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| 18:08 Uhr

Asylpolitik
Flüchtlingskinder lernen in Polens Schulen – noch

In den Schulen lernen Flüchtlingskinder viel leichter auch die polnische Sprache.
In den Schulen lernen Flüchtlingskinder viel leichter auch die polnische Sprache. FOTO: fotolia / Photographee.eu/Fotolia
Warschau. Noch besuchen Flüchtlingskinder in Polen öffentliche Schulen. Doch eine geplante Verordnung des Innenministeriums, die zurzeit noch auf Eis liegt, könnte das schlagartig ändern. Für die Kinder wäre es eine Katastrophe. Von Gabriele Lesser

„Mussa, komm runter! Spielen!“, schreit der achtjährige  Marek. Im ersten Stock der Warschauer Tadeusz Gajcy-Grundschule erscheint ein tschetschenischer Knirps kurz am Fenster, hält triumphierend einen Fußball in die Höhe und ist zwei Minuten später auf dem Schulhof. „Marek, Mussa!“, ruft die Schuldirektorin Wieslawa Dziklinska ihnen zu: „Da hinten!“. Sie zeigt auf den Platz hinter dem Freiluft-Fitness-Studio, an dessen Geräten die 13- und 14-Jährigen schon turnen.

 Die 58-Jährige lacht: „Da kann wenigstens kein Fenster zu Bruch gehen.“ Leise fügt sie hinzu: „In unserer Schule lernen und spielen die Kinder aus dem Flüchtlingsheim. Wir sehen förmlich, wie sie aufblühen. Sie lernen Polnisch, finden neue Freunde und vergessen langsam das Schreckliche, das sie in ihrem Leben schon gesehen haben.“ Verstohlen reibt sie sich die Augen und flüstert: „Ich hoffe, nach den Ferien sehen wir alle wieder!“

Sicher ist dies keineswegs. Denn Polens Innenministerium plante noch Anfang des Jahres, Flüchtlingskinder aus den öffentlichen Schulen herauszuholen und demnächst nur noch in Asylbewerberheimen unterrichten zu lassen – auf Antrag der Kommunen. Tatsächlich hatte schon der Bürgermeister von Gora Kalwaria, der in seinem Ort massive Probleme mit Rechtsradikalen hat, einen solchen Wunsch geäußert.

Auch die nationalpopulistische Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), die seit Ende 2015 mit absoluter Mehrheit regiert, hetzt bei jeder Gelegenheit gegen „Migranten“. Im Wahlkampf giftete Parteichef Jaroslaw Kaczynski, dass die Flüchtlinge „gefährliche Krankheiten“ wie die Cholera, die Ruhr und Parasiten einschleppten.

Doch erste Schlagzeilen in Polens Medien wie „Bildungsgetto für Flüchtlinge“, „Kinder eines schlechteren Gottes“ und „Segregation in der Schule“ ließen das Innenministerium zurückrudern. Lautstark dementierte es die Absicht, den Schulunterricht für Ausländer-Kinder in die Asylbewerberheime zu verlegen. Vom Tisch ist sie damit noch nicht.

Niemand kann sich sicher sein, dass sie nicht doch plötzlich zu den Kommunalwahlen im Herbst in Kraft tritt. Dabei hieß es zuvor noch ganz klar in der Begründung, dass nicht nur Ausländerkinder in polnischen Schulklassen die Lust am Lernen verlören, weil sie noch zu wenig Polnisch sprächen und dem Unterricht nicht folgen könnten, vielmehr wirke sich auch ihre Anwesenheit in öffentlichen Schulen „negativ und demotivierend“ auf polnische Kinder aus. Würden die kleinen Tschetschenen, Iraker und Ukrainer hingegen die ganze Zeit im Heim bleiben, könne dies sogar „die negative Haltung der lokalen Bevölkerung ihnen gegenüber minimalisieren.“

 „Das ist offene Diskriminierung“, empört sich Hawra Elbazdukajewa, eine Tschetschenin, die vor knapp zwanzig Jahren mit ihrem Mann und zwei Kindern aus einem Dorf bei Grozny floh. Heute arbeitet sie in der Stiftung Multi ocalenie, die sich um die Integration der anerkannten Flüchtlinge kümmert.

