Von Dietrich Schröder

Sie sind in die Jahre gekommen – „längst technisch und moralisch verschlissen“, wie Fachleute es formulieren würden. Die derzeitige Eisenbrücke über die Oder bei Küstrin wurde vor genau 100 Jahren errichtet. Bei den Kriegskämpfen um den strategisch wichtigen Oderübergang wurde sie Anfang 1945 schwer beschädigt und Jahre später mehr schlecht als recht wieder instand gesetzt.

Ähnliches trifft auf die benachbarte Straßenbrücke zu. Nur deren Pfeiler stammen sogar noch aus dem 19. Jahrhundert. Zu DDR-Zeiten führte diese Brücke durch militärisches Sperrgebiet, weil eine sowjetische Pioniereinheit die Insel zwischen Oder und Oder-Vorflut-Kanal besetzt hielt. Als die Brücke 1992 provisorisch instand gesetzt wurde, war dies auch nur für 15 Jahre gedacht.

Langer Streit über Neubauten

Die Folgen solcher Mängel sind alltäglich spürbar: Züge fahren nur im Kriechtempo über die Bahnbrücke. Und die Straßenbrücke ist nur für Kleintransporter bis maximal 7,5 Tonnen zugelassen. Dies alles im Europa des 21. Jahrhunderts. Doch über die Neubauten haben Verantwortliche aus Deutschland und Polen jahrelang gestritten. Seit 2015 liegt nun schon das von der Deutschen Bahn in Auftrag gegebene Projekt für die künftige Eisenbahnbrücke vor: eine elegant anmutende Netzwerkbogenbrücke, die sich 130 Meter stützenfrei über den Grenzfluss schwingt.

Doch 2018 hatte das polnische Ministerium für Hochsee- und Binnenschifffahrt völlig überraschend sein Veto gegen den Bau eingelegt, der eigentlich bis 2020 vollendet sein sollte. Die Durchlasshöhe dieser Brücke müsse erhöht werden, hieß es aus Warschau. Dahinter stand die umstrittene Forderung, die Oder so auszubauen, dass auf ihr auch Containerschiffe fahren können. Zwar wurde dies auch auf Druck Brandenburgs  nach mehrmonatiger Debatte wieder fallengelassen. Doch der Baustart war geplatzt. „Unsere aktualisierten Pläne sehen vor, dass die Brücke unter Vollsperrung von Dezember 2020 bis Dezember 2022 errichtet wird.“ Das gab ein Sprecher der Deutschen Bahn jetzt auf Anfrage der RUNDSCHAU bekannt.

Anstieg des Lkw-Verkehrs erwartet

Vor Kurzem haben sich die Verkehrsminister Deutschlands und Polens auch auf den Neubau der Straßenbrücke geeinigt. Dieser soll bis 2025 unter polnischer Regie erfolgen, wobei die deutsche Seite 40 Prozent der Kosten übernehmen will. Eigentlich widerspricht dies einem früheren Abkommen, laut dem die Instandhaltung der Grenzbrücken untereinander aufgeteilt wurde. Aber da es sich um einen Neubau handelt, wurde die gemeinsame Finanzierung vereinbart.

Im Oderbruch hat dies freilich Ängste ausgelöst, denn dort erwartet man einen sprunghaften Anstieg des Lkw-Verkehrs in den Orten entlang der B1, in denen es keine Umgehungsstraßen gibt. Aber das ist schon wieder ein deutsches Problem.