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| 15:23 Uhr

Rafal Trzaskowski lenkt Warschaus Geschicke
Vom Jazz zur großen Politik

Lässig und ohne Krawatte: Rafal Trzaskowski bei der Stimmabgabe in seinem Warschauer Wahllokal.In den nächsten Jahren wird er einer der mächtigsten Politiker  Polens sein.
Lässig und ohne Krawatte: Rafal Trzaskowski bei der Stimmabgabe in seinem Warschauer Wahllokal.In den nächsten Jahren wird er einer der mächtigsten Politiker Polens sein. FOTO: dpa / Czarek Sokolowski
Warschau. Rafal Trzaskowski: Wer ist der Politiker, der es aus dem Stand geschafft hat, Warschaus neuer Stadtpräsident zu werden? Von Gabriele Lesser

Spötter nannten sie „Rafaels  Bank“, im Internet kursierten bissig-satirische Zerrbilder einer blauen Parkbank in Polens Hauptstadt Warschau, auf wandernden Sanddünen in der Sahara oder auch als Schubkarre mit einem eingebauten Kasten Bier als Proviant. Die Idee des 46-jährigen Politikers Rafal Trzaskowski, mit seiner Parkbank Wahlwerbung zu machen, sie immer wieder an einem anderen Ort Warschaus aufzustellen und dort – gewissermaßen téte à téte – mit Wählern ins Gespräch zu kommen, löste bei seinen politischen Gegnern wahre Lachsalven aus. Am späten Wahlabend war es mit dem Lachen vorbei. Denn der Liberalkonservative mit dem Dreitage-Bart und dem jungenhaften Grinsen hatte aus dem Stand die Kommunalwahlen gewonnen. Mit 54,1 Prozent der Stimmen wird er in Warschau der neue Stadtpräsident sein. Sein unterlegener Gegenkandidat: der Nationalpopulist Patryk Jaki von der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS).

Für Trzaskowski, der schon Europa-Abgeordneter war, Minister für Verwaltung und Digitalisierung und Staatssekretär für europäische Angelegenheiten, ist dies ein Karrieresprung, der ihm den Weg nach ganz oben ebnen könnte. Denn der Oberbürgermeister-Posten in Warschau in nicht nur der prestigeträchtigste in ganz Polen. Trzaskowski wird auch mit internationalen Investoren verhandeln, darüber entscheiden, welche Demonstrationen in Polens Hauptstadt stattfinden dürfen und den größten Haushalt aller polnischen Städte verwalten. Mit einem Wort: Er wird mächtig sein, mächtiger als manch ein Minister.

Dabei ist Trzaskowski ein spät Berufener, wie er selbst sagt. Zwar interessierte er sich schon als Jugendlicher für Politik, doch strebte er zunächst eine wissenschaftliche Karriere an, studierte in Warschau Politologie und Anglistik, promovierte nach Studienaufenthalten in Oxford und Paris über die „Dynamik der Reform der Entscheidungsfällung in der Europäischen Union“ und wurde zunächst Dozent an zwei Privathochschulen in Warschau. Doch die politische Praxis reizte ihn dann doch so sehr, dass er von 2009 bis 2013 ein Mandat im EU-Parlament übernahm und im März 2017 Vize-Vorsitzender der Europäischen Volkspartei wurde. 2015 wurde er als Abgeordneter ins polnische Parlament gewählt. Dieses Mandat muss er jetzt aufgeben.

Trzaskowski entstammt einer berühmten Künstlerfamilie. Sein Vater Andrzej Trzaskowski war ein begnadeter Jazzpianist, der auch komponierte, das Radio und Fernsehorchester Polens leitete und seinen Sohn mit der Weltliteratur bekannt machte. Über die Mutter hat Trzaskowski auch enge Familienbindungen an Krakau. Hier lernte er die Künstlerszene rund um den Kabarett-Keller „Bei den Widdern“ kennen. Als achtjähriges Kind spielte der kleine Rafal in der Fernsehserie „Unser Hinterhof“ mit. Und als ihn kurz vor dem Ende des Wahlkampfes seine Gegner hämisch fragten, wo denn die blaue Parkbank abgeblieben sei, antwortete er verschmitzt: „In unserem Hinterhof“ und heftete ein Foto an, auf dem er, seine Frau Malgorzata und die beiden Kinder Stanislaw und Aleksandra auf der Bank saßen. Höchst vergnügt.