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| 09:36 Uhr

Jüdischer Filmemacher auf der Suche nach seinem deutschen Kindermädchen
Wiedersehen nach 65 Jahren

Sie hatten sich über 65 Jahre lang aus den Augen verloren. Dann hat Abraham Ravett beschlossen, Ilse zu suchen. Und er fand sie.
Sie hatten sich über 65 Jahre lang aus den Augen verloren. Dann hat Abraham Ravett beschlossen, Ilse zu suchen. Und er fand sie. FOTO: privat
Walbrzych/Waldenburg. „Sie hat Dich geliebt“, sagten die Eltern. Abraham Ravett hatte nur ein Foto und den Vornamen. Wie es dem jüdischen Künstler trotzdem gelungen ist, sein deutsches Kindermädchen Ilse zu finden, dokumentiert er in einem Film. Von Marie Baumgarten

Oft sind es die Schicksalsschläge im Leben eines Menschen, die ihn zum Nachdenken über sich selbst veranlassen. Für Abraham Ravett kommt dieser Moment mit Mitte 60, als die gewohnten Dinge in seinem Leben sich ändern und er plötzlich ganz allein ist. Er fühlt sich einsam und abgewiesen. Langsam beginnt er sich an ein längst vergessen geglaubtes Mädchen aus seiner Vergangenheit zu erinnern, mit dem er sich auf unerklärliche Weise verbunden fühlt, obwohl er kaum etwas über sie weiß. Er kennt sie nur aus den Erzählungen der Eltern, die ihm sagten: „Sie hat dich sehr geliebt“.

Ihr Name ist Ilse, sie war sein Kindermädchen. Ravett beschließt, sie zu suchen.


Abraham Ravett als Dreijähriger mit seinem Kindermädchen Ilse in Waldenburg (Walbrzych) 1950.
Abraham Ravett als Dreijähriger mit seinem Kindermädchen Ilse in Waldenburg (Walbrzych) 1950. FOTO: privat

Abraham Ravett ist Film-Professor am Hampshire College Massachusetts und seine persönlichen Erlebnisse und besonders die der Familie waren schon oft der Stoff für Filmprojekte.

So ist es für ihn das Natürlichste von der Welt, die Suche nach Ilse mit der Kamera zu begleiten. Dafür reicht ihm sein Smartphone, das er immer bei sich trägt. „Ich musste mich entscheiden“, erklärt er, „wollte ich mit einem professionellen Filmteam drehen oder intime Momente einfangen.“ Er entschied sich für Letzteres. Der Titel der Dokumentation: „Holding Hands with Ilsa“.

Jede Frau auf der Straße konnte Ilse sein

Seine Suche beginnt Abraham Ravett in Polen – dem Land, in dem er 1947 als Sohn jüdischer Eltern zur Welt kommt. „Es war nicht leicht“, sagt er. „Ich kannte nur den Vornamen des Mädchens und hab nur ein einziges Foto besessen.“ Es zeigt beide im Jahr 1950, da war Ravett gerade drei Jahre alt und Ilse ein Teenager. Ravett trägt das Foto immer mit sich in seiner linken Brusttasche, nahe am Herzen. „Wie weit konnte man schon mit einem Vornamen und einem Foto kommen!“, sagt er im Rückblick. Vielleicht war er ihr schon längst begegnet und wusste es nicht, hatte den Moment verpasst. Jede Frau auf der Straße konnte Ilse sein.

Als im Jahr 2014 die Mutter seiner aus Polen stammenden Lebensgefährtin Basia, wie man in der polnischen Sprache liebevoll zu Barbara sagt, in Oppeln stirbt, kommen sie in die Woiwodschaftshauptstadt in Oberschlesien, um sich um den Nachlass zu kümmern: eine Wohnung im zweiten Stock eines Wohnblocks, wie er typisch für die Stadt und viele andere Orte in Polen ist, die nach dem Zweiten Weltkrieg mühevoll und nach kommunistischen Vorgaben wiederaufgebaut wurden. In so einem Block könnte auch Ilse leben, irgendwo in Polen. Vielleicht sogar in der Nachbarschaft. Eine schöne Vorstellung, doch Ravett muss auch die unbequemen Gedanken zulassen: Es könnte sein, ja es könnte durchaus sein, dass Ilse nicht mehr lebte. Wäre das der Fall, wie könnte er Gewissheit bekommen? Besteht überhaupt die kleinste Chance, eine Spur zu ihr zu finden?

Plötzlich geht es ganz schnell

Ein Besuch in Waldenburg, wo Ravetts Familie damals lebte und wo das Foto mit Ilse entstand, bleibt ohne Ergebnisse. Aufgewühlt von vielen offenen Fragen kehrt Ravett in die USA zurück. Er bittet Freunde und Bekannte um Mithilfe. Neue Hoffnung setzt er in den Ratschlag eines Rabbis, der die Situation der Deutschen in Polen gut kennt und vermutet, dass die deutsche Minderheit in Oberschlesien Ravett weiterhelfen könnte. Doch auch diese Bemühungen laufen ins Leere.

