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| 23:45 Uhr

Interview
„Das Buch Hiob ist sehr wichtig für mich“

Twardoch zählt sich zur Minderheit der  polnischen Schlesier und pflegt in seiner Familie die schlesische Sprache.
Twardoch zählt sich zur Minderheit der polnischen Schlesier und pflegt in seiner Familie die schlesische Sprache. FOTO: Henning Kaiser / picture alliance / dpa
Köln. Der polnische Schriftsteller – in seiner Heimat ein Star – spricht über Boxen, Pottwale, Politik und natürlich über sein neues Buch. Von Joachim Heinz

„Meinen Vater hat ein großer, gutaussehender Jude mit breiten Schultern und dem mächtigen Rücken eines makkabäischen Kämpfers getötet.“ So lässt Szczepan Twardoch seinen neuen Roman „Der Boxer“ beginnen. Gelegentlich als Thriller bezeichnet, ist die Erzählung aus der Warschauer Unterwelt kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs doch viel mehr. Ein Fenster zu einer untergegangenen Welt. Und eine Art Parabel auf die Gegenwart. Der 38 Jahre alte Autor ist in Polen längst ein Star.

Herr Twardoch, der Anfang einer Erzählung ist oft so etwas wie eine Visitenkarte. Wie lange haben Sie an dem ersten Satz Ihres Romans „Der Boxer“ gefeilt?

Twardoch  Schwer zu sagen. Es war auf jeden Fall nicht der allererste Satz, den ich geschrieben habe. So etwas kann man nicht erzwingen, man muss warten. Wichtiger ist, die Idee für die Geschichte und ein Konzept zu haben.

„Der Boxer“ spielt in Warschau im Jahr 1937. Jüdische Gangster treten auf, dazu Antisemiten und andere Fanatiker - was hat Sie dazu inspiriert?

Twardoch  Ein Mix aus ganz unterschiedlichen Dingen, vor allem aber Bücher. Und das, was sich damals tatsächlich in Warschau abgespielt hat.

In „Morphin“, mit dem Ihnen 2012 der Durchbruch gelang, streift ein Leutnant 1939 durch die zerbombte polnische Hauptstadt – warum zieht es den Erzähler Twardoch immer wieder dorthin?

Twardoch  In beiden Fällen geht es um eine Welt, die dem Untergang geweiht ist. Das konnte damals natürlich niemand wissen, aber der Leser weiß es. Darin steckt etwas sehr Poetisches: Die Erkenntnis, wie flüchtig und vergeblich alles menschliche Streben ist. Dazu passt dieses alte jüdische Sprichwort: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, dann musst du ihm von deinen Plänen erzählen.“

„Der Boxer“ entwirft ein schillerndes Panorama jüdischen Lebens im Warschau der unmittelbaren Vorkriegszeit. Welche Quellen liegen dem zugrunde?

Twardoch  Ich selbst habe keinerlei jüdische Wurzeln oder Vorfahren - ich musste also recherchieren. Eine große Fundgrube war das Jüdische Historische Institut in Warschau. Dann waren da Zeitungen aus der Epoche. Kleinanzeigen verraten mehr über den Alltag der Menschen als die Namen von Präsidenten und Diktatoren. Bei den Passagen in Jiddisch hat mir Ewa Geller, eine weltweit anerkannte Spezialistin von der Uni Warschau, geholfen.

Ein ziemlicher Aufwand.

Twardoch  Warschau war vor dem Zweiten Weltkrieg eine unglaublich schnelllebige, eine vielsprachige Stadt. Ohne das Jiddische hätte etwas Entscheidendes gefehlt.

In einigen surrealen Sequenzen schwebt über Warschau ein riesiger Pottwal, der immer nur ein Wort ausstößt: „Litani“ – irgendwie bedrohlich.

Twardoch  „Litani“ meint den „Leviathan“, ein mythisches Seeungeheuer. Sein Gegenstück auf dem Land ist Behemoth. Ich finde die alte Idee eines Kampfes zwischen diesen beiden archaischen Mächten faszinierend. Zugleich trägt der Leviathan Züge eines menschenverschlingenden Wals, so wie im biblischen Buch Jona. Der Pottwal und sein Ruf „Litani“ bilden sozusagen eine doppelte Metapher für die Bedrohung der menschlichen Existenz.

Auch der Leviathan selbst kommt in der Bibel vor.

Twardoch  Ja, zum Beispiel im Buch Hiob, das sehr wichtig für mich ist. Vor einiger Zeit habe ich den Film „Leviathan“ von Andrei Swjaginzew gesehen, eine moderne Fassung des Buches Hiob. Wie der Regisseur die Hilflosigkeit des Menschen in Szene setzt, wenn er mit der Macht des Staates konfrontiert wird, ist sehr ergreifend. Zu Beginn des Films sind massenhaft Walknochen an einem Strand zu sehen. Da muss mir die Idee mit dem Meeresungeheuer über Warschau gekommen sein.

 Sehen Sie heute bedrohliche Schatten über Europa?

