Von Marie Baumgarten

Viele Gemeindemitglieder sind es nicht mehr, doch Pfarrer André Schmeier ist es wichtig, auch für die letzten da zu sein, die in der Sprache des Herzens beten möchten. Die Sprache, in der man beten lernt, bleibe für das Beten immer die Hauptsprache, sagt Pfarrer Schmeier. „Beten ist etwas ganz Persönliches, sogar Intimes. Nach mehr als 20 Jahren spreche ich relativ fließend polnisch, kann auch auf Polnisch beten, aber das Ojcze Nasz ist für mich nicht dasselbe wie das Vaterunser. Dabei kommt nicht dasselbe Gefühl rüber.“ Pfarrer Schmeier weiß genau, was es den Deutschen im Ermland bedeutet, sich jeden Sonntag wie in einer ganz normalen Gemeinde treffen und in der Muttersprache beten zu können, singen, eine Predigt hören.

Deutschsprachige Seelsorge als zusätzliches Angebot

Und obwohl die Gemeinde wegen Überalterung immer kleiner wird, finden deutschsprachige Gottesdienste jeden Sonntag und Feiertags statt, auch jetzt zur Osterzeit. „Vor 20 Jahren, als ich angefangen habe, war die Kirche voll“, erinnert sich Pfarrer Schmeier. Trotzdem hat es damals nur ein Mal im Monat einen deutschen Gottesdienst gegeben. Als Pfarrer Schmeier 1997 seinen Dienst angetreten hat, hat sich das geändert. Die Menschen, die zu seiner Predigt kommen, gehören einer polnischsprachigen Heimatgemeinde an. Die deutschsprachige Seelsorge ist ein zusätzliches Angebot, das sie nutzen können. Dieses Angebot ist grundsätzlich für alle offen, die deutschsprachig sind oder sich für die deutsche Sprache interessieren. Doch in erster Linie ist es eben die sogenannte Erlebnisgeneration, die davon Gebrauch macht. „Die Menschen haben über 45 Jahre nach dem Krieg schon gar nicht mehr darauf gehofft. Zu sehen, was es ihnen bedeutet, ist der schönste Lohn, den man sich für die Seelsorgearbeit vorstellen kann“, sagt Pfarrer Schmeier.

Ein gutes Stück Idealismus, die Lust auf ein Abenteuer und die Suche nach den eigenen Wurzeln führen Pfarrer Schmeier 1996 aus Deutschland nach Allenstein (Olszytn). Hier ist er zunächst als Diakon bei den deutschen Gottesdiensten tätig, bis der Erzbischof ihn bittet, in seinem Bistum die deutsche Seelsorge zu übernehmen. Die Priesterweihe spendet ihm der Erzbischof in der Kirche in Allenstein im deutschen Gottesdienst, in deutscher Sprache. „Das fand ich für das Jahr 1997 bemerkenswert und nicht selbstverständlich. Heute haben wir ein relativ entspanntes deutsch-polnisches Verhältnis, aber damals war es gerade sieben Jahre nach der Wende, Polen war auch noch nicht in der EU, das waren ganz andere Zeiten“, sagt Pfarrer Schmeier.

Im Ermland liegen Pfarrer Schmeiers Wurzeln

Der Anfang ist nicht einfach, berichtet er. Pfarrer Schmeier spricht damals kein Wort Polnisch. Unter den polnischen Kollegen ist er ein totaler Exot, sie verstehen nicht, was dieser Deutsche hier in Polen will. Doch immerhin kennt er die Region schon, weil er nach der Wende oft den Urlaub im Ermland verbracht hat – dort, wo auch seine Wurzeln liegen. Der Opa stammt von hier, durch den Kriegsdienst ist er nach Deutschland gekommen, und nach dem Krieg hat er sich bemüht, nicht mehr zurückzublicken, die alte Heimat ruhen zu lassen. Pragmatismus statt Nostalgie. Erst mit der Enkelgeneration ändert sich das. André Schmeier beschließt, das alte Haus des Opas aufzusuchen. Von den neuen Bewohnern wird er freundlich empfangen. „Sie hatten Verständnis dafür, dass ich mich auf dem Boden, der mal meinem Opa gehörte, umsehen wollte. Ängste, dass die Deutschen zurückkommen, habe ich nicht gespürt“, sagt Pfarrer Schmeier.

Als er, zurück in Deutschland, der Familie von seinem Ausflug berichtet, ist das Eis plötzlich gebrochen und auch der Opa wagt eine Reise ins Ermland – von nun an jedes Jahr bis zum Tod. Auch bei der Priesterweihe ist er dabei und auf den Enkel besonders stolz. Und der wiederum ist stolz, dass er für den Opa ein Wegbereiter sein konnte. Und wie das Schicksal manchmal spielt: Aus dem Abenteuer des Pfarrers Schmeier ist eine Lebensaufgabe geworden, und hier im Ermland hat er seine Heimat gefunden. „Ich fühle mich im Ermland zu Hause. Ich habe in meinem Leben nie so lange an einem Ort gelebt wie in Allenstein. Heimweh kenne ich nur dann, wenn ich eine Woche lang in Deutschland zu Besuch bin. Dann bin ich froh, wenn ich wieder nach Allenstein fahren kann, nach Hause eben.“