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| 10:47 Uhr

Toronto
Erfolgreiche Parallelgesellschaft

Der 92-jährige Kriegsveteran Jan Gasztold kann noch viel erzählen aus der Zeit, als Polen ein Auswanderungsland war.
Der 92-jährige Kriegsveteran Jan Gasztold kann noch viel erzählen aus der Zeit, als Polen ein Auswanderungsland war. FOTO: Christine Keilholz
Toronto. Als Polen ein Auswanderungsland war, suchten Tausende ihr Glück in Kanada. Die größte Community lebt heute in Toronto. Von Christine Keilholz

Wesley Lewandowski verließ Polen 1987. Er war ein junger Mann, hatte einen Ingenieurs-Abschluss. „Aber die Kommunisten waren an der Macht, wir hatten keine großen Zukunftsaussichten“, sagt er. Einen guten Job in der Heimat hielt er für aussichtslos. „Also beschloss ich auszuwandern.“

Mit solchen bemalten Wänden auf der Dundas Street feiern Einwanderer ihre Geschichte.
Mit solchen bemalten Wänden auf der Dundas Street feiern Einwanderer ihre Geschichte. FOTO: Christine Keilholz

Wesley wählte Kanada als neue Heimat, wie Generationen von Polen vor ihm. Laut einer Volkszählung von 2016 haben mehr als eine Million Kanadier polnische Wurzeln. 150 000 von ihnen wurden in Polen geboren. Unter den europäischen Einwanderergruppen in Kanada sind die Polen eine der größten.

Auch das Kult-Auto, den Polski Fiat, sieht man in Kanada.
Auch das Kult-Auto, den Polski Fiat, sieht man in Kanada. FOTO: Christine Keilholz

Die ersten Polen in Kanada waren Geschäftsleute und Abenteurer, die Mitte des 18. Jahrhunderts über den Atlantik kamen, um am boomenden Pelzhandel teilzunehmen. Später folgten ihnen polnische Soldaten, die in der britischen Kolonialarmee dienten. Viele blieben nach ihrem Dienst, weil ihr Heimatland von Russen und Deutschen besetzt war. Die erste große Einwanderungswelle aus Polen setzte ein, als Nordpolen Mitte des 19. Jahrhunderts unter preußischer Herrschaft stand. Damals suchten viele Familien ihr Glück in den Weiten Kanadas. Auf Land, das ihnen die Regierung zuwies, fällten sie Bäume, wurden Holzhändler und Farmer. Das Städtchen Wilno in Ontario gilt heute als die älteste polnische Siedlung in Kanada.

Toronto
Toronto FOTO: Christine Keilholz

Eine der größten Siedlungen liegt in Toronto. Das Roncesvalles-Viertel, nicht weit vom Zentrum der 2,7-Millionen-Stadt, war für viele Polen die erste Station in Kanada. Roncesvalles ist eine traditionelle Nachbarschaft mit 100 Jahre alten Backsteinhäusern. Jedes Jahr steigt dort ein großes polnisches Festival, wo sich Musiker, Trachtengruppen und Künstler präsentieren. Auch Wesley Lewandowski stellt dort seine Schätze aus: Militaria und Briefmarken.

Der Anfang im neuen Land war schwer, sagt er. „Mein erster Monatslohn in Toronto waren 30 US-Dollar, was damals okay war, aber so konnte das nicht bleiben.“ Er wurde Handwerker für alles, was anfiel, und bekam mit der Zeit gute Aufträge. In dieser Zeit änderte er seinen polnischen Namen Waclaw in Wesley.

„Die Polen haben hier einen Ruf, sie gelten als gute, verlässliche Arbeiter.“ In Toronto leben gut 200 000 Polen – so viele wie in Lewandowskis Geburtsstadt Tschenstochau. Sie gründeten Kirchen, die nach polnischen Heiligen benannt sind – Kasimir und Stanislaus.

Kanada verlangt von seinen Einwanderern nicht, die eigene Kultur aufzugeben. Die in Europa verbreitete Angst vor Parallelgesellschaften, in die sich die Neuankömmlinge zurückziehen könnten, kennt Kanada so nicht. Toronto hat als sehr diverse Stadt chinesische, koreanische oder indische Nachbarschaften, in denen es ein jeweils eigenes Warenangebot gibt und wo die Heimatsprachen weiterleben. Mehr als 190 000 Kanadier sprechen polnisch, halb so viele wie deutsch. Auch in der Politik Kanadas fassten die Polen früh Fuß.

Schon 1809 stellten sie ihren ersten Abgeordneten für das Provinzparlament von Quebec. Da waren noch vergleichsweise wenige polnische Siedler im Land. Weitere Einwanderungswellen folgten durch die beiden Weltkriege, die Tausende Polen aus ihrer Heimat nach Nordamerika trieb. Die meisten gingen in die USA, wo sich heute gut zehn Millionen Menschen auf eine polnische Herkunft berufen.

Jan Gasztold kann noch viel erzählen aus der Zeit, als Polen ein Auswanderungsland war. Der 92-jährige Kriegsveteran kam 1952 nach Kanada. „Ich wusste nicht, wo ich hin sollte“, sagt er. „Ostpolen, wo ich geboren wurde, hatten die Sowjets übernommen.“ Jan wollte dort nicht bleiben. Er war Anfang 20, hatte ein Jahr Gefangenschaft in Sibirien hinter sich und wollte neu beginnen. Damals hatte er nichts und niemanden mehr: „Es gab keinen Ort für mich.“ Erst wollte er nach Argentinien, dann kam alles anders.

Nach der Flucht aus Sibirien hatte sich Gasztold mit seinen Kameraden in den Mittleren Osten durchgeschlagen. Dort schlossen sie sich der US-Army an, in der auch Kanadier dienten. Das war dann wie Schicksal, sagt er. Jemand gab ihm den Tipp, Aufnahme in Kanada zu beantragen. Er sprach bei den Behörden vor und bekam vier Monate später die Genehmigung zur Einreise. Als Gasztold in den 90er-Jahren die Chance bekam, wieder nach Polen zu gehen, lehnte er ab.

„Ich habe mein Leben hier verbracht. Meine beiden Söhne sind hier geboren, hier habe ich meine Frau geheiratet.“ Kontakt zu Polen hat er trotzdem immer gehalten. Er fühlt sich als beides – Pole und Kanadier.