Von Dietrich Schröder

Entlang der deutsch-polnischen Grenze blüht seit Jahrzehnten das Geschäft mit dem Sex. Eine Stettiner Hilfsorganisation, die sich vor allem für den Gesundheitsschutz der beteiligten Frauen einsetzt, hat jetzt erstmals mehr als 80 von ihnen zu ihren Erfahrungen befragt.

Beim Thema Prostitution herrscht im katholischen Polen – wie in vielen anderen Ländern – eine rechtliche Grauzone. Zum einen ist das Anbieten sexueller Dienstleistungen grundsätzlich nicht verboten. Zum anderen gilt jede Form der Zuhälterei, bei der Dritte Gewinn aus der Sexarbeit von Frauen oder Männern erzielen, als Straftat.

Deshalb sind die zahlreichen Rotlicht-Klubs und „Begleitungsagenturen“ östlich der Oder auch um die Wahrung der Legende bemüht, laut der alle Angestellten auf eigene Kosten arbeiten. „In diese Agenturen, deren Besitzer meist Polen sind, lässt man uns gar nicht erst rein“, sagt Justyna Bagorska. Die Stettiner Psychologin leitet die seit zehn Jahren bestehende Hilfsorganisation „Dadu“. Deren ehrenamtlichen Mitgliedern geht es vor allem darum, Prostituierte über die Gesundheitsrisiken ihrer Tätigkeit aufzuklären. Ihr Hauptklientel sind jene Frauen, die Sex auf dem Straßenstrich oder in privaten Wohnungen anbieten. Bei Ersteren handelt es sich vorwiegend um Bulgarinnen und andere Südeuropäerinnen, deren Zuhälter (offiziell „Beschützer“) ebenfalls aus diesen Ländern stammen. Bei Letzteren meist um polnische Frauen.

„Wir verteilen Kondome und Gleitgel und informieren die Frauen dabei über kostenlose Aids-Untersuchungen und andere Beratungsmöglichkeiten“, berichtet Bagorska. Das Geld dafür wird von der Stadt und der Woiwodschaft zur Verfügung gestellt. Als Ende 2015 die national-konservative Partei PiS die Macht in Polen übernahm, sei zunächst unter Einsatz der Polizei und anderer Behörden versucht worden, das horizontale Gewerbe zu eliminieren. Dieser Versuch sei aber nicht von langer Dauer gewesen.

Um mehr über die Motivation und die Erfahrungen der Frauen zu erfahren, hat „Dadu“ eine Umfrage durchgeführt und deren Ergebnisse jetzt veröffentlicht. Von mehr als 250 Frauen, die man ansprach, willigten 84 ein, über ihr Leben zu berichten.

Die jüngste von ihnen ist 19, die älteste 62 Jahre alt. Das Geld war für die meisten der Hauptgrund, um ins Sex-Business einzusteigen. Nur elf Prozent erklärten, dass sie auf diese Weise ihre sexuellen Bedürfnisse erfüllen. Ihre Einkünfte geben die Frauen mit 3000 bis 5000 Zloty im Monat an, das sind umgerechnet etwa 700 bis 1200 Euro. Nur sieben der Befragten lagen über dieser Summe.

Viele Frauen haben in ihrer Kindheit früh den Missbrauch von Alkohol oder Drogen durch Eltern und Angehörige erlebt. Die meisten trinken oder kiffen bis heute, um ihre Hemmschwelle bei der Sexarbeit zu senken. Oftmals bieten ihnen auch die Freier Amphetamine oder andere Drogen an.

Zahlreiche der Kunden, die im Durchschnitt 25 bis 45 Jahre alt sind, kommen aus Deutschland, manche sind deutlich älter. Viele Frauen sagen, dass sie deutsche Stammkunden haben, die vorher anrufen oder eine SMS schicken. Insgesamt ist die Kundschaft bunt gemischt. Neben Trucker-Fahrern aus zahlreichen Ländern, Geschäftsleuten und Beamten gehören auch Ärzte, Rechtsanwälte und sogar katholische Geistliche dazu.

Etwa die Hälfte der Frauen bieten nur Oralsex oder Vaginalverkehr mit Kondomen an. 16 Prozent bekannten sich zum ungeschützten Vaginalverkehr, 23 Frauen auch zum Analverkehr. „Leider sind es oft die Freier, die auf ungeschützten Sex drängen“, erläutert Bagorska. Beim Sex an der Landstraße sei häufig ohnehin nach wenigen Minuten alles vorbei.

Gleichzeitig erklärten zahlreiche Frauen, dass sie an Syphilis, einer Chlamydien-Infektion oder anderen Krankheiten leiden. Nur beim Thema HIV behaupten die meisten, dass sie sich regelmäßig untersuchen ließen. Tatsächlich konnten nur 28 der 84 Befragten dies auch nachweisen.

Die Mitarbeiter von „Dadu“ haben deshalb lange darum gekämpft, dass ihnen von den Behörden auch Schnelltests zu HIV und anderen Krankheiten wie Hepatitis C zur Verfügung gestellt werden. Inzwischen hat sich das Warschauer Gesundheitsministerium dazu bereit erklärt, auch, weil das Bemühen des Stettiner Vereins als vorbildlich in ganz Polen gilt. Ab diesem Jahr sollen Gesundheitstests auch vor Ort durchgeführt werden.

Ein heikles Thema ist die Gewalt, die zahlreiche Freier ausüben. Fast die Hälfte der Frauen gibt an, dass sie schon öfters gewürgt, geschlagen oder in anderer Weise bedroht wurden. Manchmal werden Frauen von den gleichen Männern ausgeraubt, die zuvor ihre Dienste in Anspruch genommen haben.

Justyna Bagorska und andere Vereinsmitglieder treffen sich deshalb regelmäßig zu Gesprächen mit der Polizei. Dabei gehe es darum, die Beamten sensibler für die Probleme der Sexarbeiterinnen zu machen. „Die deutschen Kunden werden oft als nicht so gewalttätig beschrieben wie etwa Ukrainer oder andere Osteuropäer“, sagt die Psychologin. Verallgemeinern will sie das aber nicht.

Wie gefährlich das Leben der Frauen auf dem Straßenstrich ist, hatte sich im vergangenen April in Slubice, dem Nachbarort von Frankfurt (Oder), gezeigt. An einer Ausfallstraße war dort die Leiche einer Bulgarin entdeckt worden, die 16 Messerstiche aufwies. Bis heute konnte diese grausige Tat laut den polnischen Behörden nicht aufgeklärt werden.