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| 16:18 Uhr

Politik
„Die Polenverklärer“ laden zur Partei ein

Parteimitbegründer Adam Gusowski hofft auf viele Akteure, die beim Demokratieprojekt PPD mitmachen wollen.
Parteimitbegründer Adam Gusowski hofft auf viele Akteure, die beim Demokratieprojekt PPD mitmachen wollen. FOTO: ©Foto: Darek Gontarski
Berlin. Der Mitbegründer des „Clubs der polnischen Versager“ erklärt, warum er und seine Mitstreiter jetzt in der Politik mitmischen wollen. Von Verena Ufer

Der „Club der „Polnischen Versager“ in Berlin-Mitte ist seit vielen Jahren eine Kulturinstanz. Seine ehrenamtlichen Betreiber, Adam Gusowski und Piotr Mordel, kurz vor der Wende aus Polen nach Deutschland emigriert,  verdienen ihr Geld als Journalist und Grafiker sowie als Filmemacher, Buchautoren und Schauspieler. Im Club gibt es Lesungen, Musik, Theater, polnische Gaumenfreuden, Satire-Shows und jede Menge Spaß. Und seit Kurzem die Polnische Partei Deutschlands (PPD). Die RUNDSCHAU sprach mit Adam Gusowski über das Projekt und über polnische Befindlichkeiten.

Herr Gusowski, was war die Initialzündung für die PPD?

Gusowski Der Club hat sich schon immer mit der polnischen und deutschen Gesellschaft, mit der Geschichte und den Beziehungen zwischen unseren Ländern befasst. Allerdings vor allem aus sozialer und soziokultureller Sicht. Wir haben gespürt, dass die Welt um uns herum immer politischer und der Ton rauer wird. Auch die Entwicklung in Polen hat uns politisiert. Wir wollten, was da geschieht, nicht unkommentiert lassen. Seit zwei Jahren schon versuchen wir mit dem satirischen Format „Die Polenverklärer“ dem deutschen Publikum die Situation nach dem Wahlsieg der PiS (Partei Recht und Gerechtigkeit, d. Red.) zu erklären.

Aber  warum gleich eine Partei gründen?

Gusowski Es geht gar nicht anders. Wir haben lange darüber nachgedacht. Nach unserer Aktion mit dem polnischen Film zum Flugzeugabsturz von Smolensk, der die PiS-These vom russischen Attentat auf Polens Präsidentenmaschine 1:1 abbildet – wenn Sie sich erinnern . . .

Weil kein Kino diesen wirklich schlechten Film zeigen wollte, haben Sie ihn letztlich aufgeführt. Die  Besucher sollten sich selbst ein Bild machen.

Gusowski  Genau, unmittelbar danach wurden wir erstmals massiv mit  Hate Speach, Hasssprache,  konfrontiert und mit Leuten aus verschiedenen politischen Lagern, die uns für unsere Entscheidung an den Pranger in den sozialen Netzwerken stellten. Uns wurde klar, hier läuft etwas gewaltig schief. Da war so viel Populismus im Spiel und Unwissen. Seitdem hat es uns beschäftigt, wie wir besser für unser demokratisches Selbstverständnis in Europa agieren können. Wir haben verschiedene Szenarien durchgespielt und uns letztlich für die Partei entschieden.

Ja, aber wieso ist eine Partei für Sie das beste Mittel?

Gusowski Weil uns das Bildungsprojekt Partei die Möglichkeit gibt, praktisch mit Demokratie umzugehen, sie zu lernen. Auch, um zu erfahren, wie viel eine Stimme wert ist, wie viel Gewicht ein Einzelner in einer Demokratie hat, wie viel so ein Kreuzchen alle vier Jahre für den Einzelnen bedeutet.

Aber es gibt doch schon viele Parteien. Ist  keine dabei, in der Sie hätten mitmischen  können?

