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| 10:47 Uhr

Schlesien
Auf den Spuren der Deutschen in Schlesien

Rafal Bartek, Vorsitzender der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien, sprach in St. Annaberg vor der Lourdes-Grotte über die wechselvolle Geschichte und das nicht immer einfache Leben der Minderheit in Polen. Die Zuhörer erfuhren interessante Aspekt aus der Region, der sie sich heimatlich verbunden fühlen.
Rafal Bartek, Vorsitzender der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien, sprach in St. Annaberg vor der Lourdes-Grotte über die wechselvolle Geschichte und das nicht immer einfache Leben der Minderheit in Polen. Die Zuhörer erfuhren interessante Aspekt aus der Region, der sie sich heimatlich verbunden fühlen. FOTO: LR / Ingrid Hoberg
Opole/St. Annaberg. Die Glogauer Heimatgruppe aus Forst besucht das Oppelner Land und den Wallfahrtsort St. Annaberg. Von Ingrid Hoberg

Der Annaberg erhebt sich wie eine Insel aus dem Land rund um Opole. Hier ist Oberschlesien ein flaches Land. Es ist ein Ort, der für Polen wie auch Deutsche von besonderer politischer und religiöser Bedeutung ist. Und an diesem Ort treffen Teilnehmer der Schlesienreise der Glogauer Heimatgruppe Forst/Lausitz auf einen Mann, der ihnen Interessantes über die Geschichte und Gegenwart der Deutschen in Schlesien berichten kann. Rafal Bartek ist seit 2015 Vorsitzender der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien (SKGD) und vom Bundesvorstand des Glogauer Heimatbundes zu diesem Treffen eingeladen worden.

„Meine Vorfahren durften nach 1945 in Schlesien bleiben“, stellt er sich vor. Voraussetzung war, dass sie sich polonisieren ließen. Das bedeutete, die polnische Staatsbürgerschaft anzunehmen und die deutsche Sprache abzulegen. „Offiziell gab es Deutsche und ihre Sprache nicht mehr in Polen“, sagt Bartek.

Es ist ein ganzer Komplex von historischen Gründen für die Siedlung von Deutschen im heutigen Polen. Die wechselvolle Geschichte der staatlichen Zugehörigkeit Oberschlesiens reicht weit zurück.

Zu den bedeutsamen Ereignissen des 20. Jahrhunderts gehört die Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit Oberschlesiens im Jahr 1921. Damals sprach sich eine Mehrheit für den Verbleib bei Deutschland aus. Es kam im Mai 1921 zur größten Schlacht des dritten Aufstandes in Oberschlesien. Der Annaberg war ein strategisch wichtiger Punkt. Polnische Aufständische besetzten ihn. Doch der Wallfahrtsberg wurde von deutschen Freikorps zurückerobert, er blieb ein Ort, der auf beiden Seiten immer wieder instrumentalisiert wurde.

Die Nationalsozialisten bauten ein Mausoleum für deutsche Gefallene und wollten den Annaberg in „Ahnenberg“ umbenennen. Die Franziskaner-Mönche wurden vertrieben, es wurde ein „Reichsautobahnlager“ errichtet, Kriegsgefangene, Polen und Juden waren im Lager. Im Januar 1945 wurde es aufgelöst. 1946 wurde das Mausoleum gesprengt und ein Monument für polnische Kämpfer eingeweiht. Im Jahr 1961 wurde das Museum der Aufständischen eingeweiht.

Polnische Mönche leben seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Kloster, Messen werden in polnischer Sprache gehalten. Doch seit 1980 werden wieder alljährlich Wallfahrten am ersten Sonntag im Juni in deutscher Sprache gefeiert - in diesem Jahr also am 3. Juni. „Die erste Messe hatte 1980 Kardinal Glemp in deutscher Sprache gehalten“, sagt Bartek und verweist darauf, dass der 4. Juni 1980 gleichzeitig der Tag der freien Wahlen in Polen war. Józef Glemp (1929 bis 2013) entstammt einer deutschstämmigen Arbeiterfamilie aus dem Bistum Gniezno (Gnesen). Und Rafal Bartek weiß zu berichten, wie es dazu kam, dass Papst Johannes Paul II. 1983 auf den Feldern von St. Annaberg gemeinsam mit einer Million Gläubigen einen Gottesdienst feierte. Die Bauern verzichteten dafür auf ihre Ernte in diesem Jahr.

Noch mehr interessiert die Zuhörer, wie es gegenwärtig im Alltag der Menschen aussieht, denen ihre deutschen Wurzeln wichtig sind, die die Sprache pflegen wollen. War es nach dem Krieg verboten, Deutsch zu sprechen, wurden deutsche Namen ins Polnische übertragen, lockerten sich die Verhältnisse mit Solidarnosc. Rafal Bartek erzählt, dass ihm das Familienerlebnis fehlte. „Zu Hause wurde nicht Deutsch gesprochen“, sagt er. Anders sei es nun mit seinen beiden Töchtern, die zweisprachig erzogen werden und auch Wasserpolnisch (Schlonsakisch) beherrschen. Dieser Dialekt wird in Oberschlesien gesprochen. Die polnische Grammatik wird mit Germanismen verquickt. Die SKGD setzt sich für mehr Deutsch-Unterricht ein, hat selbst vier Schulen aufgebaut, an denen intensiv die Sprache gelernt werden kann. Und es gibt die Miro Deutsche Fußballschule inzwischen an 13 Standorten. Das Projekt verbindet das Erlernen der deutschen Sprache mit dem Fußballspielen.

Am 28. Februar hatte Miroslav Klose Opole besucht. Er trug sich ins Goldene Buch ein, wurde Ehrenbürger. Und er war in der Miro-Schule, wo ihn mehr als 500 Kinder begrüßten. „Das war eine große Sache“, sagt Bartek, der dieses Treffen organisiert hatte.

Dass mit der Eingemeindung von zwölf Dörfern in die Stadt Opole in acht zweisprachigen Orten seit Anfang 2017 die deutschen Straßenschilder abgenommen wurden, wird dagegen als Rückschritt wahrgenommen. Rafal Bartek verabschiedet sich von der Gruppe mit dem Hinweis, dass Stefanie Hertel am 22. September in Breslau in der Jahrhunderthalle beim Kulturfestival der deutschen Minderheit zu Gast sein wird.

Weitere Bilder zur

Schlesienreise unter:

Erste Station der Reise war die Schule in Radwanice. Dort begrüßten Schüler die Gruppe mit selbst gebastelten Fähnchen und einem Programm.
Erste Station der Reise war die Schule in Radwanice. Dort begrüßten Schüler die Gruppe mit selbst gebastelten Fähnchen und einem Programm. FOTO: LR / Ingrid Hoberg