Von Dietrich Schröder

Können Sie sich vorstellen, wie man Fahrrad fahren kann, ohne etwas dabei zu sehen? So geht es gut einem Dutzend junger Blinden oder Sehbehinderten, die vor genau drei Wochen im westukrainischen Ivano-Frankivsk auf eine höchst ungewöhnliche Radtour gestartet sind. „Zum Glück können wir uns auf unsere Tandem-Partner verlassen“, sagt Marina Staruzjewa aus Charkiv.

Denn Christian Bersé – ein Student aus Frankfurt/Main – sitzt auf dem vorderen Sattel und lenkt ihr Tandem. „Unser Verhältnis ist aber gar nicht so einseitig, wie man vielleicht denken könnte“, sagt der junge Deutsche und berichtet: „Wenn ich Marina erzähle, dass wir gerade durch ein Dorf, an bunten Blumen oder einem See vorbei fahren, sagt sie, wie das alles auf Ukrainisch heißt. Oder sie weist mich auf einen besonderen Geruch oder Geräusche hin, die ich gar nicht wahrgenommen habe.“

Vom gegenseitigen Geben und Nehmen berichten auch die anderen Teilnehmer dieser Tour. „Eine bessere Form der Inklusion kann man sich gar nicht vorstellen“, sagt die „sehende“ Xenia Rak. Denn wenn man eine ansteigende Straße oder viele Schlaglöcher gemeinsam auf dem Tandem meistern will, müsse man sich aufeinander verlassen können. „Ich hab manchmal etwas gekreischt, wenn wir stark bremsen mussten. Und erst gedacht, dass das vielleicht etwas blöd auf meinen Tandempartner wirkt“, sagt Sibylle Schmidt. Aber ganz im Gegenteil: Der habe ihr nämlich gesagt, wie toll er es findet, dass sie emotionaler als er selbst ist.

Das Projekt, bei dem der Fürstenwalder Verein „Jugend und Sozialarbeit“ einer der drei Partner ist und das unter anderem vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk unterstützt wird, besteht aber nicht nur aus dem Radfahren. „An den meisten Orten, an denen wir übernachteten, haben wir auch getestet und diskutiert, wie barrierefrei sie für behinderte Menschen sind“, berichtet Xenia Rak. „In den polnischen Großstädten ist mir aufgefallen, dass es dort viel mehr Ampeln mit akustischen Signalen für Blinde gibt als bei uns“, sagt der Ukrainer Aleksander Nikolajtschuk.

Die Idee zum Rad-Marathon stammt aus der Ukraine. Eine Nichtregierungsorganisation aus Lviv (Lemberg) organisiert seit einigen Jahren solche Touren im Land und hatte jetzt internationale Partner gesucht.

Die letzte Etappe führt heute über 44 Kilometer aus Storkow zum Brandenburger Tor nach Berlin. Die Abgeordneten Thomas Nord (Linke) und Martin Patzelt (CDU) haben die Gruppe dann zu einer Führung durch den Bundestag eingeladen. Auch dabei werden die Blinden und die Sehenden wieder ihre Eindrücke austauschen.