„Es war noch nie leicht für Flüchtlinge in Polen, allein schon deshalb, weil die Asylbewerberheime an den Ortsgrenzen liegen. Da gibt es kaum öffentliche Verkehrsmittel.“ Sie erinnert sich, wie sie ihre beiden Kinder, die damals in die erste und die vierte Klasse gingen, um 5 Uhr früh wecken musste, um sie pünktlich in die Schule bringen zu können. „Schlimm waren schon die Baracken, in denen wir hausen mussten. Am schlimmsten aber waren die drei Kilometer, die wir jeden Tag bei Wind und Wetter durch den dunklen Wald bis zur Straßenbahnhaltestellte gehen mussten.“

Doch für ihre Kinder sei die Schule enorm wichtig gewesen, der Kontakt mit den polnischen Kindern, die immer neuen Herausforderungen, aber eben auch Spiel und Spaß.

Die füllige Mitt-Vierzigerin holt ein paar Fotos aus ihrer Geldbörse, legt sie auf den Tisch und erzählt: „Sowohl meine große Tochter als auch mein kleiner Sohn haben schnell Polnisch gelernt und sich gut integriert.“

Zum Warschauer Asylbewerberheim für Frauen und Kinder im Stadtteil Targowek Fabryczny führt ein schlammiger Fußpfad vorbei an einem laut rumorenden Betonmischwerk.

 Das einstöckige Barackengebäude diente einst Arbeitern als billige Unterkunft. Heute ist es im Besitz der Lubliner Firma Nakon, die hier für den polnischen Staat ein Vierbett-Zimmer-Flüchtlingsheim betreibt. „Insgesamt verfügt Polen über elf Asylbewerberheime. Dieses hier in Warschau-Targowek ist das einzige nur für Frauen mit Kindern“, erläutert Jakub Dudziak von der Warschauer Ausländerbehörde. Hier leben 70 Kinder und 38 Mütter und alleinstehende Frauen.

Angesicht der Flüchtlings-Millionen-Zahlen, die Polens Premier Mateusz Morawiecki gern ins Feld führt, klingen die „1400 Ausländer, die zur Zeit in Polens Asylbewerberheimen wohnen“, doch recht bescheiden. „Dazu kommen allerdings noch rund 1800 Asylbewerber, die auf dem freien Markt eine Wohnung mieten und von uns einen Mietzuschuss bekommen“, so Dudziak. Rund die Hälfte aller Asylbewerber in Polen sei unter 18 Jahre alt.

 Von diesen rund 1600 Kindern sei wiederum etwa die Hälfte schulpflichtig. Sie alle gehen zurzeit in öffentlich-rechtliche Schulen. Im kleinen Spielzimmer des Flüchtlingsheims vergnügen sich zwei kleine Jungs – ein Tschetschene und ein Iraker – sowie ein Mädchen, das ebenfalls aus Tschetschenien stammt. Als Mariam in das große Aufenthaltszimmer kommt, stürmt der vierjährige Aslan aus dem Spielzimmer. Er will auf den Schoß genommen werden. Dann deutet er auf ein Plätzchen, ohne ein Wort zu sagen. Mariam hält ihn schützend umschlungen.

„Er redet fast gar nichts. Das war wohl alles zu viel für ihn: der Streit zu Hause, dann unsere Flucht, das Warten an der weißrussischen Grenze, und hier nun die vielen fremden Menschen, die alle in verschiedenen Sprachen sprechen.“

Aslan knabbert an einem Keks und scheint aufmerksam zuzuhören. „Ich möchte, dass er in einen polnischen Kindergarten und dann in eine polnische Schule geht. Er braucht dringend eine feste Tagesstruktur. Die hat er hier im Heim nicht.“ Anna Milewska nickt. „Die psychische Situation der Kinder ist sehr schwer. Sie haben oft Schlimmes durchgemacht, sind Zeugen von Gewalt geworden. Die Schule außerhalb des Heims ist sehr wichtig für sie, der Kontakt mit polnischen Kindern.“