ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 11:36 Uhr

Blick nach Polen
„Von der Geschichte vergessen worden“

Maciej Sobieszczanski
Maciej Sobieszczanski FOTO: Filip Tuchowski
Warschau. Der polnische Regisseur thematisiert in seinem Filmdebüt die Lager für deutsche Oberschlesier nach dem Krieg. Von Marie Baumgarten

Das Lager Zgoda im oberschlesischen Schwientochlowitz (Swietochlowice) – errichtet von den Nationalsozialisten unter dem Namen „Eintrachthütte“ – war zuerst ein Außenlager des KZ Auschwitz. Nach dem Einmarsch der Roten Armee im Januar 1945 wurde daraus ein Arbeitslager für deutsche Oberschlesier. Über das Nachkriegslager wurde in Polen lange geschwiegen. Jetzt hat Regisseur Maciej Sobieszczanski in seinem Filmdebüt das Thema aufgegriffen.

Herr Sobieszczanski, Ihr Film hat in Polen großes Interesse hervorgerufen, besonders in Oberschlesien, wo sich das Nachkriegslager Zgoda befand. Wie sich herausstellte, ist das Wissen über Nachkriegslager unter der polnischen Bevölkerung nur gering. Wie sind Sie mit diesem Thema in Berührung gekommen, und was hat Sie angetrieben, einen Film darüber zu drehen, und zwar keinen Dokumentarfilm, sondern einen Spielfilm?

Sobieszczanski Ein bekannter Regisseur drehte 2006 einen Dokumentarfilm über Zgoda, und ich erfuhr damals, dass es in Polen viele solcher Nachkriegslager gab. Ich wollte dieses Thema aufgreifen, denn es wurde den Menschen, die in diesen Lagern waren, ein großes, ja unvorstellbares Leid angetan, und niemand hat sich bei ihnen je dafür entschuldigt. Diese Menschen sind von der Geschichte vergessen worden. Wir begannen also damit, dem Thema über Recherchen auf den Grund zu gehen. Je mehr ich in diese Geschichte hineinging, desto mehr spürte ich, dass das Thema wichtig und schwierig ist.

     Warum ein Spielfilm? Ich bin nun mal kein Dokumentarfilmer, aber ich kann Geschichten erzählen und dabei eigene Emotionen herüberbringen. Das ist meine Art, etwas zum Ausdruck zu bringen, das ich für wichtig halte.

Hatten Sie persönlich auch Angehörige in einem Lager?

Sobieszczanski Mein Großvater war in einem Lager, allerdings war er polnischer Häftling in Auschwitz. Ich war neun Jahre alt, als ich erfuhr, dass mein Großvater in einem Lager war. Ich habe aber nie so richtig mit ihm darüber gesprochen. Es war ein Tabuthema. Dennoch war diese Erfahrung für mich wichtig, denn sie hatte meine Familie gezeichnet. Und für mich wurde es ein inneres Bedürfnis, das Schweigen zu durchbrechen und in ein Trauma hineinzugehen, das schwierig und schmerzlich ist. Das war mein indirektes Motiv, was mir aber erst später klar wurde, als ich darüber nachdachte, warum ich mir eine so herausfordernde und besonders schwierige Geschichte antue.

Hatten Sie vor dem Dreh Kontakt mit Zeitzeugen?

Sobieszczanski Drehbuchautorin Malgorzata Sobieszczanska unternahm mehrere Reisen nach Oberschlesien und sprach dort mit den Opfern. Unterstützung bekamen wir darüber hinaus von Adam Dziurok, dem Chef des Kattowitzer Instituts für Nationales Gedenken (IPN), der sich seit Jahren mit dem Lager beschäftigt und bereits mehrere Bücher zu dem Thema verfasst hat. Das Lager Zgoda ist mittlerweile ein gut dokumentiertes Kapitel unserer Geschichte, in der Öffentlichkeit aber kaum bekannt.

Unter den über 5000 Zgoda-Häftlingen befand sich auch Gerhard Gruschka aus Gleiwitz, der als 14-Jähriger in das Lager kam. Er hat ein Buch über seine traumatischen Erlebnisse geschrieben. Was er in „Zgoda – Ein Ort des Schreckens“ beschreibt, findet sich auch in Ihrem Film wieder. Beispielsweise musste sich Gruschka bekennen, Mitglied in der Hitlerjugend gewesen zu sein, obwohl das nicht stimmte.