Gusowski Eigentlich ist das politische Spektrum in Deutschland mit den wichtigsten Parteien abgedeckt. Es gibt auch kleinere, in denen man sich engagieren kann. Uns ging es aber besonders um den Einstieg in die Politik. Das Projekt will dazu animieren, sich zu engagieren, sich zu äußern, das politische System kennenzulernen. Wir gründen eine neue Partei, damit der Einstieg für Leute in Politik, die sich bisher nicht damit beschäftigt haben, möglichst leicht und niederschwellig ist. Sie können bei uns die ersten Schritte machen. Wir haben auch gar nichts dagegen, wenn sie sich später in anderen Parteien engagieren.

Wen wollen Sie erreichen?

Gusowski Das Polnische im Namen ist schon ein Bekenntnis. Wir kommen aus Polen und haben keinen Grund, unsere Wurzeln zu verleugnen. Vor allem aber verstehen wir unser Projekt als pro-europäisch. Aber wir freuen uns natürlich auch auf Polen. Es gibt zwei Millionen in Deutschland, die vielleicht noch ihre politische Heimat suchen. Für sie können wir ein Angebot sein. Aber eigentlich sind wir für alle offen – wie bei bisher allen Aktionen des „Clubs der polnischen Versager“. Zwar sagte ich, dass wir uns Sorgen um die polnische Demokratie machen. Aber wenn man überlegt, dass die AfD jetzt im Bundestag sitzt, dann sollten wir uns auch um unsere Demokratie hierzulande Sorgen machen.

Jede Partei hat ein Programm, was steht in Ihrem?

Gusowski Unser Programm entsteht erst. Genauso wie die Strukturen. Wir lassen uns mehrere Monate Zeit und bauen es mit allen, die sich mit uns engagieren wollen. Nach dem Motto „lerning by doeing“ oder „doeing and lerning“. Wir wollen Enthusiasmus wecken und uns  von der Begeisterung anderer anstecken lassen. Aber grundsätzliche Richtlinien gibt es schon: Wir sind pro-europäisch, pro-demokratisch, pro-menschlich und sozial. Und die PPD lehnt Natio­nalismus und  Populismus ab. Denn wo Populisten stark sind, ist das Wissen schwach.

In Deutschland beobachten wir derzeit mit Sorge Populismus und Demokratieabbau in Polen. Wie beurteilen Sie die Lage?

Gusowski Die Gesellschaft ist zutiefst gespalten. Und der Riss verläuft nicht zwischen links und rechts. Das sind – vor allem in Polen – längst überholte Begriffe. Er geht quer durch Betriebe, durch Schulen, durch Universitäten. Und durch Familien. Ein weites Feld an Tabuthemen gibt es mittlerweile und sogar Ratgeber, wie man politische Themen bei Familienfesten vermeidet. Besorgniserregend ist auch, wie schnell man wegen einer politischen These, die anderen nicht gefällt, im Netz mit Beleidigungen und Hass überzogen wird. Es ist kaum noch möglich, sich zu äußern, ohne dass man auf die Seite einer oft imaginären Barrikade gestellt wird.

Unbehagen bereitet – besonders in der Grenzregion –, dass seitens der PiS  wieder antideutsche Töne angeschlagen werden.

Gusowski Wir nehmen die antideutsche Position der Regierung natürlich wahr. Diese Stimmung wird auch über die rechtskonservativen privaten Medien verbreitet. Aber eben auch durch den zum Parteifunk mutierten öffentlichen Sender TVP. Mir tut das sehr leid. Ich unterhalte mich oft mit Menschen, die in die deutsch-polnischen Beziehungen viel Kraft investieren, um die kleinen Beziehungen aufrecht zu erhalten. Es gibt ja bundesweit deutsch-polnische Vorhaben. Bald werden vielleicht die Finanzen noch knapper, um die kleinen Projekte am Leben zu halten. Dann, wenn die PiS möglicherweise auch die Kommunalwahlen gewinnt. Zudem macht sich auch schon jetzt vielerorts so etwas wie Selbstzensur breit.

Trotz Protesten, etwa gegen die Justizreform, steht die PiS  in Umfragen  gut da. Warum ist das so?

