wurde als "Stunde der Lüge" verspottet. An Mauern und Hauswänden tauchten Symbole auf, die zuletzt von der Untergrundbewegung im Zweiten Weltkrieg benutzt worden war, damals im Kampf gegen die deutsche Besatzung.
Auch angesichts der demokratischen Wende in Polen im Jahr 1989 ist das Kriegsrecht noch nicht juristisch aufgearbeitet. Nur einige ehemalige Milizbeamte mussten sich vor Gericht verantworten. Derzeit läuft im dritten Anlauf ein Verfahren gegen den damaligen Innenminister, General Czeslaw Kiszczak wegen der blutigen Niederschlagung des Bergarbeiterstreiks in Katowice.
Das für die Aufarbeitung kommunistischer Verbrechen zuständige Institut des nationalen Gedenkens ermittelt seit dem Sommer gegen Jaruzelski wegen der Ausrufung des Kriegsrechts. Der jetzt greise General betont seit 25 Jahren, er habe als guter Patriot und zur "Verhinderung eines schlimmeren Übels" gehandelt: Ohne Ausnahmezustand hätte eine militärische Intervention der Sowjetunion gedroht, sagt er.