Vielfalt war  Thema beim diesjährigen Deutsch-Polnischen Jugendpreis. 80  Projekte wetteiferten um den Sieg.  „Romeo und Julia“ in der Grenzregion, Songs, Projekte zu Hate-Speech und Genderthemen, Filme, Zirkus, ein Gerät, das Gehörlosen hilft, Barrieren zu überwinden...  Anke Papenbrock vom  Deutsch-Polnischen Jugendwerk (DPJW), dem Veranstalter, gerät ins Schwärmen, als sie aufzählt, was junge Leute gemeinsam auf die Beine gestellt haben.  Die Rundschau sprach mit ihr darüber, wie das Jugendwerk dabei hilft, dass sich junge Leute der Nachbarländer besser kennenlernen können.

Erstaunlich, diese breite Palette der Wettbewerbsergebnisse! Auf welche Hilfe vom DPJW können junge Leute und ihre Betreuer  zählen?

Papenbrock  Das Jugendwerk fördert nahezu jede Art von deutsch-polnischen Jugendaustausch. Wir unterstützen Projekte von Schulpartnerschaften, Sportvereinen, Kultur- und Theatergruppen, Chören, Musikschulen, Pfadfindern und vielen weiteren Kooperationen. Die Partner stellen bei uns oder einer unserer Zentralstellen einen Antrag und erhalten dann Fördermittel. Es gibt Reisekostenzuschüsse und Programmzuschüsse. Die Höhe der Beträge hängt  von Entfernungen, die Partner zueinander zu überwinden haben, aber auch von Art und Aufwand des geplanten Programms ab. Auch für den Einsatz von Dolmetschern gibt es Hilfe. Aber – Bedingung ist, dass es wirklich authentische Begegnungen zwischen Kindern oder Jugendlichen beider Länder geben muss. Sie müssen etwas zusammen unternehmen. Eine Klasse fährt nach Zielona Gora, guckt sich was an und fährt wieder zurück – das  wird nicht gefördert.

Gibt für den grenznahen Raum nicht sogar Sonderregelungen?

Papenbrock Üblicherweise fördern wir Begegnungen von Kindern und Jugendlichen im Alter von zwölf- bis 26 Jahren, die mindestens vier Tage dauern. Im grenznahen Raum aber werden auch Projekte mit jüngeren Kindern unterstützt. Es gibt ziemlich viele mit Grundschulklassen und sogar Kita-Gruppen, die das intensiv nutzen. Unternehmungen der Kleinen dürfen dann gern auch nur einen Tag dauern.

Was bedeutet denn „grenznaher Raum“?

Papenbrock Das sind  Bundesländer und Woiwodschaften, die direkt an der Grenze liegen. Brandenburg ist nach unseren Kriterien also komplett grenznaher Raum, Sachsen auch. Wobei sich die Förderanträge schon für Projekte in Grenznähe, also in Guben/Gubin, Frankfurt (Oder)/Slubice und Görlitz/Zgorzelec häufen.

Für welche grenzüberschreitenden Unternehmungen werden denn besonders oft Fördermittel beantragt?

Papenbrock Wir sind offen für alle Bewerbungen, die unsere Kriterien erfüllen. Etliche,  Schulklassen zum Beispiel, beginnen mit Kennenlern-Treffen, sie verbringen Freizeit miteinander, besichtigen Sehenswürdigkeiten. Aber es gibt auch viele, die sich ziemlich schnell Sachthemen zuwenden, oft aus dem Gebiet Geschichte. Oder sie stellen ein Theaterstück auf die Beine, geben ein Konzert oder engagieren sich mit Umweltschutz.

Wie sieht es in der Lausitz mit solchen Partnerschaften aus?

Papenbrock Da fallen mir einige ein. Der Sportverein SV Döbern zum Beispiel organisiert jedes Jahr mehrere Treffen mit Gästen aus Polen. Sowohl die Sparte Tanz als auch die Fußballer haben Partner in Polen, die einander besuchen. Auch gemeinsame Winterferienprogramme zu unterschiedlichen Themen werden auf die Beine gestellt.

Haben Sie noch mehr Beispiele aus unserer Region parat?

Papenbrock Kitas aus Guben und Gubin unternehmen viel zusammen. Ein Kindergarten im polnischen Łeknica hat seit 2007 eine Partnereinrichtung in Bad Muskau. Projekte der BTU Cottbus-Senftenberg sind von uns auch schon gefördert worden. Der Gemeinnützige Berufsbildungsverein aus Guben kooperiert mit einer Förderschule aus Rydzina. Beide arbeiten mit benachteiligten Jugendlichen. Bereits seit Ende der 1990er-Jahre stellen sie jedes Jahr gemeinsam Projekte auf die Beine. Vor drei Jahren haben sie den Deutsch-Polnischen Jugendpreis gewonnen. Mir fällt auch noch die Station Junger Naturforscher in Weißwasser ein. Auch sie unterhält seit vielen Jahren gute Beziehungen ins Nachbarland.

Es  scheint also gar nicht schwer zu sein, Freunde im Nachbarland zu finden...?

Papenbrock Wenn man das möchte und sich kümmert. Natürlich ist es gut, passende Partner zu finden.

Können Sie da auch helfen?

Papenbrock Auf unserer Internetseite gibt es eine Partnerbörse. Man kann sich eintragen oder erst mal schauen, wer schon drin steht und auch auf der Suche ist. Wird man fündig, macht man den ersten Schritt, das erste Projekt, schaut, ob die Chemie zwischen Organisatoren und Teilnehmern stimmt. Wenn ja, entwickelt sich sehr oft eine Freundschaft daraus.  Viele  Partnerschaften entlang der Grenze haben eine richtig lange Geschichte miteinander.