Sobieszczanski Seine Lagererfahrungen und auch seine besondere Sicht auf diese Erlebnisse waren für uns die Inspiration für unsere Filmfigur Erwin, der von Jakub Gierszal gespielt wird.

Gerhard Gruschka schrieb auch einen Brief an Sie . .  .

Sobieszczanski Ich habe ihn zwar nie persönlich getroffen, aber er schrieb uns einen Brief und bedankte sich für diesen Film und auch dafür, dass wir uns dieses Themas angenommen und es mutig und entschlossen aufgearbeitet haben. Für mich ist es eine wichtige Stimme, denn wir haben den Film vor allem für Menschen wie ihn gemacht, für die Oper des Lagers. Der Brief von Herrn Gruschka war für mich sehr wertvoll. Irgendwie fühlte ich mich in dem Moment erfüllt und dachte mir: Ja, meine Aufgabe ist nun getan.

Ihr Film zeigt eine Liebe dreier junger Menschen in dem Lager Zgoda, die unter unmenschlichen Umständen gegen den Verlust ihrer Menschlichkeit kämpfen. Aber über die historischen Hintergründe erfahren wir sehr wenig – zum Beispiel über die spezifische Situation von Deutschen, Polen und Schlesiern in dieser Region. Auch warum die Menschen inhaftiert wurden, erfahren wir nichts – warum?

Sobieszczanski Mich hat wesentlich mehr der Mensch in einer solchen Situation interessiert und nicht sein geschichtlicher Hintergrund. Denn dieser ist ja immer unterschiedlich, während der Mensch und seine Entscheidungen viel universeller sind. Da ist ein Mann, dem es scheint, dass er in das Lager geht, um seine Freundin zu retten. Und dann wird er doch zum Schergen, indem er einen Mithäftling zum Tode verurteilt. Das sind die Dinge, die mich sehr interessierten, wie der Mensch sich entwickelt, wie viel ein Mensch in solchen Situationen ertragen kann und wo seine Entscheidungen liegen, inwieweit er in der Lage ist, Entscheidungen selbstständig zu treffen und wie sehr seine Entscheidungen durch die Umstände bestimmt werden.

     Der Film ist quasi meine Antwort auf die Frage: Wie sollte man sich in solchen Situationen verhalten?

Welche Schwierigkeiten gab es mit der Darstellung des jüdischen Lagerkommandeurs Salomon Morel, der im Holocaust seine gesamte Familie verloren hat und sich nun an den Deutschen rächen wollte?

Sobieszczanski Salomon Morel ist jemand, der nie für seine Verbrechen verurteilt wurde. Man kann ihn also nicht einfach unter Anklage stellen, das ist das Problem. Deshalb hat die Figur, die sich auf den historischen Lagerkommandanten bezieht, keinen Namen.

Der Film greift einen unrühmlichen Teil der polnischen Geschichte auf, über den lange geschwiegen wurde. Hatten Sie Bedenken, dass die Regierung ihn boykottieren könnte? War es schwierig, für ein solch kontroverses Thema Gelder aufzutreiben?

Sobieszczanski Geld für den Film zu bekommen, war nicht schwierig. Wir sind schließlich kein hinterwäldlerisches Land, sondern ein europäisches Land, in dem man immer noch Dinge sagen kann, die wichtig sind. Selbstverständlich löst der Film Diskussionen aus, weil er ja traumatische Abschnitte der polnischen Geschichte berührt, die man um jeden Preis vergessen wollte. Nichtsdestotrotz hat niemand versucht, dagegen vorzugehen.

     Ich denke, wir haben einen sehr humanistischen Film gemacht, einen universellen, einen, der sagt, dass Böses ganz einfach böse ist und man es deshalb verurteilen muss.

Mit Maciej Sobieszczanski
sprach Marie Baumgarten

Das Lager Zgoda war eines von vielen. 1995 wurde auf dem Gelände des ehemaligen Sammel- und Arbeitslagers Lamsdorf ein Gedenkstein zur Erinnerung an die dort 1945/46 rund 1000 umgekommenen Oberschlesier errichtet.   
Das Lager Zgoda war eines von vielen. 1995 wurde auf dem Gelände des ehemaligen Sammel- und Arbeitslagers Lamsdorf ein Gedenkstein zur Erinnerung an die dort 1945/46 rund 1000 umgekommenen Oberschlesier errichtet.   FOTO: Krzysztof_Swiderski / picture-alliance / dpa