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| 10:54 Uhr

Tiere brauchen Unterstützung
Wilde Kuh-Herde in Polen kämpft ums Überleben 

 „Mein bisher größtes Abenteuer“: Izabella Kwiatkowska vom „Büro für den Tierschutz“ kämpft für das Überleben der Kühe.
„Mein bisher größtes Abenteuer“: Izabella Kwiatkowska vom „Büro für den Tierschutz“ kämpft für das Überleben der Kühe. FOTO: Heinz Köhler
Gorzów. Ökologen aus dem Nachbarland haben eine seit zehn Jahren ausgewilderte Herde vor der Schlachtbank bewahrt. Doch damit die Tiere weiterleben können, brauchen sie noch Unterstützung. Von Dietrich Schröder

Die Sonne brennt, die Disteln blühen, die Luft flimmert. Auf der Fahrt mit einem Jeep durch den Zantocher Winkel – ein abgelegenes Stück Land, das in einer Krümmung des Flusses Warthe bei Gorzów liegt – fühlen wir uns fast wie auf einer Safari durch Afrika.

Die wilden Kühe sind nicht leicht zu finden

Denn die rund 180 Rinder, die hier in freier Natur leben, haben sich schattige Plätzchen unter den Bäumen am Fluss gesucht. Bevor wir sie aufspüren, dauert es eine Weile.

„Das ist mein bisher größtes Abenteuer“, sagt Izabella Kwiatkowska. 15 Pferden, die von ihren Besitzern vernachlässigt wurden, haben sie und ihre Mitstreiter vom „Biuro Ochrony Zwierzat“ (Büro für den Tierschutz) schon zu einem besseren Leben verholfen. Und bei Schweinezüchtern interveniert, deren Ställe viel zu eng waren.

Wie kamen die Rinder in die freie Wildbahn?

Doch 180 frei lebende Kühe, das sei nochmal eine ganz andere Sache, berichtet die energiegeladene kleine Frau. Aber wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass solch eine Herde mitten in Europa – nur 60 Kilometer von Brandenburg entfernt – in freier Wildbahn lebt?

„Das lag daran, dass sich ein verarmter Bauer vor etwa zehn Jahren nicht mehr um seine Tiere kümmerte. Damals waren es knapp zwei Dutzend Tiere, inzwischen haben sie sich ganz schön vermehrt“, berichtet Grzegorz Piotrowski, ein Bauer aus dem nahen Dorf Borek. Im Sommer gibt es in dem wiesenreichen Gebiet genug zu fressen, doch das Problem sei der Winter. „Dann kommen die Tiere auf unsere Höfe und leben vom Futterdiebstahl.“

Eine Gefahr für andere Tiere?

Weil besonders die frei lebenden Bullen eine Gefahr darstellen, entzog ein Gericht dem einstigen Besitzer im Frühjahr das Recht auf Tierhaltung. Weil die Gesundheit der Kühe jahrelang nicht überprüft wurde und sie deshalb laut den regionalen Behörden „eine Gefahr für andere Rinder darstellen“, sollte die Herde daraufhin getötet werden.

Der Überlebenskampf der Herde begann

Doch als Anfang Mai der Wojewode aus Gorzow verkündete, dass das Geld dafür bereit stünde, machte der ungewöhnliche Fall in ganz Polen Schlagzeilen. „Diese Kreaturen zeigen uns Menschen, dass sie mehr sind als nur ihr Fleisch oder ihre Milch, die wir verzehren.“ Das sagt Iwona Stepniewska, die zu den Bewohnern eines kleinen Feldlagers gehört, in dem seit 66 Tagen für das Überleben der Kühe gekämpft wird.

PiS-Chef-Kaczynski wird zum Rinderretter

Eine überraschende Wende trat ein, als Ende Mai kein Geringerer als der Chef von Polens Regierungspartei PiS, Jaroslaw Ka­czynski, erklärte, dass er gegen die Schlachtung der Kühe interveniert habe. Angesichts der im Herbst anstehenden Parlamentswahl sah der Politiker offenbar eine Chance darin, unter Umweltschützern zu werben.

Tiere sind jetzt Forschungsobjekte für die Wissenschaft

Doch der Vorschlag der Behörden, dass die Herde nunmehr in einem Staatsgut isoliert werden soll, geht den Tierfreunden nicht weit genug. „Dort würden sie doch auch nur wieder in engen Ställen landen“, sagt Izabella Kwiatkowska. Sie und andere Aktivisten, aber auch Wissenschaftler, haben sich zum Ziel gesetzt, herauszufinden, wie sich die Tiere in freier Wildbahn weiter entwickeln. Damit dies nicht ewig dauert, sollen freilich die Bullen der Herde kastriert werden.

Ziehen die Kühe ins Reservat

Mittlerweile hat sich auch der Besitzer eines reservat-ähnlichen Gebietes am Stettiner Haff bereiterklärt, die Kühe aufzunehmen. Doch um eine Untersuchung der Tiere, die in dieser Woche stattfinden soll, den anschließenden Transport sowie künftige Kosten zu finanzieren, sind finanzielle Mittel nötig. Izabella Kwiatkowska schätzt, dass die Kühe wohl etwa 25 Jahre alt werden können.

 „Mein bisher größtes Abenteuer“: Izabella Kwiatkowska vom „Büro für den Tierschutz“ kämpft für das Überleben der Kühe.
„Mein bisher größtes Abenteuer“: Izabella Kwiatkowska vom „Büro für den Tierschutz“ kämpft für das Überleben der Kühe. FOTO: Heinz Köhler