Von Barbara Thériault

Wir waren 150 Teilnehmer in einer Sporthalle und nochmal 150 im Speisesaal der Schule im Zentrum von Warschau. Vor kleinen Schreibtischen und mit Nummern versehenen, orangefarbenen Bändern am Arm, saßen wir still da.

Davor hatten wir in einem engen Korridor warten müssen. Manche redeten miteinander, vor allem auf Russisch und Ukrainisch. Viele standen allein, etwas verkrampft. Ihrer Handys beraubt, die sie am Eingang hatten abgeben müssen. Uns blieb neben Plakaten, die zu Sportangeboten einluden, nichts anderes übrig, als uns gegenseitig zu beobachten.

Frauen und Männer drängten sich auf dem Flur. Die männliche Welt – weder alt noch jung, mit Bauchansatz – war an diesem grauen Morgen besonders gut vertreten. Wir warteten alle auf den staatlichen Sprachtest in Polnisch, Niveau B1, der den Zugang zum Studium und zur Staatsbürgerschaft ermöglicht.

Die meisten der Prüflinge an diesem Tag führte jedoch ein anderer Grund hierher. Sie leben schon seit Jahren im Land und hatten als Folge von im vergangenen Jahr in Kraft getretenen Änderungen des Ausländergesetzes eine Aufforderung erhalten: Um einen Aufenthaltstitel zu erhalten beziehungsweise diesen zu verlängern, müssen sie sich dieser Sprachprüfung unterziehen.

Seit 2013 sind viele Menschen aus benachbarten Ländern, vor allem aus der Ukraine, nach Polen gekommen. Nicht der Beitritt des Landes zur EU oder zum Schengen-Raum, sondern der Krieg zwischen der Ukraine und Russland und die schwierige wirtschaftliche Lage bei den östlichen Nachbarländern ist für die neue Migrationsbewegung verantwortlich. Viele halten sich hier nur kurzfristig zum Arbeiten auf, andere sind zum Studium gekommen, wieder andere sind bei internationalen Firmen beschäftigt oder haben hierzulande geheiratet.

Was ich denn hier machen würde, wurde ich auf Ukrainisch von einer jungen Frau gefragt. Wie sie sei ich keine EU-Bürgerin, ich lebte in Kanada, hätte aber keinen offiziellen Brief bekommen. „Ich mache die Prüfung bloß um mein Polnisch-Niveau zu testen“, erwiderte ich etwas schüchtern.

Tag 1: Schriftliche Prüfung: Hörverständnis, Grammatik, Textverständnis, Schreiben eines kurzen und eines langen Textes. Unsere Pässe wurden kontrolliert und danach wurden wir in die Halle gelassen. Die kühle Höflichkeit einer Frauenstimme erklärte das Verfahren und wies uns darauf hin, nicht voneinander abzuschreiben, denn: „Andere sind vielleicht nicht besser als Sie.“

Tag 2: Mündliche Prüfung. Die in sechs Gruppen aufgeteilten Teilnehmenden warteten vor den jeweils zugewiesenen Räumen. Wir hatten Zeit, uns auszutauschen.

Samika, die neben mir auf der Bank saß, war nervös. Obwohl sie – wie ich fand – gut Polnisch sprechen konnte, wollte sie sich lieber auf Englisch unterhalten, einer Sprache, in der sie sich inzwischen mehr zu Hause fühle als im muttersprachlichen Nepalesisch. Sie lebe seit acht Jahren in Warschau und frage stets, ob ihre Ansprechpartner Englisch können. Wenn es nicht anders ginge, spreche sie Polnisch. „Es wird von mir jedoch nicht erwartet“, beteuerte sie am zweiten Prüfungstag. „Den gestrigen Test?“ Schwierig fand sie ihn. Sie müsse fast nie schreiben. Und in ihrem Alter sei es seltsam, Schulbücher aufzuschlagen. Witali, der auch auf der schmalen Bank wartete, stieg mit ins Gespräch ein. Er komme aus dem Donbass. Ob er Russisch spricht? „Ja, aber Ukrainisch auch“, fügte er hinzu. Er arbeite bei einer großen internationalen Firma, in der man Englisch spreche – auch mit Kanadiern. Polnisch lerne er in der Mittagspause im Unterricht der Sprachschule, die an diesem Tag die Prüfung durchführte.

Samika wurde aufgerufen. Als sie 30 Minuten später rauskam, ermutigten wir uns gegenseitig, gaben uns Tipps und versicherten uns, dass nur 50 Prozent aller Punkte nötig seien, um den Test, dessen Ergebnis noch ausstand, zu bestehen.

Die Änderungen des Ausländergesetzes dienen zugleich als Integrationsmaßnahme eines Landes, das sich lange durch Auswanderung – nicht Einwanderung – auszeichnete, Kontrolle des Arbeitsmarkts und Regulierung von Migration bei nicht EU-Bürgern. Objektiv betrachtet, treffen seine Kriterien – die geforderten Kenntnisse und Voraussetzungen – nicht auf alle Teilnehmer gleichermaßen zu.

Die Kosten – 150 Euro – belasten manche mehr als andere. Wie es auch unter Muttersprachlern nicht allen leichtfällt, in 90 Minuten ein kurzes Essay zu schreiben. Und diejenigen, die keine andere slawische Sprache beherrschen, haben es schwerer beim Verstehen und Reden als andere.

Trotz aller Unterschiede fühlten wir uns in dem Moment als Teil einer kleinen, flüchtigen Gemeinschaft von Anwärtern des neuen Polen.