Aber Ravett gibt nicht auf. Er beschließt 2015, sich noch einmal auf den Weg in seinen Geburtsort Waldenburg zu machen. Eine junge Journalistin begleitet ihn einen Tag lang bei seiner Suche und veröffentlicht darüber einen Artikel samt Kontaktdaten in der „Gazeta Wyborcza“, der größten Tageszeitung in Polen.

Jetzt endlich kommt Bewegung in die Sache. Denn diesen Artikel liest ein Waldenburger Anwohner und schickt ihn an den „Waldenburger Heimatboten“ nach Deutschland, eine Zeitung für Heimatvertriebene. Plötzlich geht alles ganz schnell. Der Film-Professor bekommt nur zwei Wochen später eine E-Mail: „Sind Sie Herr Ravett, der meine Oma sucht?“ „Ja, das bin ich“, schreibt er zurück. Zwei weitere Wochen vergehen, und Ravett sitzt im Flieger nach Ibbenbüren, Nordrhein-Westfalen, wo Ilse mittlerweile lebt.

1955 kommt die Trennung

Ilse ist ein Teenager, als Ravetts Mutter sie zu sich ins Haus holt, damit sie auf den kleinen Jungen aufpasst. Die Familie lebt in Waldenburg (Walbrzych), einem Gebiet, das bis Kriegsende 1945 zu Deutschland gehörte. Als die Rote Armee einrückt und das Gebiet an Polen fällt, fliehen viele deutsche Bewohner oder werden vertrieben. Doch weil Waldenburg eine Bergbauregion ist, bleiben einige Familien da, weil sie als Facharbeiter gebraucht werden. Auch die Familie von Ilse bleibt. Ausgerechnet eine Deutsche kommt jetzt in die jüdische Familie, die den Holocaust miterlebte – die Eltern waren im Konzentrationslager, sie verloren viele Angehörige. Einen negativen Einfluss auf den Umgang mit Ilse hatte das aber nicht. „Die Eltern waren immer freundlich und nett zu mir, besonders die Mutter“, erinnert sich Ilse im Film.

Obwohl die Eltern eine gutes Auskommen haben und sie wissen, dass ihr Junge an Ilse hängt, verlässt Familie Ravett schon 1950 das damals kommunistische Land. Sie reist nach Israel und von dort 1955 in die ersehnte neue Heimat: die USA. Der Kontakt zu Ilse bricht ab. „Ich war sehr traurig darüber, dass sie nach Isreal gegangen sind“, erzählt Ilse. „Ich durfte auch nicht mit zum Bahnhof kommen, denn ich hätte geheult und er wäre nicht mitgefahren.“

Erst durch das Gespräch mit Ilse erfährt Ravett, welch bedeutende Rolle sie in seinem Leben gespielt hat. „Seine Mutter hat den ganzen Tag im Laden gestanden, sie hatte keine Zeit für ihn“, berichtet Ilse. Also hat der Teenager die Mutterrolle übernommen.

Erneutes Wiedersehen in diesem Jahr

Dass die Eltern im Erdgeschoss des Hauses einen Lebensmittelladen führten, dass sie vorgaben, nicht Ravett zu heißen, sondern Gadomski (möglicherweise nach dem Onkel, der mit ihnen im Haus lebte) und dass Abraham als Kind Munio genannt wurde – auch das erfährt er in diesem Moment erst von Ilse.

„Wir hatten eine sehr enge Bindung. Ich bin glücklich, dass wir uns wiedergefunden haben“, sagt Ravett. Sie sitzen gemeinsam auf der Couch, während die Enkeltochter die Szenen mit der Telefonkamera festhält. Sie reden, schweigen, lachen miteinander. Fast so, als hätte das Schicksal Abraham und Ilse nie getrennt. Doch die Zeit hat Spuren hinterlassen: Nach der Ausreise aus Polen verlernt Ravett die deutsche Sprache (denn Ilse hatte mit ihm deutsch gesprochen) und so kommt es, dass sie einander gar nicht verstehen. Erst durch die Enkeltochter, die englisch spricht, wird eine Unterhaltung möglich. Doch das ist in dieser Geschichte wohl der einzige Wermutstropfen.

Es gab mittlerweile sogar ein erneutes Wiedersehen. Im Juni dieses Jahres hat Ravett Ilse wieder in Ibbenbüren besucht und bei dieser Gelegenheit seinen Film öffentlich vorgeführt. Im Anschluss zeigte er ihn auch in Polen – in Breslau und Waldenburg. „Das Interesse der Menschen war überwältigend“ sagt Ravett. Und kein Auge blieb trocken.