Twardoch  Ja. Wir leben in Europa seit mehr als 70 Jahren im Frieden. Ich hoffe sehr, dass mindestens 70 weitere Jahre folgen. Rein statistisch gesehen ist aber wahrscheinlicher, dass wir noch zu unseren Lebzeiten den Krieg am eigenen Leib erfahren werden. Das sollten wir wissen - und alles daran setzen, damit es nicht dazu kommt.

 Ist das nicht ein wenig arg pessimistisch?

Twardoch  Wenn ich von meinem Heimatort Pilchowice 1000  Kilometer westwärts fahre, komme ich nach Köln. Dort treffe ich, wie bei mir zu Hause, auf Menschen, die den Frieden für etwas Selbstverständliches halten. Fahre ich von Pilchowice aus 1000 Kilometer nach Osten, lande ich in Donezk. Dort haben die Menschen bis vor Kurzem ebenfalls den Frieden für etwas Selbstverständliches gehalten. Bis der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine eskalierte.

Das heißt?

Twardoch Du kannst dich so sicher fühlen wie du willst - du solltest immer damit rechnen, dass die Geschichte in dein Leben einbricht.

In Polen versucht die Regierung gerade mit ihrem Holocaust-Gesetz, die Geschichte einzuhegen, sie gerichtsfest zu machen.

Twardoch  Ein völliger Unsinn und ein PR-Desaster noch dazu. Natürlich gab es keine „polnischen Todeslager“. Aber ich glaube, dass die Mehrzahl der Menschen damit lediglich eine geografische Zuordnung aus heutiger Sicht vornehmen und nicht den Polen die moralische Verantwortung für die KZs der Nationalsozialisten zusprechen will. Aber seit es dieses Gesetz gibt, haben sich die Google-Anfragen nach „polnischen Todeslagern“ um ein Zigfaches erhöht.

 In Ihrem Roman thematisieren sie polnischen Antisemitismus. Fürchten Sie für Ihre Arbeit rechtliche Konsequenzen aus dem Gesetz, das unter anderem eine faktenwidrige Mitverantwortung von Polen an den Verbrechen des Dritten Reichs unter Strafe stellt?

Twardoch  Nein, einmal abgesehen davon, dass ich mir eine tatsächliche Anwendung kaum vorstellen kann. Das Problem liegt woanders. Im kollektiven Gedächtnis war lange Zeit kein Platz für polnischen Antisemitismus vor und während des Zweiten Weltkriegs. Selbst Intellektuelle versuchten  das auszublenden. Das ist kindisch. Eine Gesellschaft kann sich nur fortentwickeln, wenn sie sich ihrer Geschichte bewusst ist.

Wo sehen Sie die Ursachen für den schleppenden Verlauf der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit?

Twardoch  Polen hat massiv gelitten während des Zweiten Weltkriegs. Danach erstickte der Kommunismus 50 Jahre lang öffentliche Debatten über Versagen und Verdienste von Politik und Gesellschaft. Aber: Wir leben seit inzwischen drei Jahrzehnten in einer Demokratie . . .

. . . die manche Beobachter bedroht sehen durch den autoritären Regierungsstil der PiS-Partei.

Twardoch Meiner Meinung nach agiert die aktuelle Regierung komplett unterirdisch. Zur Wahrheit gehört aber auch: In Polen gibt es starke regierungskritische Medien, ich kann meine Meinung sagen, ohne dafür ins Gefängnis zu müssen, niemand fälscht Wahlen. Wir sollten mit dem Begriff „autoritär“ vorsichtig umgehen. Was wollen wir sagen, wenn in Polen tatsächlich ein autoritäres Regime ans Ruder kommt?

Zurück zu Ihrem Roman, der mit einer fulminanten Box-Szene beginnt. Sie selbst sind über das Schreiben zum Faustkampf gekommen. Sehen Sie sich in einer Linie mit boxenden Literaten wie Ernest Hemingway?

Twardoch  Nein, gar nicht. Ich boxe, weil es den Kopf frei macht und billiger ist  als jede Therapie.

Haben Sie ein literarisches Vorbild?

Twardoch  Sandor Marai. Ich bewundere seinen leisen Mut, seine Charakterstärke.

Auch Marai, der seine Heimat Ungarn 1948 verlassen musste, erzählt von versunkenen Welten.

Twardoch  Aber ich habe nie versucht, ihn zu kopieren. Marai war ein Bourgeois im besten Sinne des Wortes. Ich komme aus einer Bergarbeiterfamilie. Er schreibt sehr elegant, sehr feinsinnig. Ich schreibe schmutzig, brutal. Ich mag Gewalt - allerdings nur in der Literatur.

Mit Szczepan Twardoch
sprach Joachim Heinz

Szczepan Twardoch: „Der Boxer“,  Rowohlt Verlag, Reinebck 2018, 22,50 Euro.

Szczepan Twardochs neues Buch 
Szczepan Twardochs neues Buch  FOTO: rowohlt