Gusowski Bei der Bewertung von Umfragen sollte man vorsichtig sein. Zum einen, man kann schon in den Fragen Antworten suggerieren. Und Umfragen spiegeln auch nicht das wahre Leben wider. Schauen wir nach Ungarn, ein Land, das eine ähnliche Entwicklung wie Polen durchgemacht hat. Orbans Partei hat nach zwei Jahren an der Regierung 80 Prozent in Umfragen bekommen. Davon unterscheiden sich die 40 bis 50 Prozent in Polen schon noch. Der Erfolg der PiS ist ein populistischer – mit vielen Halblösungen, dem Vortäuschen von Reformen, die das Leben der Polen verbessern. Und ein Grund sind unglaubliche Fehler der Vorgänger-Regierung, der Bürgerplattform (PO).

Welche sind das?

Gusowski Die PO-Politiker haben viele Bereiche des öffentlichen Lebens und Bedürfnisse und Nöte vieler Menschen gar nicht mehr wahrgenommen. Sie wollten massive finanzielle Probleme verschiedener Gruppen nicht sehen. Dafür hat es die Quittung gegeben. Denn die PiS stellte genau diese Fehler im Wahlkampf heraus und versprach Verbesserungen. Die wurden teilweise auch verwirklicht. Das 500-Zloty-plus-Kindergeld ist ein großes Geschenk an die Wähler. Aber das will auf Dauer finanziert werden. . .

Zurück zur PPD: Nach Ihrer Ankündigung haben viele eine neue Spaß-Partei erwartet?

Gusowski Nein, keinesfalls! Viel Spaß werden wir ganz sicher haben bei diesem Projekt. Und auch Satire ist  als Aufklärungsmittel dabei. Aber wir werden auch zu Expertenrunden einladen, in denen darüber diskutiert wird, wie  Demokratie funktioniert. Montags sind Stammtische geplant, bei denen unterschiedliche Themen erörtert werden. Es wird kleine Parteitage für all die geben, die mehr Engagement zeigen und sich intensiver austauschen wollen.

Also eher keine Schwester von Martin Sonneborns „Die Partei“?

Gusowski Auf keinen Fall. Ich mag Satire. Der „Club der polnischen Versager“ hat sich diesem Genre schon vor Jahren verschrieben. Sie ist mein Lieblingsmedium. Aber sie hat Grenzen. Da, wo die Verantwortung zu groß ist, hat Satire nichts zu suchen. Und wenn die Partei „Die Partei“ Satire auf Kosten ihrer Wähler macht, und – mit Argumenten, die man vielleicht verstehen kann –  mit Demokratie herumspielt, dann spielt sie auch mit Verantwortung, die unser Leben betrifft. Mir persönlich geht das zu weit.

Eine Frage noch: Warum die „Versager“ im Club-Namen?

Gusowski Im Polnischen steht das Wort „Nieudaczników“, an das wir bei unserer Gründung dachten, eher für den Begriff „Stehaufmännchen“. Einer, der sich immer wieder bemüht und auf die Fresse fällt. Eigentlich ein sympathischer Typ, dem man die Hand reichen möchte. Die Übersetzung mit den absolut negativ besetzten „Versagern“ im Deutschen ist vielleicht nicht die glücklichste . . . Die Kraft unseres Clubs ist es jedenfalls, auch aus gescheiterten Projekten Energie zu ziehen und sich nicht entmutigen zu lassen. Immer mit dem Ziel: Beim nächsten Mal machen wir es besser!

Mit Adam Gusowski
sprach Verena Ufer

Adam Gusowski (v.l.), Brygida Helbig-Mischewski und Olga Bowgierd luden am 11. Januar zur ersten Pressekonferenz ihrer neuen Partei ein.
Adam Gusowski (v.l.), Brygida Helbig-Mischewski und Olga Bowgierd luden am 11. Januar zur ersten Pressekonferenz ihrer neuen Partei ein. FOTO: Gregor Fischer / dpa