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| 14:58 Uhr

Interview mit Verleger Thomas Pago
„Die erste Polka“: Ein fast vergessener Roman wird neu entdeckt

 Thomas Pago schwärmt vom Roman „Die erste Polka“.
Thomas Pago schwärmt vom Roman „Die erste Polka“. FOTO: Elsinor Verlag
Cottbus/Berlin. Der Verleger spricht über Neuauflage des ersten Teils der preisgekrönten Tetralogie von Horst Bienek, die in dessen oberschlesischer Heimat handelt.

Einst viel gelesen, heute kaum mehr bekannt: Horst Bieneks Roman „Die erste Polka“ schildert die bürgerliche Gesellschaft seiner oberschlesischen Heimat kurz vor jenem Ereignis, das von den Nazis inszeniert wurde, um ihnen die Legitimation für den Überfall auf Polen zu liefern.  Über die Neuauflage des Werkes sprach die RUNDSCHAU mit dem Verleger Thomas Pago.

Herr Pago, am 1. September jährt sich der Überfall auf den Radio-Sender Gleiwitz zum 80. Mal. Sicher ist es kein Zufall, dass die Neuauflage der „Ersten Polka“ gerade jetzt erscheint.

Pago „Die erste Polka“ und die gesamte Tetralogie waren einst viel gelesene Bücher, gerieten aber nach dem zu frühen Tod des Autors in Vergessenheit; so etwas geschieht leider nur allzu oft. 44 Jahre nach der Erstveröffentlichung ist, finde ich, der Zeitpunkt gekommen, noch einmal nachdrücklich auf Horst Bieneks Werk hinzuweisen. Das Datum ist kein Zufall, es hängt natürlich mit der 80. Wiederkehr dieses Überfalls auf den Sender Gleiwitz zusammen. Nun muss man natürlich nicht zwangsläufig einen solchen Jahrestag zum Anlass für Neuerscheinungen oder Neuausgaben wiederentdeckter Bücher nehmen, aber in diesem Fall liegt die Verbindung mit dem Ereignis, das ja tatsächlich als Vorwand für den nationalsozialistischen Überfall auf Polen diente, einfach auf der Hand. Entscheidend war allerdings, dass es sich um einen wirklich gut geschriebenen Roman handelt, der nicht nur von persönlichem Erleben geprägt ist, sondern dem man auch die Beschäftigung mit der Geschichte anmerkt – der schlesischen wie der polnischen und deutschen.

In Oberschlesien, vor allem natürlich in Gleiwitz, ist Bieneks 1975 erschienenen Roman vielen Menschen ein Begriff. Wie sieht es in Deutschland aus?

Pago Die Generation, die sich noch gut an die 1980er-Jahre erinnert, dürfte sich auch noch an den Autor und die Tetralogie erinnern – jedenfalls der literarisch interessierte Teil dieser Generation. Den Jüngeren ist Horst Bienek allerdings kein Begriff mehr, fürchte ich – ich denke, dass inzwischen eine ganze Generation „Die erste Polka“ nicht mehr kennt. Und das gilt wahrscheinlich auch für die darin erzählte Welt: Der Kalte Krieg ist zum Glück Geschichte, Polen und Deutschland sind befreundete Nachbarn innerhalb der EU, die Grenzen trennen uns nicht mehr – aber die gemeinsame Geschichte gerät trotzdem allmählich in Vergessenheit; ich weiß gar nicht, wie vielen jungen Menschen in Deutschland zum Beispiel Schlesien überhaupt noch ein Begriff ist.

Was macht „Die erste Polka“ besonders lesenswert?

Pago Bienek, der übrigens als Lyriker begonnen hat und wirklich mit der Sprache umzugehen verstand, ist es gelungen, eine sehr vielschichtige und komplexe geschichtliche Phase enorm zu verdichten – auf die Geschichte einer Familie an einem einzigen bedeutenden Tag, eben dem Tag des Überfalls auf den Sender Gleiwitz, zufällig der fiktive Hochzeitstag der Tochter der Familie Piontek. Da spielt sich eine Liebesgeschichte unter Jugendlichen ab (nicht die der Braut), man erlebt das Wirken familiärer Zwänge und erlebt auf der Hochzeitsfeier, in der das Geschehen kulminiert, ein ganzes Panoptikum an Gestalten – Oberschlesier, Polen und Deutsche aus dem „Reich“. Vor allem aber bekommt man die politischen Spannungen zu spüren, teils schon vorhanden, zum größeren Teil aber „importiert“ von den Nazis aus dem „Reich“, die den Charakter Oberschlesiens nicht verstehen. In einer eindrucksvollen Rede des Pfarrers über die „Wortmusik“ der teils deutschen, teils slawischen Ortsnamen wird zum Beispiel eine Welt sichtbar, in der ein friedliches Miteinander verschiedenster Kulturen möglich war – und die letztlich durch Nationalismus zerstört wurde. Ein Thema also, das auch heute durchaus aktuell scheint.

Bienek ist auch deswegen so bemerkenswert, weil er wirklich frei ist von Ressentiments und Revanchismus: Er war ein deutscher Schriftsteller, der sich wehmütig an das Schlesien seiner Kindheit erinnerte, aber sich auch Polen eng verbunden fühlte. Das gefiel in den 1970er-Jahren nicht jedem, aber es war eine Haltung, die auch heute, im gemeinsamen Europa, Bestand haben kann.

Die „Erste Polka“ ist der erste Teil der Tetralogie „Gleiwitz. Eine oberschlesische Chronik in vier Romanen“, für die der 1990 verstorbene Autor zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Werden Sie auch die anderen Teile neu auflegen?

Pago Geplant ist das, allerdings müssen Verlagsentscheidungen natürlich immer auch die wirtschaftliche Seite im Blick haben. Wenn die Neuausgabe der „Ersten Polka“ aber ein hinreichend großes Publikum findet, spricht nichts gegen eine Weiterführung.

 Thomas Pago schwärmt vom Roman „Die erste Polka“.  Foto: Elsinor Verlag
Thomas Pago schwärmt vom Roman „Die erste Polka“. Foto: Elsinor Verlag FOTO: Elsinor Verlag