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Ehrenbürgerin von Gorzow
Noncia – die stille Heldin von Gorzow

Robert Dolinski ist stolz auf seine Großmutter Noncia. Ihre Heimatstadt Gorzow hat ihr ein Wandbild  gewidmet  und  sie  zur  Ehrenbürgerin  ernannt.
Robert Dolinski ist stolz auf seine Großmutter Noncia. Ihre Heimatstadt Gorzow hat ihr ein Wandbild gewidmet und sie zur Ehrenbürgerin ernannt. FOTO: Agnieszka Hreczuk
Frankfurt (Oder). Ihre ganze Familie wurde von den Nazis umgebracht. Doch Alfreda Markowska kämpfte. Die junge polnische Romni rettete im Zweiten Weltkrieg das Leben von vielen Kindern. Von Agnieszka Hreczuk

Eine überlebensgroße Romni, eine Roma-Frau, auf einem Wandgemälde schaut mit einem sanften Lächeln auf Kinder, die zur Schule gehen. Ihre Augen lachen mit. Alt ist sie. Sie stützt sich auf einen Gehstock. Ein weißes Tuch hat sie um den Kopf gebunden, ein blumiges um die Schulter gelegt. Robert Dolinski nickt zufrieden. „Ja, das ist sie, meine Oma. Sehr gut getroffen, so, wie sie in Wirklichkeit ist. Warmherzig und charmant“, sagt der 40-Jährige mit Stolz in seiner Stimme. „Meine Babcia Noncia.“

Noncia, unter Nicht-Roma besser bekannt als Alfreda Markowska, ist mehr als 90 Jahre alt. Wie alt genau, weiß auch die Familie nicht. Denn vor dem Zweiten Weltkrieg hatten Roma in Polen zumeist keine Dokumente.

Sie wohnt seit Jahren in Gorzow Wielkopolski nahe der deutsch-polnischen Grenze. Etwa 300 polnische Roma haben sich in der Stadt angesiedelt. Für ihre Landsleute ist Noncia schon immer eine Autorität gewesen. Warum, das hat ihr Enkel erst als Erwachsener erfahren.

„Ich habe immer gern zugehört, wenn meine Onkel über die alten Zeiten erzählt haben“, sagt Robert, der in der Sprache der Roma „Patryk“ heißt. „Und eines Tages“, erinnert er sich, „schaute Onkel Parno mich an und sagte: ,Weißt Du, dass Deine Oma mein Leben gerettet hat?'“

Als junge Frau bewahrte Noncia während des Zweiten Weltkrieges mehrere Dutzend Kinder vor dem sicheren Tod. Romakinder, aber auch jüdische und polnische. Sie, eine Romni, die laut Nürnberger Gesetzen selbst dem Tod geweiht war. Roma wurden während der NS-Zeit – wie Juden – durch die Nürnberger Gesetze als minderwertig eingestuft und zu Hunderttausenden ermordet. In Vernichtungslagern oder dort, wo sie gerade ihr Lager aufgeschlagen hatten. Weil die meisten Roma in Mittelosteuropa als Wandervolk lebten und nirgendwo registriert waren, kann man die Zahl der Opfer bis heute nur grob schätzen. Von bis zu zwei Millionen Ermordeten spricht das polnische Roma-Institut.

Noncias Lebensgeschichte hört sich an wie aus einem Hollywood-Film. Sie wurde im damaligen Ostpolen geboren und zog als junges Mädchen mit ihrem Clan mit Pferdewagen durch das Land.

Während des Krieges wurde in einem Wald, wo sie sich vor den Nazis versteckt hatten, ihre ganze Familie von deutschen Soldaten umgebracht. Sie überlebte, weil sie, als die Mörder kamen, in einem nahegelegenen Dorf Lebensmittel besorgen war. Wahrsagen und Kartenlesen bezahlte manch ein Dorfbewohner mit Brot, Eiern oder etwas anderem Essbaren. Als die junge Frau zurückkam, waren ihre Eltern, Onkel, Tanten und Cousinen tot, erschossen und notdürftig verscharrt. Das Lager verbrannt. Nachdem sie einige Tage im Dorf versteckt worden war, schlug sie sich zu ihrem Ehemann, Gucio, durch. Er überlebte, weil er zu dieser Zeit bereits bei der Bahn in Stalowa Wola, im Südosten Polens, arbeitete. Als Zwangsarbeiter für die Organisation Todt, einer paramilitärischen Bautruppe der Nazis. Nur dank Schmiergeld hatte er den Job als Bahnarbeiter bekommen – wie später auch Noncia. Durch Bestechung erlangte Ausweise ermöglichten es, zwischen den Baustellenorten zu reisen.

