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| 19:45 Uhr

Polen
„Wir begegnen uns als Menschen“

Ein muslimischer und ein jüdischer Mann nehmen im ehemaligen deutschen KZ Auschwitz an einer interreligiösen Gedenkfeier für die Opfer der Schoah teil. Sie fand im Rahmen einer vom Zentralrat der Muslime in Deutschland und der Union progressiver Juden organisierten Bildungsreise statt.
Ein muslimischer und ein jüdischer Mann nehmen im ehemaligen deutschen KZ Auschwitz an einer interreligiösen Gedenkfeier für die Opfer der Schoah teil. Sie fand im Rahmen einer vom Zentralrat der Muslime in Deutschland und der Union progressiver Juden organisierten Bildungsreise statt. FOTO: dpa / Monika Skolimowska
Oswiecim. Sie sind jüdisch und muslimisch und wollen mehr voneinander wissen. Zwei Dutzend junge Menschen sind aus Deutschland nach Auschwitz gereist. Natalie Skrzypczak

An der Todeswand von Ausch­witz, an der Tausende KZ-Häftlinge erschossen wurden, singt ein Imam Klagelieder aus dem Koran. Ein Rabbiner spricht ein jüdisches Gebet. Mit ihnen beten bei brütender Hitze 25 aus Deutschland angereiste Juden und muslimische Geflüchtete. Inmitten der bedrückenden Szenerie aus Stacheldrahtzäunen und Baracken des ehemals größten Vernichtungslagers der Nazis beten sie gemeinsam dafür, dass sich das Grauen des Holocausts  nicht wiederholt.

Viele legen zur Erinnerung an die Schoah-Opfer rote Rosen an der Todesmauer des Konzentrationslagers nieder, in dem die Nazis mehr als eine Million Menschen ermordeten. Die meisten davon waren Juden. „Die Trauer eint uns“, sagt der 25-jährige Syrer Khaled Naeem bedrückt. Die Erlebnisse rufen bei ihm Erinnerungen an den Bürgerkrieg in Syrien hervor.

Der Rabbiner Henry G. Brandt würdigt den Entschluss der Gruppe, sich in Auschwitz zu treffen. „Ich bin tief beeindruckt, dass Muslime und Juden zusammen hier sind.“ Er hoffe, sie könnten Lehren für das Leben ziehen. „Ihr jungen Menschen seid die Architekten des Morgen“ appelliert Brandt.

Auch die Politik ist mit den Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins und Thüringens, Daniel Günther (CDU) und Bodo Ramelow (Linke), bei der Zeremonie vertreten. Aus ihren Bundesländern waren die Juden und syrischen und irakischen Geflüchteten im Alter von 18 bis 26 Jahren angereist.

Die Gedenkfeier ist der Höhepunkt ihrer gemeinsamen Bildungsreise. Die gegen Antisemitismus gerichtete Aktion wurde vom Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) und der Union progressiver Juden (UpJ) organisiert. Eine Premiere sei das jüdisch-muslimische Treffen, sagt Zakaria Said vom ZMD. Er meint: „Für intensive Gespräche zwischen Juden und Muslimen gibt es in Deutschland viel zu selten die Gelegenheit.“

Nun setzen sich die Jugendlichen fünf Tage lang bei KZ-Besichtigungen, Zeitzeugengesprächen und Diskussionsrunden mit dem Holocaust auseinander – und kommen sich näher. „Wir lernen uns allmählich besser kennen“, sagt Oqba, der vor drei Jahren aus dem syrischen Damaskus nach Deutschland floh. Er stellt fest: Bei dem Treffen würde das Schubladendenken abgebaut. Zur Demonstration setzt sich der Muslim lächelnd eine Kippa auf. Er selbst sei Juden gegenüber auch schon vor der Reise aufgeschlossen gewesen.

Die jüdische Teilnehmerin Amanda Pidgornij hat von ihren muslimischen Reisegefährten bereits Neues erfahren. „Ich dachte, muslimische Frauen würden zum Beispiel mit dem Tragen des Kopftuches unterdrückt“, sagt die 18-Jährige aus Elmshorn. Doch das Gespräch mit den Musliminnen habe sie überzeugt, dass dies nicht stimmt. „Wir reden immer von Juden und Muslimen, von Syrern und Deutschen“, bemängelt Pidgornij. „Hier können wir uns als Menschen begegnen.“

Naeem wiederum konnte viel über die im Holocaust umgekommenen Familienangehörigen jüdischer Reisender erfahren. „Es ist so traurig“, sagt der Syrer. Die Offenheit der Teilnehmer schätzt er: „Ich durfte sie alles fragen.“ Angemeldet hat er sich über das Patenschaftsbüro des ZMD in Erfurt für die Reise. Die Initiative unterstützt Geflüchtete und gibt ihnen zur Orientierung Paten aus der Nachbarschaft an die Hand.

