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| 15:24 Uhr

11. November 1918
Seit 100 Jahren ist Polen wieder ein eigener Staat

Marschall Jozef Pilsudski (1867-1935) wird von vielen Polen bis heute sehr verehrt. In etlichen Orten gibt es Plätze, die nach ihm benannt sind, und Denkmale wie dieses in Warschau.  .
Marschall Jozef Pilsudski (1867-1935) wird von vielen Polen bis heute sehr verehrt. In etlichen Orten gibt es Plätze, die nach ihm benannt sind, und Denkmale wie dieses in Warschau. . FOTO: irena iris szewczyk/Shutterstock
Warschau . Den Ersten Weltkrieg haben alle beteiligten Parteien verloren. Dennoch gab es Gewinner, die selbst gar nicht aktiv involviert waren: die Polen. Sie nutzten 1918 die historische Chance, ihr Land als Republik neu zu gründen. Von Oliver Hinz

Am 11. November 1918 war für die deutschen Besatzer in Warschau die Zeit abgelaufen. „Bei Nacht Schießerei. Morgens früh an allen Straßenecken Entwaffnung der deutschen Offiziere. Aber nicht nur die Miliz entwaffnet, auch die Menge“, schreibt die polnische Schriftstellerin Maria Dabrowska in ihrem Tagebuch. Kampflos verließen rund 30 000 deutsche Soldaten binnen weniger Tage den Großraum Warschau.

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges fiel Polen nach vier Generationen Fremdherrschaft der eigene Staat wieder „quasi in den Schoß“, sagt der Historiker Peter Oliver Loew. Es war kein opferreicher Aufstand, kein glanzvoll erfochtener Sieg, sondern die Niederlage der Teilungsmächte Deutschland, Russland und Österreich, die Polen nach dessen dritter Teilung 1795 als Republik wiederentstehen ließ. „Polska wybuchla“, sagte man oft, „Polen ist ausgebrochen“, so wie ein Vulkan oder der Frühling unvermittelt ausbrechen kann.

Der Ausgang des Ersten Weltkriegs (1914-1918) bescherte den Polen eine politische Konstellation, die vorher undenkbar gewesen war: Die Teilungsmächte hatten gegeneinander einen Krieg geführt, den beide Seiten verloren hatten. Sie hatten nichts mehr zu melden. Das unwahrscheinliche Ende der Teilung Polens wurde Realität: Alle drei Besatzungsmächte waren in Auflösung begriffen.

Mit der Oktoberrevolution 1917 in Russland brach die erste Teilungsmacht zusammen. Die österreichische Monarchie ging ebenfalls zu Ende. Am 31. Oktober 1918 gaben die im südpolnischen Krakau stationierten österreichischen Soldaten ihre Waffen ab. Statt kaiserlicher schmückten schnell polnische Symbole die Stadt. Das Deutsche Reich kapitulierte am 11. November 1918. Um fünf Uhr morgens unterzeichnete der deutsche Abgesandte Matthias Erzberger in einem Eisenbahnwagen in Compiegne rund 80 Kilometer nördlich von Paris die Waffenstillstandsbedingungen Frankreichs und Großbritanniens.

Dass Polen wieder ein eigener Staat werden sollte, war schon lange klar. Die in Wien und Berlin regierenden Kaiser proklamierten zunächst am 5. November 1916 ein von ihnen abhängiges Königreich Polen auf dem Territorium des eroberten russischen Teilungsgebietes. So wollten sie polnische Soldaten für den Krieg gegen Russland gewinnen. Ein König wurde nie inthronisiert. Aber der Aufbau staatlicher Strukturen ging zügig voran. Ein provisorischer Staatsrat wurde gebildet und nach dessen Scheitern am 15. September 1917 ein Regentschaftsrat eingesetzt. Wenig später gab es auch eine Regierung.

US-Präsident Woodrow Wilson (1856-1924) machte sich seit Anfang 1917 öffentlich für ein „einiges, unabhängiges und autonomes Polen“ stark. Ein Jahr später, am 8. Januar 1918, präsentierte er seine 14 Punkte für eine Friedensordnung in Europa. Unter Punkt 13 heißt es, dass ein „unabhängiger polnischer Staat entstehen soll, der die Territorien mit unbestreitbar polnischer Bevölkerung“ umfassen solle. Er verlangte auch einen freien Zugang zum Meer.

Berlin kam der polnische Marschall Jozef Pilsudski (1867-1935) in den Sinn. Der charismatische einstige Sozialist und Anführer der polnischen Legionen, die zeitweise an der Seite Deutschlands gegen Russland gekämpft hatten, war seit Mitte 1917 in der Festung Magdeburg inhaftiert. Die deutsche Staatsführung meinte, der eher deutschlandfreundliche Pilsudski würde Polens antideutsche Nationaldemokraten in Schach halten. Und so schickte Berlin ihn am 10. November 1918 mit einem Zug nach Warschau – wissend, dass der Marschall in Polen viele Sympathien genoss wegen seines Unabhängigkeitskampfes gegen Russland und der Gefangenschaft in Deutschland.

Viele Landsleute jubelten Pilsudski schon bei seiner Ankunft im Hauptbahnhof von Warschau zu. Tags darauf, am 11. November, übertrug der polnische Regentschaftsrat dem als Legende verehrten Mann den Oberbefehl über die Streitkräfte. Am 14. November übernahm er vom Regentschaftsrat auch die politische Macht. Wenig später gab Pilsudski sich den Titel „vorläufiges Staatsoberhaupt“. Polen hatte nach 123 Jahren seine Unabhängigkeit zurück.

Besonders Künstler und die katholische Kirche hielten während der langen Fremdherrschaft die polnische Identität am Leben. Viele Priester warben für die Unabhängigkeitsbewegung.

Und auch beim Wiederaufbau des polnischen Staates spielte der Klerus eine große Rolle, sagt der Historiker Jan Zaryn. Gleich 35 Priester zogen 1919 bei den ersten demokratischen Wahlen in das Parlament, den Sejm, ein.