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| 16:45 Uhr

Heldenverehrung in Polen
Die großen Männer mit den langen Bärten

Die Heldenverehrung in Polen huldigt den unterschiedlichsten Personen.
Die Heldenverehrung in Polen huldigt den unterschiedlichsten Personen. FOTO: Johannes M. Fischer
Warschau. Monumente und Denkmäler treten in Warschau wieder auffälliger ins Auge. Eine Betrachtung zur Heldenverehrung in Polens Hauptstadt. Von Johannes M. Fischer

Wie sollte es anders sein auf einem Königsweg? Für den deutschen Beobachter ist die Warschauer Allee der Sehenswürdigkeiten ein Schaulaufen versteinerter Männer aus der Vergangenheit: Nationaldichter, Würdenträger aus der Kirche und – weit oben im Rang – Märtyrer aus der Politik.

Wobei Schaulaufen vielleicht nicht ganz der richtige Begriff ist, auch wenn die Denkmäler aufgrund ihrer Vielzahl den Eindruck verschaffen, als seien sie in Bewegung. Es ist das Hase-Igel-Prinzip: Kaum hat man einen hinter sich gelassen, steht der nächste schon wieder vor einem. Und wie die beiden Igel gleichen sich Priester, Poeten und Politiker bei all ihrer Verschiedenheit doch erheblich. Die graue Farbe, die wahnsinnige Größe, die Abgehobenheit auf dem Sockel, die erhabene Geste. Unbeirrbar, kompromisslos, mit dem Anspruch auf Ewigkeit. Fest auf dem Boden menschlicher Macht- und Unterwerfungsphantasien.

Unbestrittene Nummer Eins unter den versteinerten Märtyrern ist im katholischen Warschau natürlich Jesus, der in tausendfacher Ausführung vornehmlich in Kirchen seine stille Macht ausübt. Deutlich sichtbarer auf der Straße aber ist ein Märtyrer aus der Neuzeit: Lech Kaczyński, zu Tode gekommen beim Flugzeugabsturz in Smolensk im Jahre 2010.

Der tote Kaczyński ist bereits nach wenigen Jahren fast schon so was wie ein Evergreen unter den Denkmälern. Mal mehr, mal weniger opulent feiert der frühere Präsident eine Art Auferstehung. Da ist es schon außergewöhnlich, wie zurückhaltend er auf asketischen Smolensk-Gedenktafeln präsentiert wird, gleich vor dem Präsidentenpalast. Manchmal hängen dort auch ein paar Kreuze aus Birkenholz windschief in einer schweren Absperrkette aus Eisen. Aber selbst diese Einfachheit hat etwas aufdringliches, weil sie den monumentalen Schlossbau und ein älteres Riesendenkmal – ein Kriegerfürst auf einem Pferd mit gezogenem Schwert – verschwimmen lässt. Es ist wie mit der Hintergrundunschärfe auf einem Foto: Das Detail im Vordergrund sticht ins Auge, der Hintergrund untermalt das Detail nur noch in schweren Tönen.


Nicht immer sind es Skulpturen von Personen.
Nicht immer sind es Skulpturen von Personen. FOTO: Johannes M. Fischer

Warschau 2018 ist natürlich viel mehr als die Ansammlung von Denkmälern, es ist modern und quirlig. Dennoch fallen die Monumente wieder mächtiger ins Gewicht, seitdem die konservativ-klerikale Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) verstärkt das Geschäft der Helden- und Legendenbildung betreibt. Vorneweg Parteichef Jarosław Kaczyński, der Zwillingsbruder von Lech.

Für die Sozialanthropologin Annamaria Orla-Bukowska, die an der Jagiellonen-Universität in Krakau forscht und lehrt, hat das machtpolitische Gründe.

Aufgebaut wurde die PiS 2001 von den Zwillingsbrüdern Kaczyński. Das herausragende Merkmal war anfangs ihr Eintreten für eine konsequente Kriminalitätsbekämpfung – also eine klassische Law and Order-Partei, die zudem ein traditionelles Familienbild förderte, wo Schwangerschaftsabbrüche oder Homosexualität keinen Platz finden. Nur vier Jahre nach ihrer Gründung wurde sie stärkste Partei im Parlament und bildete für zwei Jahre lang die Regierung. Bei den Wahlen 2007 verlor sie aber wieder ihre Führungsrolle – und die Regierungsmacht.

