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| 18:45 Uhr

Unterschied zum Westen
Ostdeutsche nutzen häufiger die Möglichkeit früherer Rente

Im Jahr 2017 gingen im Osten 42 Prozent aller neuen Rentner mit einer abschlagsfreien Rente mit 63 in den Ruhestand.
Im Jahr 2017 gingen im Osten 42 Prozent aller neuen Rentner mit einer abschlagsfreien Rente mit 63 in den Ruhestand. FOTO: dpa / Karl-Josef Hildenbrand
Berlin . Bis zur Regelaltersgrenze von aktuell 65 Jahren und sieben Monaten zu arbeiten, ist dagegen im Osten weiterhin die Ausnahme. Von Dieter Keller

Ostdeutsche nutzen wesentlich häufiger als Westdeutsche die Möglichkeit, früher in Rente zu gehen. Das gilt sowohl für die Rente mit 63 ohne Abschläge als auch für eine vorzeitige Rente mit Abzügen. Bis zur Regelaltersgrenze von aktuell 65 Jahren und sieben Monaten zu arbeiten, ist dagegen im Osten die Ausnahme.

Im Jahr 2017 gingen im Osten 42 Prozent aller neuen Rentner mit einer abschlagsfreien Rente mit 63 in den Ruhestand. Das ergab die Auswertung von Daten der Rentenversicherer durch den Dresdner Ableger des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo. Brandenburg lag mit 41 Prozent knapp darunter; am höchsten war der Anteil in Thüringen mit 44 Prozent. Im Westen dagegen nutzten nur 30 Prozent diese Möglichkeit, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen.

Sie wurde am 1. Juli 2014 auf Betreiben der SPD von der Großen Koalition eingeführt. Voraussetzung sind mindestens 45 Beitragsjahre. Dabei zählen auch Zeiten der Kindererziehung und Arbeitslosigkeit in gewissen Grenzen mit, nicht dagegen Langzeitarbeitslosigkeit mit Bezug von Hartz IV.

Auch wer diese Voraussetzungen nicht erfüllt, kann mit 63 Rente beziehen, wenn sie oder er auf mindestens 35 Beitragsjahre kommt. Dann wird sie allerdings für jeden Monat der vorzeitigen Auszahlung um 0, 3Prozent gekürzt. Wer beispielsweise ein Jahr früher geht, bekommt 3,6  rozent weniger, und das dauerhaft. Diese Möglichkeit nutzten 2017 im Osten 27 Prozent der neuen Rentner, im Westen dagegen nur knapp 17 Prozent. In Brandenburg waren es 26 Prozent. Hier ist Sachsen-Anhalt der Spitzenreiter.

Im Westen dagegen ist es immer noch der Normalfall, bis zur Regelaltersgrenze zu arbeiten: Hier tun dies 43 Prozent, im Osten nur 24 Prozent. Vorteil dabei ist, dass die Rente höher ausfällt, weil länger Beiträge gezahlt wurden.

Die Unterschiede erklärt Ifo-Forscher Joachim Ragnitz mit den Erwerbsbiografien im Osten: In der DDR war es üblich, frühzeitig ins Erwerbsleben zu starten. Daher erfüllen hier besonders viele die Voraussetzung von mindestens 45 Versicherungsjahren. Zudem haben Frauen im Osten im Schnitt deutlich mehr Versicherungsjahre als im Westen, da Mütter schnell nach der Geburt wieder arbeiten gingen. „Eine Rente mit Abschlägen kann man sich eher leisten, wenn zwei Rentenbezieher mit hohen Bezügen in einem Haushalt leben“, so Ragnitz.

Wie beliebt die Rente mit 63 ist, zeigt, dass von Juli 2014 bis Ende April dieses Jahres insgesamt bereits über eine Million Anträge gestellt wurden. Die Bundesregierung hatte mit weniger gerechnet.

In diesem Jahr gehen die Zahlen leicht zurück: Von Januar bis September wurden 183 000 Anträge auf „Altersrente für besonders langjährig Versicherte“ gestellt, zwei Prozent weniger als 2017. Nur bis zum Jahrgang 1952 konnte sie mit 63 in Anspruch genommen werden. Seither steigt die Altersgrenze stufenweise. Für den Jahrgang 1955, der in diesem Jahr 63 wird, liegt sie bei 63 Jahren und sechs Monaten. Im Schnitt erhielten die Bezieher nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung Bund 2017 im Osten 1123 Euro im Monat, im Westen 1281 Euro.

Trotz der Beliebtheit hält Ragnitz die Rente mit 63 für eine Fehlentscheidung: Letzten Endes sei sie ein „Wahlgeschenk an die ältere Generation“ gewesen. Er verweist auf die absehbaren Finanzierungsschwierigkeiten der gesetzlichen Rente ab 2025 und den zunehmenden Arbeitskräftemangel. Der Forscher empfiehlt daher, bei den Verhandlungen über die künftige Ausgestaltung der Alterssicherung „auch die Rente mit 63 kritisch zu überprüfen“.