Auch ein Praktikum im Nachbarland kann ein erster Schritt sein.

Papenbrock Es können sich sowohl junge Deutsche als auch junge Polen bei uns um Förderung dafür bewerben. Voraussetzung ist ein Betrieb, in dem sie arbeiten können. Drei Monate unterstützt das Jugendwerk.  Im  vergangenen Jahr haben wir unter dem Titel „Zusammen kommen wir weiter – jetzt beruflich“ ein Modellprojekt aufgelegt, das auf Berufsorientierung ausgerichtet ist. Es gibt jetzt schon die dritte Auflage.

Worum  geht es dabei?

Papenbrock Wir unterstützen die Entstehung eines Netzwerkes von Firmen, die Interesse haben, ihre Lehrlinge auch einmal ins Nachbarland zu schicken und im Gegenzug Jugendliche für ein Praktikum aufzunehmen.

Gibt es Interesse? Oft hört man, dass man dem in Polen deutlich aufgeschlossener gegenübersteht?

Papenbrock Ja, oft ist das Interesse auf polnischer Seite sehr viel schneller geweckt. Auch wenn das Jugendwerk Weiterbildungsseminare anbietet, gibt es sehr schnell zahlreiche Anmeldungen aus Polen. Von der deutschen Seite sind es meist nicht so viele, und sie kommen auch später.

Hauptsache sie kommen..

Papenbrock (lacht) Es fällt sehr selten bei uns etwas aus.

Welchen Themen behandeln die Seminare für Betreuer?

Papenbrock Sie haben immer Praxisbezug. Es geht zum Beispiel darum, Ideen zu kreieren, mit denen man Jugendliche begeistern kann. Dabei wechseln die Themenschwerpunkte. Derzeit geht es um „Vielfalt“ und wie  ich damit umgehe. Denn es treffen ja nicht homogene Gruppen aufeinander, sondern junge Menschen mit unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen. Für „Anfänger“, zum Beispiel Klassen, die das erste mal eine Begegnung organisieren wollen, gibt es auch Seminare unter dem Motto „Debütantenball“. Dabei geben wir Tipps, worauf es beim ersten Mal ankommt.

Was ist denn das Wichtigste?

Papenbrock Das hängt von den Teilnehmern ab. Aber ganz wichtig ist, dass sich nicht etwa Lehrer im stillen Kämmerlein ein Programm ausdenken, das bei den Schülern dann überhaupt nicht ankommt. Die Mädchen und Jungen müssen von Anfang in die Planung einbezogen werden.

Welche Rolle spielen eigentlich bei Jugendlichen die sogenannten Befindlichkeiten, die Unterschiede von Polen und Deutschen, über die es schon mehrere humorvollen Büchlein gibt?

Papenbrock Diese interkulturellen Unterschiede gibt es unabhängig vom Alter. Es ist ja gerade das Spannende, bei den Begegnungen zu lernen, sich darauf einzulassen und zu sehen, wie man damit umgeht, ohne einander  zu verletzen.

Haben Sie konkrete Tipps?

Papenbrock Man sollte vielleicht bei Treffen mit polnischen Jugendlichen, die über ein Wochenende gehen, einen Gottesdienstbesuch einplanen, weil das im Nachbarland wichtiger als hierzulande ist. Wir haben ein kleines Büchlein „Polnisches ABC“ zu interkulturellen Besonderheiten herausgegeben,  dass auch ein polnisches Pendent „Niemiecki ABC“ hat. . . 

Gibt’s da draus etwas besonders Wichtiges?

Papenbrock Zum Beispiel den Punkt K wie Kühlschrank. Deutsche Gasteltern sagen gerne zu ihren jungen Besuchern: Und wenn Du Hunger oder Durst hast, dann bediene Dich einfach im Kühlschrank! Das allerdings ist in Polen absolut nicht üblich, wenn man irgendwo zu Gast ist. Da wartet man, dass etwas angeboten wird, und es wird ja auch immer was angeboten...

Gut zu wissen, hungrig sollten Gäste nicht ins Bett gehen.

Papenbrock Es gibt zwar interkulturelle Unterschiede, aber vor allem merken die Mädchen und Jungen, wenn sie eine Weile zusammen sind,  wie viel sie verbindet. Dass sie sich für dieselben Themen interessieren, dieselbe Musik hören und dieselben Klamotten gut finden. Sie haben dann schnell eine ganz andere Basis miteinander als Erwachsene.

Was ja enorm wichtig ist. Vor drei Jahren, zum 25. Geburtstag des Deutsch-Polnischen Jugendwerkes gab es viel Lob für die Arbeit. Es kam aber auch zur Sprache, dass Geld für so wichtige Projekte fehlt. Hat sich da was getan?

Papenbrock Ja, es gab Bewegung. Wir haben sowohl von der deutschen als auch von der polnischen Seite eine Aufstockung bekommen. Das ist eine Erleichterung, auch wenn es nicht reicht, alle Projekte komplett zu finanzieren. Aber es gibt ja die Möglichkeit für einen Antragsteller, noch einen weiteren Geldgeber zu gewinnen.

Wie wichtig ist Sprache bei den Begegnungen?

Papenbrock Polnisch oder Deutsch zu können ist keine Voraussetzung für die Treffen. Die Jugendlichen sprechen zumeist Englisch miteinander. Es gibt aber auch viele jungen Polen, die Deutsch noch in der Schule lernen. Wir haben eine kleine Broschüre herausgebracht, die es auch als App gibt. „Versuch’s auf Polnisch“ heißt die. So versuchen wir eigentlich ganz erfolgreich deutsche Schüler zu animieren, polnische Sätze  zu sprechen. Das macht ja auch Spaß!

Mit Anke Papenbrock
sprach Verena Ufer

Guben/Cottbus/Rydzyna