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| 11:27 Uhr

Blick nach Polen
Standort Deutschland reizt Polens Firmen

Links der Neiße – Betriebsleiter Robert Bednarek von der Grupa Azoty ATT Polymers GmbH steht in der neuen Verpackungshalle im Gubener Gewerbegebiet.
Links der Neiße – Betriebsleiter Robert Bednarek von der Grupa Azoty ATT Polymers GmbH steht in der neuen Verpackungshalle im Gubener Gewerbegebiet. FOTO: Patrick Pleul / dpa
Warschau. Deutsche Firmen investieren gern beim östlichen Nachbarn, um Kosten zu senken. Doch es geht auch andersherum.

Betriebsleiter Robert Bednarek führt durch ein neues Logistikzentrum auf einem Industriegelände in Guben. Von dem großen Areal ist es nur ein Katzensprung bis ins polnische Gubin jenseits der Neiße. Die Chemiefirma Groupa Azoty ATT Polymers GmbH stellt Kunststoff-Granulate her und ist seit einigen Jahren eine deutsche Tochter eines polnischen Chemie- und Düngemittel-Konzerns. Die Bundesrepublik ist für die östlichen Nachbarn zunehmend attraktiv – aus unterschiedlichen Gründen.

„Der Konzern hat etwas Passendes gesucht“, sagt Bednarek über das polnische Interesse an dem Standort, wo schon zu DDR-Zeiten Chemieprodukte hergestellt wurden. Mit den hier produzierten Granulaten habe man die Kapazität erhöhen wollen. Die Zahl der Hersteller sei überschaubar. Die deutsche Tochterfirma biete nun mehr Planungssicherheit. Den Aufbau einer größeren Fertigung habe er sich sparen können, zudem profitiere man von den Erfahrungen der Gubener. Die polnische Mutter Grupa Azoty S.A. bestätigte, dass sie sich für den Kauf entschieden habe, um die eigene Produktkette zu erweitern.

Die Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer (AHK) in Warschau schätzt, dass es derzeit zwischen 1000 und 1500 Firmen mit Hauptsitz in Polen gibt, die Zweigstellen oder Tochterbetriebe in Deutschland haben und die in Industrie und Handel tätig sind. Die vom Bund geförderte Germany Trade and Invest geht mit etwa 1800 polnischen Unternehmen von einer noch größeren Zahl aus.

Besonders viele Standorte gibt es laut AHK in Nordrhein-Westfalen, gefolgt von der Hauptstadtregion. Warum dort? Geschäftsführer Michael Kern zählt einige Faktoren auf: Mit Nordrhein-Westfalen bestünden enge Handelsbeziehungen. Allein ein Viertel des deutsch-polnischen Handels entfalle auf das Bundesland. Häufig gebe es auch familiäre Verbindungen, denn vor rund 100 Jahren seien aus dem schlesischen Industriegebiet sehr viele Polen zur Arbeit an Rhein und Ruhr gezogen. „Und Berlin ist als Standort gerade für Neugründungen sehr interessant“, sagt Kern. Zu den beliebten Branchen zählen unter anderem Transport und Logistik, Bau, Lebensmittel und Metall.

„Das Interesse von polnischen Firmen am Standort Deutschland steigt seit Jahren“, ergänzt Kern. „Polen ist sehr stark vom Mittelstand geprägt, durch die gute wirtschaftliche Situation sind viele der Firmen inzwischen in die Lage gekommen zu expandieren.“ Der heimische Markt sei ihnen zu klein geworden. Deutschland ist laut der Warschauer Kammer aus vielen Gründen attraktiv. Die Infrastruktur sei gut, die Nähe zu Polen verkehrstechnisch günstig, das Label „Made in Germany“ weltweit angesehen. Durch Expansion wolle man neue Märkte und Kunden gewinnen sowie die Kompetenzen der eigenen Firma erweitern.

GTAI zufolge waren im vergangenen Jahr noch 100 Unternehmen weniger in Deutschland aktiv. Häufig würden Vertriebsbüros eröffnet, um den Kundenkreis zu erweitern. Und es seien vor allem größere Mittelständler und große Unternehmen, die in Deutschland investieren.

Trotzdem spiele Polen in Deutschland aber noch eine eher kleine Rolle. Länder wie die USA, China, Japan oder die Region Westeuropa investierten hier deutlich mehr. Und auch beim Blick ins Nachbarland wird deutlich, dass es immer noch weitaus mehr deutsche Firmen nach Polen zieht als umgekehrt – gut dreimal so viele, wie GTAI schätzt.

In den Bundesländern an der Grenze zu Polen hat man das verstärkte Interesse der Nachbarn längst registriert. Die Wirtschaftsförderung Land Brandenburg GmbH spricht gar von einem Schub in den vergangenen Jahren. Derzeit seien 26 polnische Firmen in Brandenburg bekannt. Auch die Beauftragte der Wirtschaftsförderung Sachsen in Polen verzeichnet ebenfalls einen – wenn auch leichten – Anstieg von Anfragen zu Investitionen. Begünstigt werde das durch enge und gute Beziehungen zwischen Polen und Sachsen. Dies senke die Hürden zum Aufbau eines Standorts in Deutschland, heißt es von der Wirtschaftsförderung.

In Mecklenburg-Vorpommern bemerkt die Industrie- und Handelskammer Neubrandenburg seit zwei Jahren ein vermehrtes Interesse polnischer Kleingewerbetreibender an einer Niederlassung. Die führende Branche sei der Handel, gefolgt von Dienstleistungen und dem Baugewerbe.