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| 18:42 Uhr

Umwelt
Polen will der Müll-Mafia das Handwerk legen

Feuerwehrleute versuchen in der Nacht, ein Feuer auf einer illegalen Müllhalde im Zentrum des Landes zu löschen.
Feuerwehrleute versuchen in der Nacht, ein Feuer auf einer illegalen Müllhalde im Zentrum des Landes zu löschen. FOTO: dpa / Grzegorz Michalowski
Warschau. In Polen brennen seit Längerem regelmäßig Müll-Deponien. Die vielen Feuer seien kein Zufall, sagen Regierende – und sehen Brandstifter am Werk. Ihr Verdacht: Kriminelle machen mit Abfall aus Deutschland und Europa ein gefährliches Geschäft.

Rauchschwaden steigen über einer illegalen Müllhalde im zentralpolnischen Zgierz auf, alte Reifen stehen im südpolnischen Trze­bin in Flammen, in Warschau sind es alte Möbel: Landesweit brennen in Polen so oft Abfall-Deponien wie kaum zuvor. In diesem Jahr habe es bislang schon 85 solcher Brände gegeben – und das sei besorgniserregend hoch, warnt das Umweltministerium. Die Regierenden sehen Kriminelle der Abfallbranche am Werk. „Wir werden die Müll-Mafia verjagen“, kündigte Regierungschef Mateusz Morawiecki an.

Der Vorwurf: Banden würden sich an zum Teil rechtswidrigen Müll­importen bereichern. Für schnelles Geld werde der Abfall nicht vorschriftsmäßig gelagert und verwertet, sondern einfach verbrannt. „Zumindest bei illegalen Deponien kann man davon ausgehen, dass absichtlich Feuer gelegt wurde, um den Müll loszuwerden“, teilt das Warschauer Umweltministerium mit. Die genauen Brandursachen würden aber noch untersucht.

Nach Angaben des Umweltschutzamts importierte Polen 2016 rund 951 021 Tonnen Müll aus Europa. Für Länder wie Deutschland, Großbritannien und Italien, die mit Abstand den meisten Abfall schicken, sind Lagerung und Verwertung dort oft günstiger. Sie sparen Geld, Polens Abfallindustrie verdient.

Die Branche habe durch den Müll­import-Stopp Pekings ein noch größeres Geschäft gewittert, spekulieren polnische Medien. Das Gesetz trat 2018 in China in Kraft. Deutschland und Co. exportierten große Müll-Mengen dorthin. „Es ist tatsächlich zu einem Stau an Ballenware bei den deutschen Sortierern und Recyclern gekommen, die Vertriebler in den Firmen haben aber andere Absatzmärkte finden müssen“, sagt Diplom-Ingenieur Roman Maletz vom Institut für Abfall-und Kreislaufwirtschaft der Technischen Universität Dresden.

Die China-Exporte hätten sich vor allem in andere asiatische Länder wie Vietnam und Malaysia verlagert, sagt er und merkt an: Es sei davon auszugehen, dass auch in Europa nach neuen Zielen gesucht wurde. Ob deutsche Unternehmen mehr Müll in Polen loswerden, lässt sich bisher aber nicht sagen. Statistiken liegen noch nicht vor.

Kritik an der Branche hagelt es dennoch: Auch Betreiber legaler Müll-Deponien stehen wegen Brandstiftung unter Verdacht. Mit Feuern könne schnell Platz für neuen Abfall geschaffen werden, zum Beispiel für jenen, der bisher nach China ging, erklären Umweltexperten. Eine legale Mülllagerung würde sich in dem Geschäft nicht lohnen, meinen unter anderen Aktivisten von der Organisation Eko Patrol.

Die Branche wehrt sich gegen die Vorwürfe. „Es ist ein Fehler zu glauben, dass derzeit nur ausländischer und illegaler Abfall brennt und das Problem darstellt“, sagt Agnieszka Fiuk, Direktorin des auf Abfallverwertung spezialisierten Unternehmens ATF Polska.

„Es ist zum großen Teil unser eigener Abfall, der da brennt.“ Die Branche sei mit der seit Jahren wachsenden Menge des polnischen Mülls überfordert, sagt Fiuk. „Eine Importblockade wird Polens Müllproblem nicht lösen.“ Schuld an den Bränden sind laut Fiuk nicht Brandstifter allein, sondern Polens lückenhafte Gesetze. Sie sieht die Regierung in der Pflicht. „Die erlaubten Lagerzeiten für Müll sind mit bis zu drei Jahren oft so lang, dass sich entzündliche Gase bilden und der Abfall von alleine in Flammen aufgeht“, sagt die Unternehmens-Chefin.

Zudem werde nicht ausreichend kontrolliert, ob Müllimporteure überhaupt genug Geld haben, um den Abfall zu verwerten. Die Deponien würden mangelhaft überwacht. Daher wisse man gar nicht, was brennt. Das wollen Polens Regierende schnell ändern. Sie arbeiten strengere Gesetze mit stärkeren Kontrollen von Müll-Importen, Überwachung der Deponien und kürzeren Lagerzeiten des Mülls aus. Für Menschen und Umwelt hatten die Müllbrände laut Fiuk aber bereits schwere Folgen.

 Nach Untersuchungen der Umweltschutz-Organisation Heal Polska entstanden giftige und stark krebserregende Stoffe, die die Polen nun einatmen. „Diese Schäden sind nicht rückgängig zu machen“, sagt Fiuk.

(dpa)