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| 13:38 Uhr

Worüber Warschau spricht
Kaczynskis Weg in den Himmel

Das Treppen-Denkmal auf dem Pilsudski-Platz in Warschau sorgt für viele Diskussionen.
Das Treppen-Denkmal auf dem Pilsudski-Platz in Warschau sorgt für viele Diskussionen. FOTO: Gabriele Lesser
Warschau. „Aus Sicherheitsgründen" verstaatlichte die polnische Regierung den Warschauer Pilsudski-Platz, lässt dort nun aber Denkmäler aufstellen, die die Stadtverwaltung nicht genehmigen wollte. „Das ist illegal“, sagen viele Warschauer. Von Gabriele Lesser

Pani Basia steht vor ihrem grünen Kiosk im Warschauer Stadtteil Mokotów und inspiziert die Auslage. Auf einem Titelbild ist mal wieder das Wrack der Tupolew TU 154 zu sehen, des Unglücksfliegers, der 2010 kurz vor dem russischen Militärflughafen in Smolensk abstürzte. 96 Menschen kamen damals ums Leben, darunter Polens damaliger Präsident Lech Kaczynski, seine Frau Maria und zahlreiche Funktionäre der nationalpopulistischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Pani Basia greift sich die linksliberale Zeitung „Gazeta Wyborcza“ und hängt sie in den Zeitungsständer draußen. Eine massive Treppe aus Granitquadern schmückt das Titelbild.

„Himmelstreppe nennen die Warschauer das Denkmal“, kommentiert eine erste Kundin und reicht Pani Basia die Hand. „Haben Sie davon schon gehört? Makaber, oder?“ Die Lehrerin mit dem rot flatternden Schal legt vier Złoty (umgerechnet einen Euro) in die Geldschale. Pani Basia nickt: „Ja, alle gingen die Flugzeugtreppe rauf. Und das ist eben jetzt so ein Riesengrabstein mitten in der Stadt.“

Ein alter Mann mit Stock und Schiebermütze greift ebenfalls nach der „Gazeta Wyborcza“, will aber auch die PiS-nahe „Gazeta Polska Codzienna“ haben. „Ich denke, sie müssen noch einen Zaun um das Denkmal bauen. Stellen Sie sich mal vor, dass da einer die Treppe hochgeht und sich dann von ganz oben runterstürzt.“ Die Lehrerin sieht ihn entsetzt an. „Sagen Sie doch so was nicht! Vorerst sollten wir mit den Kindern keinen Ausflug zum Piłsudski-Platz machen. Das ist viel zu gefährlich!“

Zwei Studenten der nahen Wirtschaftshochschule kaufen Zigaretten und Cola. „Im November soll ja noch das Lech-Kaczynski-Denkmal enthüllt werden, aber wer weiß schon, wie lange die PiS-Denkmäler stehen bleiben?“, sagt der 22-jährige Piotr. „Genau“, wirft sein Freund Andrzej ein. „Die stehen da illegal!“ Die Regierung könne nicht einfach einen zentralen Platz in Warschau beschlagnahmen – angeblich aus Sicherheitsgründen – und dort dann Denkmäler hinstellen, für die sie von der Stadt keine Genehmigung bekommen habe.

Oppositionspolitiker haben schon angekündigt, die „illegalen PiS-Denkmäler“ nach einem Regierungswechsel wieder entfernen zu lassen, ebenso einen Großteil der Lech-Kaczynski-Denkmäler, die zu Hunderten überall im Lande aufgestellt wurden.

Eine Rentnerin fährt mit scharfer Stimme dazwischen: „Schämen Sie sich eigentlich nicht? Da drüben, ja, schräg gegenüber, wo die Blumen liegen und die Kerze brennt, da hat kurz vor dem Absturz der letzte Exilpräsident Polens gewohnt. Mit welchem Recht sprechen Sie ihm und den anderen Opfern ein Denkmal ab? Was haben Sie schon geleistet!“

Die Kioskbesitzerin mag es gar nicht, wenn ihre Kunden in Streit geraten. Sie wiegelt ab: „Wissen Sie, Pani Anna. Es gibt ja schon ein großes symbolisches Denkmal auf dem Powazki-Friedhof. Außerdem will die polnische Regierung ein großes Denkmal an der Unfallstelle in Smolensk aufstellen. Hier hat er eine große Gedenktafel. Meinen Sie nicht, dass das reicht?“ Die 80-Jährige schüttelt heftig den Kopf: „Nein! Alle sollen sehen, was die Russen uns angetan haben. Die Treppe muss beim Grab des unbekannten Soldaten stehen!“

Die Studenten werfen sich vielsagende Blicke zu. Die Rentnerin gehört der „Smolensk-Sekte“ an, die von einem russischen Anschlag auf den polnischen Präsidenten ausgeht. Obwohl Kaczynski den damaligen Umfragen zufolge kaum eine Chance auf eine Wiederwahl hatte, habe Putin ihn für so gefährlich gehalten, dass er dessen Flugzeug habe explodieren lassen. Dafür gibt es zwar keinerlei Beweise, doch „politischer Anschlag“ klingt für viele glaubwürdiger als ein banaler „Unfall wegen dichten Nebels“.

„Wissen Sie, Pani Anna“, mischt sich der alte Mann mit Schiebermütze ein, „das Treppendenkmal würde doch gut in der russischen Zitadelle stehen, da, wo auch das Katyn-Museum ist.“

Die Rentnerin kommt ins Grübeln. „Ja, wo der sowjetische Geheimdienst unsere Offiziere ermordet hat.“ Noch ist sie nicht ganz überzeugt: „Aber erst, wenn die PiS nicht mehr regiert!“, knurrt sie und winkt Pani Basia zu: „Bis morgen, meine Liebe.“