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Polen
Polen spenden für kranke Kinder

Jerzy Owsiak ist  Vorsitzender der Wohltätigkeitsorganisation „Großes Orchester der Weihnachtshilfe“ und Schöpfer des Festivals „Haltestelle Woodstock“.
Jerzy Owsiak ist  Vorsitzender der Wohltätigkeitsorganisation „Großes Orchester der Weihnachtshilfe“ und Schöpfer des Festivals „Haltestelle Woodstock“. FOTO: Lech Muszynski / dpa
Warschau. Ausgerechnet ein Linker organisiert das „Große Orchester der Weihnachtshilfe“. Das wurmt die Rechten. Doch Jerzy Owsiak hat auch in diesem Jahr wieder eine Rekordsumme gesammelt. Viele Polen spenden zugunsten kranker Kinder. Von Gabriele Lesser

Der grüne Zeitungskiosk an der Warschauer Unabhängigkeitsallee ist an diesem Tag tief verschneit. Mit minus zwei Grad Celsius ist es gar nicht mal so kalt, aber der Wind pfeift um die Ecken. Hinter dem kleinen Fenster sitzt die sonst meist gut gelaunte Pani Basia. Doch heute stapelt sie genervt und mit rot verschwollener Nase Papiertaschentücher neben der Kasse.  Vor dem Kiosk warten gleich drei Zeitungskäufer. „Oh, guten Morgen, Pani Halina“, begrüßt die Kioskbesitzerin die erste Kundin. „Hatte Ihr Sohn Erfolg bei der Geldsammlung für das Große Orchester der Weihnachtshilfe? Ich habe ihm 20 Zloty (rund fünf Euro) in die Sammelbüchse gesteckt.“ Die Kundin lacht und streckt Pani Basia die Hand entgegen: „Vielen herzlichen Dank. Ja, der Knirps kam ganz glücklich zurück. Am Ende hatte er 347,20 Zloty in der Büchse. Über 80 Millionen Zloty hat das Orchester dieses Jahr gesammelt.“

 Die Spendenaktion von Jerzy Oswiak ist ein Stadtgespräch im Januar.

Ein älterer Herr mit karierter Schiebermütze und dickem grünen Wollschal mischt sich ein: „Ich habe gleich zweimal gespendet“, sagt er und deutet auf die beiden bunten Aufkleber in Herz-Form auf seinem Mantelrevers. „Eines Tages“, nickt er in die Runde, „kommt das alles vielleicht unseren Enkeln zugute. Eine tolle Aktion, die dieser Jurek Owsiak da auf die Beine stellt.“

Seit inzwischen 26 Jahren sammelt der Showman, Radio- und Fernsehjournalist Jerzy Owsiak (64) Geld für Polens Kinder-Krankenhäuser und Entbindungsstationen. Vor inzwischen fast drei Jahrzehnten hatten Ärzte den Radiomacher gebeten, mit einem Aufruf Geld für eine moderne Apparatur zu sammeln, um damit herzkranke Kinder zu retten. Damit fing alles an.

 Inzwischen ist die jährliche Sammelaktion im Januar ein großes Medienereignis, rund 120 000 meist jugendliche Helfer ziehen einen Tag lang mit bunten Sammelbüchsen durch Dörfer und Städte, im Internet finden Auktionen statt, und in einer großen Fernseh-Gala werden die Geschenke prominenter Musiker, Schauspieler, Sportler und Politiker höchstbietend versteigert.

„Ich verstehe nur die Regierungspolitiker nicht“, sagt ein junger Mann. „Wieso hassen sie Jurek Owsiak so? Diese Inkubatoren, Herz-Kreislaufmaschinen und weiß der Himmel was noch – das kommt doch allen Kindern zugute, egal ob die Eltern politisch rechts oder links wählen.“ Er legt 4,50 Zloty auf die Lade und deutet auf die Gazeta Wyborcza. „Ja, ja“, nickt Pani Basia. „Das geht schon seit Jahren so.“ Sie reicht dem jungen Mann die Zeitung. „Jetzt meinte Vize-Minister Patryk Jaki sogar, dass die Weihnachtshilfe in Wirklichkeit einer Todes-Zivilisation huldige!“

Sie schüttelt den Kopf. „Okay. Jaki hat ein behindertes Kind mit Down-Syndrom. Aber nur weil Owsiak für die Liberalisierung unseres idiotisch strengen Abtreibungsrechts ist, heißt das doch nicht, dass er Leute zu einer Abtreibung zwingen würde. Jeder soll selbst entscheiden dürfen. Das ist doch richtig so!“ Die anderen nicken.

„Ja, und diese billigen Vorwürfe, dass Owsiak die Spenden nicht richtig abrechnen würde“, wirft Pani Halina ein. „Das ist eine bodenlose Frechheit. Es wird doch ständig überprüft – vom Ministerium, vom Finanzamt und wieder vom Ministerium. Sie haben nie etwas gegen ihn finden können!“

Der alte Mann zieht den grünen Schal enger um den Hals: „Owsiak ist eben kein Rechter, sondern ein Linker. Das wurmt Politiker von der Recht und Gerechtigkeit. Nur deshalb werfen sie ihm ständig Knüppel zwischen die Beine!“

Pani Basia schnaubt ins nächste Taschentuch: „Sogar die Armee haben sie zurückgepfiffen. Dabei war das doch gut für das Image der Soldaten,  dass sie beim Großen Orchester der Weihnachtshilfe mithalfen.“

Der junge Mann, der die Zeitung schon in die Manteltasche gesteckt hat, wendet sich im Gehen noch einmal an alle: „Aber je mehr Hass auf Owsiak niederprasselt, desto mehr spenden die Polen. Das ist doch toll.“ Pani Halina winkt ihm zu: „Auf nächstes Jahr! Da machen wir alle wieder mit!“

Die Straßensammlung mit den Büchsen ist inzwischen abgeschlossen, doch die Internetauktionen im In- und Ausland laufen noch bis März. Erst dann wird das Endergebnis der diesjährigen Sammlung bekannt gegeben.

FOTO: Lech Muszynski / dpa