Das Erfurter Büro hat auch schon KZ-Besuche für Geflüchtete in Deutschland organisiert. Das Interesse war laut Said so groß, dass sich daraus der Gedanke zum Ausch­witz-Besuch entspann. Die jüdischen Teilnehmenden wählte der UpJ aus, der in Deutschland 26 Gemeinden vertritt. Bei beiden Verbänden habe es mehr Interessenten als Plätze gegeben, sagen die Organisatoren. „Wer zuerst kam, bekam einen Platz“, sagt Said. „Die Reise soll den jungen Menschen beider Religionen ermöglichen, neue Perspektiven zu bilden“, sagt er. Vielleicht könnten die Teilnehmenden sogar Freundschaften schließen.

In Deutschland hatten zuletzt immer wieder antisemitische Übergriffe für Schlagzeilen gesorgt, teils auch von muslimischen Tätern. Aufsehen erregte beispielsweise der Fall eines Syrers, der in Berlin einen Kippa tragenden Israeli mit einem Gürtel angriff.

 Rund 30 jüdische Organisationen riefen die Bundesregierung dazu auf, den Antisemitismus unter Muslimen ernst zu nehmen. Allerdings ist und bleibt dieser bei Weitem nicht allein ein muslimisches Problem, zu den Tätern zählen auch Deutsche. Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) schlug zu Jahresbeginn vor, den Besuch einer KZ-Gedenkstätte für alle in Deutschland zur Pflicht zu machen.

Said kritisiert, manche Menschen benutzten die Situation, um Hetze gegen Flüchtlinge zu betreiben. Er meint: „Mit dem Finger auf Geflüchtete zu verweisen, ist eine billige Entlastungsstrategie.“ Die gemeinsame Reise von Juden und Muslimen gebe da kontra: „Am Ort der größten Unmenschlichkeit demonstrieren die Teilnehmenden Menschlichkeit“, sagt Said.

Die Konfrontation mit Krieg und Tod verlangt den jungen Menschen, deren eigene Kriegserfahrungen nicht lange zurückliegen, jedoch einiges ab. „Das war so grauenhaft, manchmal konnte ich gar nicht mehr hingucken“, beschreibt Naeem Fotos von Nazi-Opfern, die er im KZ sah. „Es hat mich daran erinnert, was mit uns in Syrien passiert ist.“ Er wird leiser: „Auf der Flucht habe ich viele Tote gesehen und Menschen, die gefoltert worden sind.“

Die eigenen traumatischen Erinnerungen holen auch andere Teilnehmende ein. Eine Muslimin muss ein Krakauer Museum über Oskar Schindler, der vielen Juden half, verlassen. Sie hat den Klang von Gewehrsalven, die dort abgespielt werden, nicht ausgehalten, berichtet UpJ-Generalsekretärin Irith Michelsohn betroffen. Die Organisatoren versichern aber, die Teilnehmer seien unter anderem bei einem Kennenlernwochenende auf die Reise vorbereitet worden und hätten gewusst, worauf sie sich einlassen. „Wie man letztendlich auf die Eindrücke reagiert, lässt sich vorher einfach nicht einschätzen“, sagt Said.

„Es war viel“, gibt Naeem zu. Die Reise bereut er aber nicht. „Ich wollte mehr über die deutsche Geschichte erfahren, um anderen davon zu erzählen“, sagt er. „Die ganze Welt soll davon wissen“, betont der Syrer, der den Holocaust nicht allein als deutsche Geschichte sieht: „Das ist die Geschichte der Menschheit.“

Zwei Muslimas und ein junger jüdischer Mann machen ein Selfie mit Inna Shames von der Union Progressiver Juden in Deutschland (2.v.r).
Zwei Muslimas und ein junger jüdischer Mann machen ein Selfie mit Inna Shames von der Union Progressiver Juden in Deutschland (2.v.r). FOTO: dpa / Monika Skolimowska