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| 21:25 Uhr

Lehrer- und Erziehermangel wird immer mehr zum Problem
Brandenburg umwirbt polnische Pädagogen

 Brandenburg verspricht polnischen Lehrern gute Gehälter und Karrierechancen. Aber wie viele werden diesem Lockruf folgen? Im Nachbarland ist man zudem verstimmt wegen der Abwerbeaktivitäten.
Brandenburg verspricht polnischen Lehrern gute Gehälter und Karrierechancen. Aber wie viele werden diesem Lockruf folgen? Im Nachbarland ist man zudem verstimmt wegen der Abwerbeaktivitäten. FOTO: dpa / Julian Stratenschulte
Viele  Lehrer verlassen aus Altersgründen den Schuldienst. Und wegen der Kita-Platz-Zusage steigt der Bedarf an Erziehern. Was nun? Von Manfred Rey und Dietrich Schröder

Um den wachsenden Bedarf an pädagogischen Fachkräften in den kommenden Jahren zu decken, will Brandenburg vermehrt polnische Bewerber in Bildungs-, Kinder- und Jugendeinrichtungen einstellen. Neben der beruflichen Qualifizierung seien dafür sehr gute deutsche Sprachkenntnisse erforderlich, teilte das Bildungsministerium in Potsdam auf eine Anfrage der Linken im Landtag mit. Gezielte Werbeaktionen in Polen seien aber nicht geplant, erklärte das Ministerium auf dpa-Anfrage.

Für ein künftiges gemeinsames deutsch-polnisches Vorhaben „Polnische Erzieherinnen und Erzieher in Brandenburger und polnischen Kitas“ könnte für die neue EU-Förderperiode 2020 allerdings geprüft werden, ob dafür Mittel aus dem Europäischen Strukturfonds eingesetzt werden können, hieß es weiter. Brandenburg und Polen müssten sich aber erst über Schwerpunkte der neuen EU-Förderperiode abstimmen.

Ende Mai waren nach Angaben des Ministeriums bereits 122 Pädagogen mit polnischer Staatsangehörigkeit in den öffentlichen Schulen Brandenburgs beschäftigt, davon etwa jeder zweite im Bereich des Schulamtes Frankfurt (Oder). Ende März des vergangenen Jahres waren es in Brandenburg erst 106 Fachkräfte.

Auch in märkischen Kindertagesstätten sind Kräfte aus Polen im Einsatz. Das betreffe insbesondere Kitas mit deutsch-polnischem Schwerpunkt. Bei einem polnischen Berufsabschluss muss der Kita-Träger laut Ministerium zunächst eine Gleichwertigkeit mit einem deutschen Abschluss prüfen. Auch wenn der polnische Berufsabschluss nicht dem deutschen zu hundert Prozent entspricht, können Bewerber in Kitas eingeschränkt arbeiten.

Wer in einer Kindertagespflegeeinrichtung arbeiten will, benötigt der Antwort zufolge eine Pflegeerlaubnis. Für die fachliche Qualifizierung müssen Bewerber einen 30 Stunden umfassenden Vorbereitungslehrgang absolvieren. Fehlt eine pädagogische Ausbildung, ist darüber hinaus noch eine Grundqualifizierung von 130 Stunden erforderlich. Die Jugendämter seien zuständig für die Pflegeerlaubnis und Anerkennung polnischer Berufsabschlüsse im Bereich der Kindertagespflege.

Um neue Bewerber für einen Job in Brandenburg zu gewinnen, hat das Ministerium einen speziellen Flyer entwickelt, der im deutsch-polnischen Grenzraum verteilt wird. Darin wirbt Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) mit sicheren Arbeitsplätzen und einer sehr guten Bezahlung in Brandenburg.

Gesucht werden danach insbesondere Lehrer an Grundschulen, aber auch für weiterführende Schulen in den Fächern Mathematik, Kunst, Musik, Physik, Biologie, Chemie, Englisch, Informatik und Sport. Die Ministerin wirbt auch um Lehrkräfte für Förderschulen.

Auch wenn Pädagogen in Polen nur ein Unterrichtsfach studiert haben, können sie im Brandenburger Schuldienst beschäftigt werden. Möglich sei es im Land, ein zweites Unterrichtsfach zu studieren, die Befähigung für ein Lehramt zu erwerben und in ein Beamtenverhältnis übernommen zu werden.

In Polen stößt der Vorstoß aus Brandenburg auf Skepsis bis Kritik. „Bei uns werden selbst Fachlehrer in Mathematik, den Naturwissenschaften und Englisch benötigt“, sagte die Vize-Bildungskuratorin der Wojewodschaft Lebuser Land, Katarzyna Pernal-Wyderkiewicz, auf Anfrage.

Sie reagierte damit auch auf die Flyer des Potsdamer Bildungsministeriums, die im Grenzraum verteilt werden. In denen verspricht Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) sichere Arbeitsplätze und eine gute Bezahlung. Die polnische Staatsbeamtin verwies darauf, dass es auch im Nachbarland schwierig sei, junge Leute für den Lehrerberuf zu gewinnen. Das massenhaft Lehrer aus Polen nach Deutschland abwandern würden, sei freilich auch nicht zu befürchten, weil nur die wenigsten über so gute Deutschkenntnisse verfügten, um in Brandenburg Lehrer sein zu können.

Im Frühjahr hatte es in ganz Polen einen massiven Lehrerstreik gegeben, bei dem die Pä­dagogen eine bessere Bezahlung gefordert hatten. Dieser war wegen der Prüfungen in den Schulen unterbrochen worden. Das Warschauer Bildungsministerium hatte darauf angekündigt, die Gehälter für Lehrer, die zwischen 800 und 1500 Euro betragen, um 15 Prozent anheben zu wollen.

 Brandenburg verspricht polnischen Lehrern gute Gehälter und Karrierechancen. Aber wie viele werden diesem Lockruf folgen? Im Nachbarland ist man zudem verstimmt wegen der Abwerbeaktivitäten.
Brandenburg verspricht polnischen Lehrern gute Gehälter und Karrierechancen. Aber wie viele werden diesem Lockruf folgen? Im Nachbarland ist man zudem verstimmt wegen der Abwerbeaktivitäten. FOTO: dpa / Julian Stratenschulte