Von Marija Vakhrusheva
und Dietrich Schröder

Im April 1945 standen sich im Oderbruch knapp eine Million anstürmende Rotarmisten und 120 000 erbittert verteidigende deutsche Soldaten gegenüber. An den entscheidenden vier Tagen der Schlacht um die Seelower Höhen kamen fast 50 000 Kämpfer ums Leben. Noch immer streiten die Historiker über die genaue Zahl der Toten. Deren Leichen werden bis heute bei Ausgrabungen zutage gefördert.

Verein „Zeitreise“ will die Gedenkstätte weiterentwickeln

„Es war die größte Schlacht, die im Zweiten Weltkrieg auf deutschem Boden geführt wurde“, sagt Tobias Voigt. Der aus Berlin stammende Politikwissenschaftler leitet den Verein „Zeitreise Seelower Höhen“, der zu Beginn dieses Jahres mit der inhaltlichen Weiterentwicklung der dortigen Gedenkstätte beauftragt wurde. Dass dies auch dringend nötig sei, befindet der 50-Jährige. Denn die Einrichtung bliebe auch drei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung noch immer „weit hinter den erzählerischen und vermittlerischen Möglichkeiten zurück“, die hier bestünden, um die Schrecken des damaligen Geschehens zu verdeutlichen.

Besuchern sind enttäuscht, weil Artefakte fehlen

Die meisten der internationalen Besucher, die nach Seelow kommen, um dieses Ereignis nachzuempfinden, seien enttäuscht, weil es an Artefakten mangele, also konkreten Gegenständen, die das damalige Geschehen nachvollziehbar machen. „Selbst russische Gäste fragen verwundert: Wo ist denn die deutsche Technik?“, berichtet Voigt.

Ein Beispiel: Allein am 19. April 1945 feuerten die sowjetischen Truppen 1,2 Millionen Granaten ab. Die einzige Granate, die im Museum zu sehen ist, sei jedoch eine sowjetische Propaganda-Granate, in der sich Flugblätter befanden, auf denen die deutschen Soldaten aufgefordert wurden, den Kampf zu beenden.

Nur ein Panzer in der gesamten Gedenkstätte

Die Außenanlage wird von den Gräbern von über 7000 sowjetischen Soldaten dominiert. An Technik sind nur ein sowjetischer Raketenwerfer und ein einzelner Panzer T 34 vorhanden. Um wenigstens diesen in ein interaktives Objekt zu verwandeln, haben ihn die neuen Museumsmacher in den vergangenen Monaten gründlich gereinigt. „Wir haben 120 Kilo Dreck aus seinem Innern geholt und ihn so vor dem Vergammeln gerettet“, beschreibt Voigt drastisch. Jugendliche und Schüler von heute, die man als Besucher gewinnen will, sollen konkret nachempfinden können, um was für eine klaustrophobe Situation es sich handelt, wenn man sich in solch einen engen Panzer zwängen und um sein Leben bangen muss.

Geschichte soll interessant sein und zum Nachdenken anregen

„Machen wir uns doch nichts vor“, sagt Voigt offen. „Heute kommt doch niemand mehr ins Museum, um belehrt zu werden. Man will etwas Interessantes, zum Nachdenken Anregendes erleben. Bei Führungen mit Schulklassen sagt der 51-Jährige etwa: „Ihr müsst euch vorstellen, dass im Frühjahr 1945 Abiturienten aus Hamburg oder Flensburg aus der Schule gerissen und an die Oderfront geschickt wurden, um hier ihre Heimat zu verteidigen!“ Was mögen solche Jungs wohl empfunden haben, als sie plötzlich kiloschwere Granaten in die Rohre von Werfern stopfen mussten, um ihr Leben zu retten?

Das kleine Museum erinnert an Verehrungskult aus DDR-Zeiten

Bis jetzt ist das Museum sehr klein und erinnert in vielem noch an DDR-Zeiten. Damals sei die Geschichte ideologisch glattgebügelt worden. „Junge Pioniere und FDJler im Blauhemd legten an den Gräbern sowjetischer Soldaten Kränze nieder. Gleichzeitig saßen ihre Großväter, die auch an der Schlacht teilgenommen hatten, im Oderbruch und mussten schweigen. Eine schizophrene Situation“, befindet Voigt.

Nach der Wende seien wenigstens die Erinnerungen von noch lebenden deutschen Zeitzeugen hinzugekommen. Doch die meisten davon seien inzwischen auch gestorben, und um deren Berichte zu lesen, „kann man ins Internet gehen und muss nicht ins Museum“, sagt Voigt.

Modernisierung der Ausstellung mithilfe russischer Partner?

Der 2. Vorsitzende des Vereins „Zeitreise Seelower Höhen“, Enrico Holland, kann sich vorstellen, mit Partnern in Russland an der Modernisierung der Ausstellung zu arbeiten. Immerhin ist Seelow eine Partnerstadt von Wolgograd, dem einstigen Stalingrad. „In Russland hat man größeres Interesse und Respekt gegenüber der Militärgeschichte als in Deutschland“, denkt Holland. Leider werde in den Medien und in der politischen Arena oft negativ über Russland gesprochen. „Aber kein normaler Mensch auf der Straße wird sagen, dass er Krieg mit Russland will. Trotz aller Schwierigkeiten haben wir Freundschaft geschlossen und es ist notwendig, sie mit allen Mitteln zu bewahren“, so Holland.

Deutsch-polnisches Projekt soll gefördert werden

Noch bevor der Verein die Verantwortung übernahm, war zudem ein deutsch-polnisches EU-Projekt vereinbart worden, aus dem die Gedenkstätte in Seelow und das Museum am früheren deutschen Ostwall bei Miedzyrzecz (Meseritz) mit 1,2 Millionen Euro gefördert werden sollen. Am 24. Oktober soll das erste Treffen der Partner stattfinden.

Zeitdokumente in der historischen Erlebnisstätte Ostwall

Ostwall Freilich unterscheidet sich die Einrichtung in Polen fundamental von der in Seelow, schließlich war sie auch erst nach 1990 als Museum oder besser gesagt als „historische Erlebnisstätte“ geschaffen worden. Am Ostwall mangelt es nicht an Zeitdokumenten, und Besucher können auch in einen unterirdischen Führungsstand gehen, in dem ein deutscher Offizier (als Puppe) gerade den „Völkischen Beobachter“ liest. Bei manchem deutschen Besucher ruft dies widersprüchliche Gefühle hervor.

Selbst Panzerfahrten und unterirdische Radtouren durch das Tunnelsystem sind am Ostwall möglich. Man darf deshalb sehr gespannt sein, was sich aus der Kooperation beider Einrichtungen entwickeln wird.