Der Machtverlust verführe Politiker manchmal dazu, auf einen heroischen Nationalismus zu bauen, um diese Macht wiederzuerlangen und dann auch zu behalten, meint Orla-Bukowska. Beispiele seien der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán und eben PiS-Parteichef Jarosław Kaczyński. „Manche Wähler mögen es, zu hören, sie seien Helden. Wenn das nämlich stimmt, können sie sich stolz fühlen und nicht schuldig oder beschämt.“ Das funktioniere besonders gut im Osteuropa des 21. Jahrhunderts, wo es im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg, dem Holocaust und der kommunistischen Vergangenheit so viele Schuld- und Scham-Diskussionen gegeben habe.


Auch den polnischen Soldaten wird gehuldigt.
Auch den polnischen Soldaten wird gehuldigt. FOTO: Johannes M. Fischer

Und so wird die alte Legende von der Rechtschaffenheit eines Landes und seines Volkes aufgeführt. Wenn dies tatsächlich die Strategie gewesen sein sollte, ging sie auf: 2015 kam die PiS mit viel Furore wieder an die Macht.

Eine bedeutende Rolle bei der Neujustierung des Geschichtsbildes spielt das Märtyrer-Dasein, wo sich Opferrolle und Heldentum verbinden: Polen, so die Darstellung, musste sich in seiner Geschichte immer wieder wehren, gegen Kommunismus, gegen Faschismus, gegen die Sowjets, gegen Russland, gegen Deutschland. Es war immer wieder Opfer, aber es hat sich niemals unterkriegen lassen, so die idealisierte Erzählweise. Das neue Gesicht dazu liefert der neue Held Lech Kaczyński: Bis zum heutigen Tag zweifeln Verschwörungstheoretiker und Bruder Jarosław die Unfallthese an – sie glauben an ein Attentat, gesteuert aus Russland. Das ist der Stoff, aus dem Helden gemacht werden.

Dass Polen in seiner Geschichte viel Leid und Ungemach erfuhr, ist unbestitten. Aber spätestens im Jahr 2001 bekam das Bild der vollkommenen Unschuld Risse, als Jan T. Gross das Buch „Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne“ veröffentlichte. Es sorgte für viel Erregung und Diskussion, weil es das Massaker an Juden im Jahr 1941 durch polnische Bewohner der Stadt Jedwabne aufhellte.

„Polen waren nicht nur Opfer“, stellt Orla-Bukowska fest. Und selbst in Fällen, wo sie Zeugen waren, sei doch festzuhalten: „Zeugen können hilflos sein, manchmal sind sie aber auch mitleidslos.“

Solche Gedanken trüben das Bild vom zeitlos-heldenhaften Dasein. Wo doch der Umgang mit Helden – insbesondere mit versteinerten – ohnehin schon schwer genug ist. Für die, die sie erschaffen, weil sie das Gedenken an die großen Taten ständig wach halten müssen. Für die, die sich von der Heldenverehrung abgestoßen fühlen, weil sie ihre Übermacht entweder lächerlich oder gar bedrohlich empfinden. Und auch für die, die die Idealisierungen als eine Beleidigung ihres Intellekts empfinden.

Allerdings gibt es durchaus auch eine ironische Art, die Anwesenheit der Helden zu billigen, ohne sie zu huldigen.

Die kanadische Soziologin und Journalistin Barbara Thériault, die sich intensiv mit Erinnerungskultur in Ostdeutschland beschäftigt, war in diesem Jahr für mehrere Monate Stadtschreiberin im ukrainischen Lwiw (Lemberg). Sie hat sowohl Polen als auch die Ukraine bereist. Eine Vorliebe für „große Männer mit langen Bärten“ erkennt sie in beiden Ländern. In ihrem öffentlichen Tagebuch macht sie ein Experiment: Was wäre, wenn die Statuen anfangen würden, zu sprechen? Sie beschreibt den „versteinerten Präsidenten“ Mychajlo Hruschewskyj, wie er milde auf „seine“ braven Dienstleute herabblickt, die in aller Frühe die Straße kehren. Dass er als riesiges Monument nur in den Köpfen der Menschen lebt, ist dem vor vielen Jahrzehnten verstorbenen Präsidenten nicht bewusst. „Manche behaupten, ich sei etwas steif geworden, aber man bewegt sich im Alter bekanntlich weniger.“