Regelmäßig machten in der Gegend von Stalowa Wola die Züge in die NS-Vernichtungslager Auschwitz und Belzec Halt. Bahnarbeiter wie Noncia mussten Tote aus den Waggons holen, Fäkalien entsorgen. Während dieser Einsätze begann Noncia – ständig in Angst, entdeckt zu werden – Kinder aus den Zügen zu schmuggeln. Wie viele es waren, hat sie nie gesagt. Und Noncia suchte auch im Umkreis von Stalowa Wola nach überlebenden Mädchen und Jungen. In den von den Nazis niedergebrannten Dörfern und in den Wäldern, wo Lager der Roma zerstört worden waren.

Parno, den Robert Dolinski immer als Onkel bezeichnet hatte, wurde von Noncia aus so einem Todeszug geholt. Seine Mutter, die weiterfahren musste, wurde in Auschwitz ermordet.

„Noncia hat früher manchmal etwas von dieser Zeit erzählt, aber für mich hat es sich immer angehört wie ein Märchen. Erst als sie im Jahr 2006 in Warschau von Staatspräsident Lech Kaczynski mit einem der höchsten Orden Polens ausgezeichnet wurde, habe ich es begriffen“, erinnert sich Robert Dolinski heute.

In ihrer Heimatstadt Gorzow war die Geschichte der mutigen Romni lange kaum bekannt. Katarzyna Miczal, eine Mitarbeiterin des Gorzower Rathauses, hat sie erst erfahren, als die offizielle Einladung zur Ordensverleihung aus Warschau kam. „Es war unglaublich für mich, zu erleben, wie Noncia selbst darüber dachte. Als ob es etwas Selbstverständlichen gewesen wäre, was sie gemacht hat“, erzählt die junge Frau begeistert. „Wirklich große Menschen sind einfach bescheiden“, fügt sie hinzu.

Katarzyna Miczal setzte sich dafür ein, dass die Geschichte der mutigen Einwohnerin in Gorzow bekannt wurde. Mit Erfolg. Nach Noncia sollte schließlich sogar eine Straße in Gorzow benannt werden. Weil dies aber im Fall noch lebender Menschen nicht erlaubt ist, bekam Noncia ein Wandgemälde. An der Schule, ganz in der Nähe ihrer Wohnung ziert es eine Hauswand.

Ihr Enkel Robert findet das gut. „Jetzt kann sie vom Bild herunter täglich ihre Ur- und Ururgroßenkel auf dem Schulweg grüßen.“ Er lacht. „Das gefällt ihr garantiert besser als der Orden“, findet er.

Kinder seien nach wie vor das Wichtigste im Leben seiner Großmutter, erzählt Robert. „Am Tag kümmert sie sich, damit sie genug zum Essen haben und die Schule besuchen. In der Nacht aber quälen sie Träume vom Krieg und Ängste, dass den Kindern wieder Gefahren drohen könnten“, weiß er.

„Den Orden hat Noncia im Schrank verpackt und macht daraus keine große Sache. Wir schauen ihn uns öfter an als sie“, sagt er lächelnd. Nach der Ehrung mit dem Wandgemälde ist Noncia im September auch zur Ehrenbürgerin der Stadt ernannt worden.

Doch das ist noch nicht alles. Die Roma in Gorzow haben eine Sozialgenossenschaft gegründet, eine Firma, in der die arbeitslosen Roma einen Job finden können. Die Genossenschaft soll den Namen von Oma Noncia tragen. Damit noch mehr Leute sich gut an sie erinnern können.