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| 18:43 Uhr

Blick nach Polen
Zwei Länder sind für sie Heimat

Malgorzata Chodakowska hatte eine gute Ausbildung in Polen.
Malgorzata Chodakowska hatte eine gute Ausbildung in Polen. FOTO: dpa / Sebastian Kahnert
Dresden. Ein Buch über Michelangelo war für Malgorzata Chodakowska die Initialzündung: Da wusste die gebürtige Polin, dass sie Bildhauerin werden will. Heute modelliert sie ihre Figuren in Dresden – und erhält international Anerkennung dafür.

Primavera, Bella Figura, Con Amore: Zig Frauen bevölkern das Weingut in Dresden-Pillnitz. Sie stehen vor dem Haus und drinnen, tummeln sich im Weinkeller, sitzen oder liegen auf dem Giebel über dessen Eingang, bevölkern ein ganzes Nebengebäude. Die Bildhauerin Malgorzata Chodakowska schafft immer mehr dieser Wesen – aus Bronze, Holz und neuerdings auch Stein. Viele haben ein zartes Lächeln, „durch Buddha“, sagt die asienbegeisterte Künstlerin. Sie ist Polin – und Deutsche. „Ich wurde sogar gerade eingebürgert.“

Ihre Figuren strahlen neben Selbstbewusstsein Energie und Kraft aus, wie ihre blonde Schöpferin. „Sie lächeln seelisch von innen.“
Auf einer Leiter im Atelier stehend modelliert die 53-jährige Ehefrau eines Winzers ihr jüngstes Werk Bella Figura. Das lebensgroße Abbild einer Tänzerin des Semperoper-Balletts wird später in Bronze gegossen. „Tänzer sind faszinierend, ich gehe oft in moderne Aufführungen.“

Die mit Scirocco, Apolonia oder Fata Morgana betitelten Skulpturen gleichen Göttinnen. „Mein Ideal einer Frau: selbstbewusst, stark, mit weiblicher Würde“, sagt Chodakowska.

Manchmal entstehen auch Paare, die sinnliche Innigkeit ausstrahlen oder Kinder wie ein Junge mit Fisch, ein Mädchen mit Blatt und Christopherus mit Baby auf den Schultern. Mit lokalen Kunsthandwerkern entwickelt sie die Düsen für ihre Brunnenfiguren, die das Wasser als Kragen, Fächer oder gar Rock erscheinen lassen.

Zur Welt kam Chodakowska 1965 in Lodz. Mit 15 Jahren ging sie auf ein Kunstgymnasium. „So was gibt es in Deutschland leider nicht.“ Ihr Abitur macht sie in fünf statt vier Jahren und hat neben Algebra und Grammatik auch Unterricht in Kunst, Malerei, Zeichnung, Bildhauerei und Komposition. „Mit 17 habe ich ein Buch über Michelangelo gelesen, da war für mich klar, dass ich Bildhauerin werden will.“

Sie studiert an der Akademie der bildenden Künste Warschau, geht für ein Austauschjahr nach Wien – und bleibt. Sie macht ihr Diplom an der dortigen Kunstakademie und bekommt den Meisterschulpreis für eine Installation. „Die drei Jahre haben mir klargemacht, dass die Moderne nicht meins ist“, sagt Chodakowska. Sie kehrt zur figurativen Kunst zurück, obwohl sie von Kollegen belächelt wird. „Ich stehe dazu, der Mensch ist ein Thema ohne Ende.“

Von Wien geht es direkt nach Dresden, der Liebe wegen. Schon 1989 hatte sie sich auf 2000 Meter Höhe in der polnischen Tatra verliebt, in einen Dresdner. Als die angehende Künstlerin den Ingenieur zum ersten Mal besucht, rollt der am Bahnsteig einen extra geliehenen roten Teppich vor der Zugtür aus, aus der sie steigt. Schnell war klar, sie gehören zusammen. „Er sollte nach Polen ziehen und Pole werden, denn Polen konnten ohne Visum reisen.“

Die Wende kommt dazwischen, der Mann folgt der Liebsten stattdessen nach Österreich und macht als Autodidakt eine Ausbildung zum Winzer. 1991 heiraten sie, die Katholikin aus Polen zieht ins vereinte Deutschland. „Klaus hat viele Künstler als Freunde, wollte selbst Malerei studieren, hat Akte gezeichnet“, erzählt Chodakowska über ihren Mann. „Wir sind Seelenverwandte, er hilft mir auch mit Ideen.“

Ihre ersten Skulpturen: eine Menagerie aus Gläsern mit Bleiguß. „Meine erste Ballerina hatte ein Röckchen aus Glas, 30 Jahre später ist es aus Wasser“, sagt die fröhlich wirkende Künstlerin. Als ihr Mann eine Eiche auf dem neu erworbenen Weinberg fällt, wird daraus ihre erste Holz-Frau – in der Küche. Den „Stammfrauen“ folgt eine Bambusmenagerie, dann Holzskulpturen, Bronzen – und einzigartige Brunnen.

Für sie tüftelt Chodakowska mit Kunsthandwerkern, um es aus Haaren, Fischschuppen und Blüten tropfen zu lassen, Kragen und Fächer oder Engelsflügel aus Wasser zu schaffen oder ihren Ballerinen Röcke aus flüssigem Nass zu geben. Drei der zarten Mädchen mit Wasser-Tütüs wurden gerade in einer chinesischen Millionenstadt enthüllt – und kopiert. Chodakowska sieht es als Wertschätzung – „die kopieren nur Meister“.

Chodakowska ist eine Wanderin in Sachen Heimat, in Sachsen „voll integriert, im Herzen aber zuerst Polin“. Sie sagt: „Heimat ist dort, wo es mir gut geht, ich akzeptiert und anerkannt werde, man geliebt wird.“ Das sei Dresden mit dem Elbhang und dem Elbsandsteingebirge, aber auch Polen mit Tatra und Ostsee.

Derzeit macht die Bildhauerin ihren ersten Versuch in Stein, mit Hilfe der 3D-Technik. Aus einem 2,40 Meter hohen Dolomit wird ihre zuvor gescannte Bella Figura aus Holz gefräst, die sie dann bearbeitet. „Ich finde es gut, dass es das gibt, man darf bloß keine Abkürzung nehmen“, sagt sie. Nur das Modell scannen und dann ausdrucken sei keine Kunst. „Man muss die Ideen fließen lassen, die Schöpfung des Künstlers sichtbar sein.“

Malgorzata Chodakowska arbeitet in ihrem Atelier an einer Skulptur.
Malgorzata Chodakowska arbeitet in ihrem Atelier an einer Skulptur. FOTO: dpa / Sebastian Kahnert
(dpa)