Von Dietrich Schröder

Am Montagnachmittag ließen die Danziger Domikaner-Mönche die Glocken ihrer Nikolaikirche läuten. Denn Bürgermeister Pawel Adamowicz, der da gerade an den Folgen der auf ihn verübten Messerstiche gestorben war,  stand für das Selbstbewusstsein der Stadt. Jener Kommune an der Ostsee, die so oft in der Geschichte ihre Unabhängigkeit verteidigte und einst Wiege der „Solidarnosc“ war.  Der 53-jährige Adamowicz, der schon als Student Streiks organisiert hatte, war seit 1998 Oberbürgermeister.  Erst im Herbst war er zum sechsten Mal wiedergewählt worden.

Adamowicz hatte sich nicht nur der nationalistischen Politik der heutigen Regierungspartei PiS  entgegengestellt. Er war auch aus der früheren Regierungspartei „Bürgerplattform“ ausgetreten. Ein Beispiel für seine Haltung war, wie er Günther Grass in Schutz nahm. Als 2006 bekannt wurde, dass der in Danzig geborene Literatur-Nobelpreisträger einst Mitglied der Waffen-SS war und dies verschwiegen hatte, sagte Adamowicz: „Nachdem wir seine Verdienste gegen das verspätete Geständnis abwogen, haben ihm die meisten Danziger verziehen“.

Jetzt ist der Bürgermeister selbst Opfer einer Gewalttat geworden. Ein 27-jähriger Mann, der wegen Banküberfällen mehrere Jahre im Gefängnis saß, stach den Politiker am Sonntagabend auf offener Bühne nieder. Ausgerechnet auf jener Bühne, auf der das „Große Orchester der Weihnachtshilfe“ feierte. Eine landesweite Spendenaktion für Kinderkliniken, die wegen ihrer liberalen Haltung – im Sommer organisiert sie das große Rockfestival in Küstrin an der Grenze zu Brandenburg – von der Regierung kritisch beäugt wird.

Dass der Täter, der mit Hilfe eines Medien-Stickers aufs Podium gelangt war, neben offenkundig psychischen Problemen auch politische Motive hatte, geht aus den Worten hervor, die er nach dem Überfall in ein Mikrofon schrie. Er sei von der früheren Regierung unschuldig ins Gefängnis gebracht und gefoltert worden. „Deshalb stirbt Adamowicz!“

„Diese Tat ist schlimmer, als es im wiedervereinten Deutschland die Anschläge auf Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble waren“, ist der Warschauer Publizist Adam Krzeminski überzeugt. Denn damals habe es die Welle der Gewalt und des Hasses noch nicht gegeben, von der auch die polnische Gesellschaft durch das Internet und andere Medien immer mehr erfasst wird.

Wolle man historische Parallelen ziehen, so erinnere das Geschehen an zwei Attentate im Jahr 1922. Seinerzeit war zunächst der deutsche Reichsaußenminister Walther Rathenau wegen seiner jüdischen Abstammung zum Opfer nationalistischer Fanatiker geworden. Wenig später der mit den Stimmen der jüdischen Minderheit gewählte polnische Präsident Gabriel Narutowicz. Die „Allpolnische Jugend“ – eine extrem rechte Organisation – rühmte sich danach jahrzehntelang dieser Tat gegen einen „Verräter an der polnischen nationalen Sache“.

Auch die heutige „Allpolnische Jugend“ – mit deren Anführern Polens Staatspräsident und die Führung der PiS-Partei erst am 11. November zum 100. Jahrestag von Polens Unabhängigkeit durch Warschau gezogen waren – hatte Adamowicz  schon bedroht. Als dieser sich vor zwei Jahren für die Aufnahme von Flüchtlingen einsetzte, sandte man ihm eine symbolische Sterbeurkunde zu.

Der Führer der PiS-Partei, Jaroslaw Kaczynski, hat schon vor Jahren  all jene Menschen als „Polen der schlechteren Sorte“ charakterisiert, die nicht an das nationalistische Dogma seiner Partei glauben. Seither ist das Klima von Verdächtigungen und gegenseitigen Vorwürfen vergiftet. Nicht nur im Internet, im Staatsfernsehen und anderen Medien gibt es hasserfüllte Kommentare gegen politische Gegner. Selbst zahlreiche Familien meiden inzwischen politische Diskussionen, damit diese nicht eskalieren.

„Man muss bedenken, dass der Täter im Gefängnis fünf Jahre lang nur Staatsfernsehen gesehen hat. Dort wurde Pawel Adamowicz als Danziger Mafioso dargestellt“, meint ein Soziologe. Das könnte auf den 27-jährigen abgefärbt haben.

Zwar zeigten am Montag auch die führenden PiS-Politiker ihre Anteilnahme. Auf Befehl von Innenminister Joachim Brudzinski wurden zwei Personen verhaftet, die den Bürgermeistern von Posen und Breslau ebenfalls Gewalt angedroht hatten. „Ich teile die Trauer und die Gebete von Pawel Adamowciz’ Angehörigen“, twitterte Staatspräsident Andrzej Duda. Und fügte hinzu, dass „Feindseligkeit und Gewalt zur schlimmsten Folge geführt haben. Damit dürfen wir uns nicht abfinden“. Viele Polen sind jedoch der Meinung, dass die Regierungspartei die Gewalt mit gesät hat.